18. August 2017

Ein UMA schlägt sich durch

Khalil Abolfazi ist vor zwei Jahren mit seiner Cousine aus dem Iran geflüchtet und als sogenannter unbegleiteter Minderjähriger in die Schweiz gekommen. Nun besucht der 17-Jährige das Gymnasium.

Khalil Abolfazi
Khalil Abolfazi hat seine Eltern und seine Schwester im Iran zurückgelassen: «Ich vermisse meine Familie sehr.» (Bild: Daniel Auf der Mauer)

Gut 20 Tage lang dauerte ihr beschwerlicher Weg – erst zu Fuss, dann mit dem Bus: Khalil Abolazi (17) und seine Cousine Razie Sarvari (19) flüchteten im Oktober 2015 aus dem Iran. «Zu Beginn marschierten wir praktisch ununterbrochen 30 Stunden lang durch das iranische Gebirge bis in die Türkei. Meine Eltern hatten uns etwas Geld, Sandwiches und Wasser mitgegeben und uns zum Abschied lange umarmt.»

Nach dem Fussmarsch waren beide erschöpft, geschlafen hatten sie nie – auch wegen der Gefahr, von Grenzbeamten aufgespürt zu werden. Obwohl Khalil jünger ist als seine Cousine, fühlte er sich für sie verantwortlich. «Als wir an der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei standen, hatte ich grosse Angst, denn wir hätten festgenommen und nach Afghanistan abgeschoben werden können», sagt Razie Sarvari.

Zahlung an Schlepperorganisation

Khalil Abolfazi wurde in der 1,9-Millionen-Stadt Karadsch nordwestlich der Hauptstadt Teheran geboren; hier lebte er bis zu seiner Flucht mit den Eltern und seiner Schwester. «Meine Eltern waren aus Afghanistan vor den Taliban in den Iran geflohen. Aber auch dort wurden wir diskriminiert und bekamen keinen Ausweis. Ich spreche zwar perfekt Persisch, wurde aber ausgegrenzt, weil ich anders aussehe», sagt Khalil. Als die Situation für ihn und seine Cousine unerträglich wurde, entschieden sie sich zur Flucht. Dafür mussten sie eine Zahlung an eine Schlepperorganisation leisten.

Die Flucht gelang. In mehreren Busetappen schafften sie es von der Türkei über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Österreich und Deutschland bis in die Schweiz. Er habe sich für die Schweiz entschieden, weil er von Flüchtlingen in Wien gehört habe, dass das Land sicher sei, sagt Khalil. Heute lebt er im MNA-Zentrum Lilienberg in Affoltern ZH. MNA steht für Mineurs non accompagnés – unbegleitete Minder­jährige. Das Zentrum beherbergt rund 80 Bewohner zwischen 12 und 18 Jahren. Seine Cousine wohnt in Hettlingen ZH in einer Wohngemeinschaft mit zwei Flüchtlingen aus Pakistan und China.

Knapp zwei Drittel der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden – kurz: UMA – sind in der Schweiz 16 bis 17 Jahre alt, wohnen in speziellen Zentren für Minderjährige. Sie stammen aus Eritrea, Afghanistan und Somalia. Erst kürzlich hat der Bundesrat betont, dass die Herkunft und das Alter in 95 Prozent der Fälle auf Angaben der Personen und nicht auf Dokumenten beruhten. Auch Khalil und seine Cousine hatten bei der Einreise keinen Pass.

Seit 2015 geht die Zahl unbegleiteter minderjähriger Asylsucherender in der Schweiz zurück.

2016 wurden rund 2000 minderjährige Asylsuchende registriert, die ohne ihre Eltern einreisten. Zurzeit ist die Zahl rückläufig, weil die Schweiz als Zielland an Attraktivität verloren hat: Zwischen Januar und Juli 2017 zählte man noch 474 Gesuche. Kinder und Jugendliche wie Khalil werden prioritär behandelt; sie erhalten einen Beistand. 2015 und 2016 beantragten laut Unicef 170 000 unbegleitete Kinder unter 18 Jahren europaweit Asyl.

Übers Internet in Kontakt mit der Familie

Khalil ist ein guter Schüler. Zunächst besuchte er die Schule in Lilienberg, wo er anfangs zwei Tage lang auf der tiefsten Stufe Deutsch lernte – um nach nur fünf Monaten bereits in der höchsten Stufe anzukommen. Die gute Leistung ist belohnt worden: «Meine WG besteht aus sechs Personen. Wir teilen uns eine Küche und ein Badezimmer. Wer gute schulische Leistungen erbringt, schläft mit nur einer weiteren Person in einem Zimmer mit zwei Betten. Alle anderen übernachten in Vierbettzimmern.»

Anfang dieses Jahres wurde Khalil vorläufig in der Schweiz aufgenommen. Nun folgt der nächste grosse Schritt: Er wird an der Kantonsschule Rämibühl in Zürich das Gymnasium besuchen mit dem Ziel, danach zu studieren. Der Sohn eines Sanitärinstallateurs und einer Hausfrau möchte künftig im mathematischen Bereich tätig sein. Und eine Familie gründen? «Zuerst muss ich dafür sorgen, dass es meiner Familie, die im Iran in schlechten Verhältnissen lebt, wieder besser geht. Meine Eltern vermissen mich sehr. Sie haben alles darangesetzt, dass mir meine Flucht gelingt und ich ein besseres Leben in Europa habe. Und selbstverständlich vermisse ich meine Eltern und meine Schwester ebenso.» Traurig fügt Khalil an, dass seine Mutter krank sei und keine beschwerliche Reise machen könne. Deshalb bleibe der inzwischen arbeitslose Vater bei der Mutter und der erst sechs Jahre alten Schwester.

Khalil tauscht sich regelmässig über Internettelefonie mit seiner Familie aus. Er ist besorgt, weil sie fast kein Geld mehr hat. Er selbst lebt von 90 Franken pro Woche, damit muss er Essen, Kleidung, ÖV und Hygienartikel finanzieren. «Ich fühle mich wohl hier. Der Bevölkerung ist es egal, ob jemand Schweizer, Afghane oder Iraner ist.»

Die Cousine sieht er seit der gemeinsamen Flucht nur noch ein-, zweimal pro Monat. Die Einsamkeit sei ihr grösstes Problem, sagt Razie. «Meine Eltern sind schon früh gestorben, ich habe nur noch Kontakt zu meiner ebenfalls im Iran lebenden Schwester. Beste Freunde habe ich keine. Am meisten tausche ich mich mit den beiden Frauen aus, die in unserer WG leben.»

Razie hat eine Aufenthaltsbewilligung B, die bei der erstmaligen Verlängerung auf ein Jahr beschränkt werden kann, wenn jemand seit über zwölf Monaten arbeitslos ist. Ihre Hauptbeschäftigung: die Sprache lernen. Razies Deutsch ist noch nicht fliessend. Khalil hilft ihr ab und zu. «Ich suche Gleichaltrige, mit denen ich mich unterhalten kann. Aber ich finde niemanden. Im Deutschkurs nehmen nur Ausländer oder Flüchtlinge teil, die nicht in meinem Alter sind.»

Khalil hingegen hat viele Freunde im MNA-Zentrum. In seiner Freizeit geht er mit ihnen an den Zürichsee und einmal pro Woche in die Migros, um für die Gemeinschaft einzukaufen. Er mag Reis und Poulet; als Moslem isst er kein Schweinefleisch. Fussball spiele er im Gegensatz zu seinen Freunden selten: «Ich mag den Sport, aber ich habe meist keine Zeit.» Die Hausaufgaben gehen vor. Schliesslich möchte er eines Tages seiner Familie helfen können.

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