14. August 2019

Ein Tag in drei Zoos

Wir haben den Basler Elefanten Heri, ein Waadtländer Bartgeierpaar und die Zürcher Koala-Dame  Maisy hinter den Kulissen besucht. Mit der Animal Planet Mania der Migros gibts ab dieser Woche 40'000 Zooeintritte für Familien gratis.

Heri ist einer von vier Afrikanischen Elefanten im Basler Zolli
Heri ist einer von vier Afrikanischen Elefanten im Basler Zolli.

ELEFANTENDAME: Heri liebt ihre Pedicure

Die Brotstückchen steckt sich Heri rasch mit dem Rüssel in den Mund, während sie ihr linkes Bein durch eine Lücke hindurchstreckt, die in die Gitterstäbe eingelassen ist. Es ist Zeit für ihre Pedicure. Tierpfleger Thomas Ruby (57) streicht ihr mit der Hand über die Fusssohle, schaut ob sich die 43-jährige Elefantenkuh Steine oder Holzstücke eingetreten hat. Alles schaut gut aus.

Das Prozedere ist eine Routineangelegenheit. Zwei- bis dreimal pro Woche trainieren die Tierpfleger die vier Afrikanischen Elefanten; die Kühe Heri, Rosy, Maya und den Bullen Jack mithilfe des sogenannten Clicker-Trainings im geschützten Kontakt. Das heisst, dass die Pfleger – getrennt durch die Gitterstäbe der Elefantenanlage – mit den Tieren arbeiten. Ruby, der zwei ­Bambusstäbe in der Hand hält, erteilt Heri Anweisungen.

Führt sie das Kommando richtig aus, bestätigt er ihr dies mit einem Klick durch den Bambusstab und einer Belohnung, den Brotstückchen.

Training für den Fall der Fälle

«Das Training machen wir, damit wir den Kontakt zu den Elefanten behalten», erklärt Ruby. «Wenn sie krank sind und der Tierarzt ihnen Blut nehmen muss, dürfen sie keine Scheu vor uns haben. Sonst könnte es irgendwann schwierig werden, an die Tiere heranzukommen.» So lautet ein Kommando für die Elentanten, dass sie sich seitlich entlang der Gitterstäbe hinstellen und ihr Ohr durch eine Öffnung hindurchhalten sollen. Da dieser Körperteil gut durchblutet ist, eignet er sich am besten für eine Blutentnahme.

Dieses Training ist heute der einzige direkte Körperkontakt, den die Tierpfleger zu den Elefanten haben. «Das war früher noch ganz anders», erklärt Ruby. Der gebürtige Deutsche hat seine Ausbildung zum Tierpfleger vor 40 Jahren in Berlin absolviert und kümmert sich seit 30 Jahren um die Elefanten im Zoo Basel. Von der früher noch üblichen Kettenhaltung über Elefantenreiten mit Kindern bis hin zur Eröffnung des neuen Elefantenhauses vor zwei Jahren hat er alles miterlebt.

Thomas Ruby bei der Fuss- und der Ohrenpflege an Elefantendame Heri
Tierpfleger Thomas Ruby bei der Fuss- und der Ohrenpflege an Elefantendame Heri. Diese Rituale sind Teil des regelmässigen Clicker-Trainings mit allen Elefanten. Hat Heri eine Übung richtig gemacht, «klickt» der Pfleger mit dem Bambusstab und belohnt das Tier mit Brot.

«Es gab im Laufe der Jahre viele Erkenntnisse in der Elefantenhaltung.» Diese flossen in die Planung und den Bau der neuen Anlage «Tembea» ein. Mit rund 5000 Quadratmetern steht den Tieren heute mehr als die doppelte Fläche zur Verfügung. «Jetzt sind sie vermehrt unter sich. Was einer natürlicheren Haltung entspricht.»

Ruby, der zuerst etwas Bedenken hatte, dass sich die Tiere zu sehr entfernen, ist heute glücklich mit ihrem neuen Zuhause. Er habe sich, genau wie Heri, schnell an die neuen Begebenheiten gewöhnt, sagt er. Und wirft ihr nach dem Schlusskommando nochmals ein Brotstück ins Gehege.

bei den Koalas Maisy, Pippa, Milo und Mikey und ihrem Tierpfleger Philipp Lederle
Sie sind der grösste Publikumsmagnet, den der Zoo Zürich je hatte: Zu Besuch bei den Koalas Maisy, Pippa, Milo und Mikey und ihrem Tierpfleger Philipp Lederle.

KOALAS sind verpennter als Faultiere

Maisy sitzt auf Philipp Lederles Hüfte und sieht gelassen zu, wie er die Astgabel an der Waage fixiert. Dann lässt sie sich auf den Ast setzen, guckt in die Sonne hinaus und döst etwas. 7,7 Kilo. «Gutes Mädchen», sagt Lederle, greift das Koala-Weibchen unterhalb der Handgelenke und setzt sie wieder auf seine Hüfte. Ihre Krallen graben sich in sein T-Shirt. «Im Winter im Pulli ists etwas angenehmer», gibt er zu

Philipp Lederle (38) ist Tierpfleger im Zoo Zürich, schweizweit der Einzige, der Koalas hegt und pflegt. Und vor allem füttert. Was auf den Tisch beziehungsweise auf den Baum kommt, ist bei kaum einem anderen Tier im Zoo Zürich so aufwendig wie bei den vier ­Botschaftern Australiens.

Vier Eukalyptussträusse

Wie ihre wild lebenden Verwandten essen auch die Zürcher Koalas ausschliesslich Eukalyptus. Und den beginnt Philipp Lederle nun zu rüsten. Er schneidet die Eukalyptusbünde auf, kürzt die Aststiele und wägt sie. Danach verteilt er sie in einen der vier mit Wasser gefüllten Bottiche. Das tut er Sorte für Sorte, bis die Bottiche voll sind. Mit der Präzision eines Floristen arrangiert er die Sträusse: «Büschelen ist wichtig. Wenns ins Juhee raushängt, hängts morgen auch noch», sagt Lederle, «Koalas sind faul, sie betreiben auch fürs Essen keinen grossen Aufwand.» Maisy, Pippa, Milo und Mikey essen täglich drei bis vier Kilo. Angeboten werden ihnen 14 Kilo – weil sie nur ausgewählte Blätter und Rinden essen.

Lederle rüstet die Eukalyptusäste für die vier Koalas
Im hinteren Bereich des Innengeheges rüstet Lederle die Eukalyptusäste für die vier Koalas.

«Wie in der Natur sind sie auch bei uns schnäderfrässig. Das Angebot zu gewährleisten, ist eine Herausforderung», erklärt Lederle. 18 Sorten Eukalyptus bauen Gartenbauer in Zürich, im Tessin und in Italien für den Zoo an. Das Tessin kommt immer dann zum Zug, wenns in Zürich zu kalt wird, Italien ist der Garant für den äussersten Notfall. Zweimal pro Woche muss angeliefert werden, gelagert wird er bei 13 Grad.

Wie Katzenpipi an den Händen

Lederle schrubbt seine Hände. «Eine der Eucalyptussorten hinterlässt einen hartnäckigen Duft. Fast wie Katzenpisse, sagt meine Freundin.» Dabei dürfe sie sich nicht beschweren: «Wenn sie ein Kamel operiert hat, riecht sie abends auch exotisch.» Der Tierpfleger und die Tierärztin leben mit 20 Giftschlangen im Thurgau. Er hält seit Teenagerjahren Reptilien und wollte immer Tierpfleger werden.

Als er aus der Schule kommt, gibts dafür in der Schweiz aber noch keine Ausbildung. Er lernt Kaminfeger und bleibt auf dem Beruf, bis er 2010 seinen Berufswunsch doch noch verwirklicht. Seit die Tiere letztes Jahr in Zürich eingezogen sind, ist er Mister Koala. Um sie zu verstehen, hat er in Australien von den Tierpflegern gelernt, was für seine «Grauen», wie er sie nennt, wichtig ist, damit sie sich wohlfühlen und im besten Fall vermehren.

Gemütlich wie ein Koala?

Die Eukalyptussträusse sind bereit. Lederle hängt sie in die Astgabeln im Innen- und im Aussengehege. Milo und Mikey dösen weiter. Maisy klettert sofort hinüber, setzt sich förmlich in ihren Strauss und mampft los. Lederle lacht: «Maisy ist nicht umsonst die schwerste der vier.» Die beiden Jungs werden später fressen, wenn ihnen danach ist. Wichtiger ist für Lederle, dass Pippa Appetit zeigt. Die Jüngste im Bunde sollte noch etwas zulegen. Sie hat es sich neben dem Strauss gemütlich gemacht und zupft sich schon erste Blätter heraus.

Lederle wurde schon gefragt, ob er auch so ein Gemütlicher sei wie die Koalas. «Es färbt nicht ab», sagt er lachend. Ausserdem betreue er noch weitere 13 Tierarten, darunter auch schnelle Reptilien, Vögel und Beuteltiere. Ein richtig grosses Tier fehlt in seinem Revier. Darum geht er ab und an zu den Kamelen hinüber. «So 600 Kilo vor sich zu haben, die Flanke tätscheln und wissen, dass das Tier einen mit einem Tritt vom Platz hauen könnte, das hat was.»

Morgen wird er die «Grauen» wieder wiegen, notieren, wie viel sie von welcher Sorte gemampft haben. Er wird frische Sträusse binden. Und es wird im Revier intensiver nach Eukalyptus duften als in jeder Sauna.

Tierpfleger Oscar Gillard versucht zwei Bartgeier zu verkuppeln
Im Waadtländer Zoo La Garenne versucht Tierpfleger Oscar Gillard zwei Bartgeier zu verkuppeln. Dafür greift er sogar zu Schafwolle und Lehm.

GEIER baden vor der Balz

Bekleidet mit T-Shirt, Hose mit Taschen und Bandana um die Stirn, ist Oscar Gillard bereit, seine Runde im Park zu beginnen. Der 26-Jährige ist einer von drei Tierpflegern im Waadtländer Zoo La Garenne. Seit vier Jahren kümmert er sich um das Wohl der Tiere, insbesondere um den unangefochtenen Star des Zoos: ein Bartgeierpaar. Mit ihrem prächtigen Gefieder und ihrer Flügelspannweite sind diese Greifvögel einfach faszinierend.

Vor zwei Monaten in der 2000 Quadratmeter grossen Voliere angekommen, sind sie Teil des Zucht- und Wiederansiedlungsprogramms in Europa. Seit 1972 nimmt «La Garenne» aktiv daran teil. «Insgesamt hat der Zoo 26 Küken hervorgebracht, und alle stammen vom selben Männchen ab», erklärt Oscar Gillard. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Bartgeier in den Alpen vollständig ausgerottet. Dank des Programms konnte er teilweise wiederangesiedelt werden. «Heute gibt es in den Alpen rund 400 Bartgeier, darunter etwa 40 Paare», sagt der Zoobiologe Raoul Feignoux.

Tierpfleger Oscar Gillard richtet ein Lehmbad in der Volière ein
Tierpfleger Oscar Gillard richtet dafür eigens ein Lehmbad in der Volière ein.

Die beiden vierjährigen Vögel sollten die Aufgabe ihrer Vorgänger weiterführen. Zunächst einmal müssen sie sich verstehen. Oscar Gillard verwöhnt sie deshalb nach Strich und Faden. «Ich füttere sie mit Markknochen, die mit etwas Fleisch bedeckt sind.» Wie alle Geier ernähren sie sich ausschliesslich von Kadaverresten. Und er versorgt sie mit Schafwolle und Ästen fürs Nest.

Lehmbad für die Balz

Der Tierpfleger stellt einen besonderen Platz bereit: «Ich richte ein Lehmbad ein, in dem die Geier baden.» Dies verleiht dem Gefieder eine rote Färbung. «Dieses ist wichtig für die Balz.» Bis jetzt hat sich jedoch nur das Weibchen eingefärbt. «Sie hat auch ihren Bereich im Nest ausgewählt, während das Männchen sich dort kaum durchsetzen kann.» Laut Raoul Feignoux ist das noch kein Grund zur Sorge: «Obwohl der Bartgeier mit 120 Tagen ausgewachsen ist, dauert es fünf bis sieben Jahre, bis er seine Hochzeitsfärbung annimmt und geschlechtsreif ist.» Der «König der Alpen» lässt sich gerne Zeit.

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