08. März 2018

Ein Sixpack ist Pflicht

Der Druck, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen, lastet heute auch auf den Jungs. Wer zu dünn ist, wird als «Lauch» verspottet – der Besuch im Fitnesscenter gehört deshalb für immer mehr zum alltäglichen Programm. Auch für Leandro, Yigit und Cüneyt aus Zürich.

Leandro Bento
Leandro Bento ist jeden Tag im Fitnesscenter: Er möchte später sein Geld als Bodybuilder verdienen.
Lesezeit 11 Minuten

Leandro Bento (16) trainiert sieben Tage die Woche, jeweils mindestens zwei Stunden. «Und wenn ich mal nicht kann, habe ich ein schlechtes Gewissen», sagt der portugiesische Sanitärinstallateurlehrling. Sein grosses Ziel ist, als Bodybuilder sein Geld zu verdienen, vielleicht eigene Fitnessstudios zu haben, am liebsten in den USA, wo auch sein Vorbild Arnold Schwarzenegger berühmt geworden ist.

Diesem Ziel ordnet er vieles unter, auch die Ernährung, was während der Arbeit gar nicht so leicht ist. «Früher habe ich zwölf Mal am Tag gegessen, das geht heute nicht mehr.» Er isst viel Reis, Gemüse, Eier, Poulet, Lachs und wiegt immer alles ab – eine App sagt ihm, wie viel Protein oder Eiweiss er noch essen sollte.

Und bei all dem ist er eisern. Fettiges vermeidet er, wo er kann, an seine letzte Glace kann er sich nicht erinnern, auch Cola oder Alkohol kommen nicht in Frage. «Am schwierigsten ist es, morgens acht Eier zu essen, weil ich die eigentlich nicht mag. Aber das ist alles eine Frage der mentalen Stärke.» Genauso systematisch ist er im Fitnesscenter: «Ich trainiere von Kopf bis Fuss jede Muskelgruppe zweimal pro Woche, arbeite jeden Tag an etwas anderem und variiere die Übungen regelmässig, weil sich die Muskeln sonst daran gewöhnen und nicht mehr wachsen.»

Als Leandro vor bald drei Jahren mit seinem Training begann, war er deutlich schmaler und schlanker – und wurde in der Schule wegen seiner Bodybuilder-Ziele belächelt. «Das schaffst du nie, haben alle gesagt. Aber das hat mich erst recht angespornt.» Heute erntet er bewundernde Blicke und fühlt sich bestätigt.

«Der Konkurrenzkampf ist gross»

Einer der Spötter von damals ist Yigit Gökduman (17), ein Schweizer mit türkischen Wurzeln, der inzwischen ebenfalls regelmässig mit Leandro im Silhouette-Studio in Zürich-Altstetten trainiert. «Ich habe gesehen, was für Fortschritte er macht», sagt der KV-Lehrling. «Ausserdem musste ich mir Sprüche anhören, ich sei zu dick, das hat genervt.» Also fragte er Leandro vor etwa zwei Jahren, ob er ihn mitnehme und ins Training einführe. «Ich will gut aussehen, und das Training gibt mir auch ein besseres Körpergefühl.»

Gute Freunde, die oft gemeinsam trainieren: Cüneyt Yildirim (oben), Yigit Gökduman (links) und Leandro Bento im Silhouette-Fitnesscenter in Zürich-Altstetten.

Yigit geht aber «nur» drei- bis viermal pro Woche ins Studio und achtet nicht weiter auf seine Ernährung. «Ich sehe das mehr als Hobby, deshalb esse ich, worauf ich Lust habe.» Dank des regelmässigen Trainings ist er dennoch rank und schlank und findet eher, er müsste noch etwas mehr Muskeln aufbauen, deshalb trinkt er seit Kurzem auch Proteinshakes. Sein Ideal ist der US-Fitnessstar David Laid.

Wie Yigit macht es auch sein Kollege Cüneyt Yildirim (19): Er betrachtet Fitness als Hobby, bei dem er Freunde trifft und Spass hat. Dass für ihn trotz eines über einjährigen Trainings der Weg zum fitten Körper noch weit ist, bringt den KV-Lehrling nicht aus der Ruhe. Sein Motiv fürs Gym war nicht so sehr abzunehmen, sondern einen männlicheren Look zu bekommen. «Der Konkurrenzkampf ist gross», sagt er. «Und heute vermisse ich es fast schon, wenn ich mal keinen Muskelkater habe.»

Viele Jungs trauen sich im Sommer nicht in der Badi

Die ausgiebige Betrachtung des eigenen Körpers gehört bei allen dreien zum täglichen Programm. Und auch im Umfeld der Jungs geht mittlerweile fast jeder ins Fitnesscenter. «Der Trend kam vor ein paar Jahren aus dem Nichts», sagt Leandro. «Ich war in unserer Altersgruppe einer der Ersten, dann taten es immer mehr.» Alle drei haben schon vorher Sport getrieben. «Aber irgendwann ging jeder ins Fitness», erzählt Cüneyt. «Man macht es, weil anderen es auch machen.»

Und weil es einen hohen Druck gibt, dem aktuellen Schönheitsideal zu entsprechen: Männer müssen heute Muskeln haben. Vor ein paar Jahren noch waren nur Dicke Opfer von Sprüchen, heute werden auch Dünne verspottet – als «Lauch». Die drei kennen viele, die sich im Sommer nicht in die Badi wagen, weil sie sich zu dick oder zu dünn finden.

«Viele Menschen fühlen sich mehr oder weniger bewusst unter Druck gesetzt», sagt Chiara Testera Borrelli, Leiterin Team Kantonale Aktionsprogramme bei Gesundheitsförderung Schweiz .

Verantwortlich für das neue Idealbild sei nicht zuletzt die Medien-, Werbe- und Modeindustrie, sagt Chiara Testera Borrelli (40), Leiterin Team Kantonale Aktionsprogramme bei Gesundheitsförderung Schweiz. «Diese Branchen beeinflussen nicht nur die Wahrnehmung der Jugendlichen und Kinder bezüglich ihres eigenen Körpers, sie setzen in ihren Marketingstrategien Schönheitsstandards zur Erreichung ihrer kommerziellen Ziele.» Eine Folge davon sei, dass sich viele Menschen mehr oder weniger bewusst unter Druck gesetzt fühlten, sagt Testera Borrelli. Eine Schweizer Studie zum Körperbild von Teenagern kam 2015 zum Schluss, dass nur 35 Prozent der Mädchen und 56 Prozent der Buben mit ihrer Figur zufrieden sind. 48 Prozent der Jungs hätten gern mehr Muskeln, 30 Prozent sogar deutlich mehr.

Konkrete Zahlen über die Entwicklung in Fitnesscentern gibt es allerdings nicht. Laut dem Schweizerischen Fitness-und-Gesundheitscenter-Verband waren 2015 7,8 Prozent aller Kundinnen und Kunden unter 20 Jahre alt – Zahlen aus früheren Jahren, die einen Trend anzeigen könnten, hat der Verband nicht. Präsident Claude Ammann hält es für möglich, dass mehr junge männliche Kunden «in Billigcentern» trainieren als auch schon, für die Studios des Verbands sehe er jedoch keinen solchen Trend – dort nehme vor allem die Zahl der über 50-Jährigen zu.

Der Schweizer Marktführer Activ Fitness, der zur Migros gehört, kann zwar auch keine Trendzahlen liefern, schätzt die Situation jedoch anders ein. «Wir beobachten seit einigen Jahren ganz klar eine Zunahme junger männlicher Kunden in unseren Studios», sagt die Medienverantwortliche Lilly Sulzbacher. Diese kämen meist in Gruppen und seien stärker aufs Aussehen fixiert. «Während andere oft aus gesundheitlichen Gründen kommen und Muskeln am ganzen Körper trainieren, fokussieren viele junge Männer stark auf Oberkörper und Arme.»

Die jüngsten Kunden bei Activ Fitness sind 14, aber alle unter 18 können sich nur mit der Unterschrift der Eltern anmelden. Die Teenager stehen beim Trainieren auch stärker unter Beobachtung. «Das Risiko, dass sie falsch trainieren oder es übertreiben, ist höher», sagt Sulzbacher. «Da haben wir schon eine gewisse Verantwortung.»

«Eigentlich geht es ums Selbstbewusstsein, und wer trainiert und sich gut fühlt, hat automatisch mehr davon», findet Yigit.

Gefragt, weshalb es wichtig ist, trainiert auszusehen, sind Yigit, Cünyet und Leandro sich einig: wegen der Frauen. «Wenn man früher gut Fussball gespielt hat, war man auch bei den Frauen begehrt, heute gilt das gleiche für Fitness», sagt Cüneyt. «Sie wollen Männer, die sie auch beschützen können, deren Aussehen Respekt abfordert.» Leandro erzählt, dass ihm früher in der Badi immer die gut trainierten Männer aufgefallen sind. «Das Sixpack, die Bizepse, ich wusste einfach, so will ich auch aussehen.» Auch im Fitness-Center schauen die drei nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer an.

Schon Kinder sorgen sich wegen ihrem Sixpack

Sich um den eigenen Körper zu kümmern und ihn mit anderen zu vergleichen, gehöre heute einfach dazu, finden die Jungs. «Man muss auch gut riechen und gepflegte Hände haben.» Die Frisur darf morgens ebenfalls etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Und das alles fängt heute schon bei Kindern an. «Mama, sieht mein Sixpack aus wie richtig?», fragte kürzlich der Sohn von Medienfrau Katharina T.*, während er mit nacktem Oberkörper zähneputzend vor dem Spiegel im heimischen Bad stand. «Ich dachte, ich höre nicht richtig, er ist ja erst 10.» Sie fragte nach, wie er darauf komme. «Da stellte sich heraus, dass beim Umziehen nach dem Schulsport ein Junge gehänselt worden war, weil er kein Sixpack hatte.»

Seither ist ihr Sohn in Sorge, ob er den Ansprüchen genügt. «Er fand, er müsse wohl noch mehr trainieren, und besteht auch darauf, nichts Süsses mehr zu essen, damit er ja nicht dick wird.» Und das, obwohl bei dem schlanken, sportlichen Jungen dafür gar kein Risiko besteht. Von anderen Müttern aus ihrem Umfeld hört Katharina T. ähnliche Geschichten. «Und ich fürchte, dass es in den Teenagerjahren noch heftiger wird.»

Dabei seien gut trainierte Muskeln nicht zwingend nötig, um bei den Frauen Erfolg zu haben, räumen die drei Jugendlichen ein. Cüneyt erzählt von einem Kollegen, der weder besonders attraktiv aussieht noch fit ist – und sich dennoch über mangelnde weibliche Aufmerksamkeit nicht beklagen kann. «Aber er ist sehr selbstbewusst, im Grunde geht es vor allem darum», sagt Yigit. «Und wer trainiert und sich gut fühlt, hat automatisch mehr Selbstbewusstsein. Muskeln sind sozusagen ein Pluspunkt. Aber Cüneyt hat schöne Augen, das ist auch ein Pluspunkt.» Zudem sei wichtig, wie man sich auf Social Media präsentiere, ergänzt Cüneyt. «Wer einen guten Stil hat, zum Beispiel beim Schreiben, der punktet.» Zu viele Muskeln dürfen es ausserdem auch wieder nicht sein. «Es muss natürlich aussehen.» 

«Frauen wollen Männer, die sie auch beschützen können, deren Aussehen Respekt abfordert», sagt Cüneyt.

Yigit und Cüneyt sind Singles, flirten aber fleissig und erfolgreich. Leandro hat eine Freundin, allerdings in Frankreich. Worüber er gar nicht so unglücklich ist, weil er sonst wohl weniger Zeit fürs Trainieren hätte.

Alle betonen, dass Sprüche über das Aussehen anderer drinliegen, solange sie freundschaftlich gemeint sind. Jemanden zu mobben, weil er zu dick oder zu dünn ist, gehe hingegen gar nicht. «Wenn ich so etwas mitkriegen würde, würde ich sofort eingreifen», sagt Leandro. «Unser Lehrer hat immer gesagt: Sprüche damit zu entschuldigen, es sei nur Spass gewesen, gehe nur, wenn beide dabei Spass hatten, nicht nur einer.» Dass Mobbing dennoch vorkommt und auch katastrophale Folgen haben kann, ist ihnen wohl bewusst – sie wissen sogar von einem Mädchen aus der Region, das deswegen Suizid begangen hat.

Was können Eltern tun, wenn sie realisieren, dass ihr Kind Probleme mit seinem Körperbild hat? «Sie sollten persönlichen Eigenschaften einen höheren Wert beimessen», rät Chiara Testera Borrelli, «zum Beispiel Aspekte ihrer Kinder hervorheben, die nichts mit dem Aussehen zu tun haben, etwa Charakterzüge, Humor oder Freundlichkeit.» Diese Qualitäten sollten sie stärken und den Kindern klarmachen, dass sie geliebt und akzeptiert werden, wie sie sind. Wichtig sei auch die eigene Vorbildfunktion. «Eltern sollten negative Bemerkungen zum eigenen Gewicht oder Aussehen vermeiden, da dies bei den Kindern das Gefühl bestärken kann, dass bestimmte körperliche Merkmale nicht akzeptabel sind.»

Auf gesellschaftlicher Ebene plädiert sie für freiwillige Massnahmen der Industrie, der Modewelt und der Medien, etwa Aufklärung über am Computer nachbearbeitete Bilder oder das Angebot schöner Kleidung für alle Grössen. Auch könnte man für Models einen Mindest-BMI-Wert festlegen. «Andere Länder wie Österreich oder Frankreich sind uns diesbezüglich voraus.»

Frauen noch immer stärker unter Druck

Wobei Übergewicht immer noch schwieriger ist, als dünn zu sein, finden die drei Jungs. «Genauso wie Frauen sich trotzdem immer noch mehr Mühe geben müssen als wir», sagt Cüneyt. «Die schminken sich jeden Morgen eine Stunde lang, essen kaum was und halten sich auch mit 50 Kilo noch für zu fett. Der Druck ist für sie viel extremer, im Grunde müssen sie wie Models aussehen.» Alles in allem finden die drei es aber okay, dass heute auch auf ihnen der Druck lastet, gut auszusehen. Zudem, sind sie sich einig, machten sie so etwas Produktives, oft gemeinsam mit Freunden. «Ansonsten wären wir in der Zeit vermutlich zu Hause und würden Youtube-Videos schauen oder gamen», sagt Yigit. Wobei sie schon noch andere Hobbies haben: Leandro bringt sich gerade selbst via Youtube das Pianospielen bei, Yigit und Cüneyt spielen gerne Fussball und gehen schwimmen.

«Wenn ich mitkriegen würde, dass jemand wegen seines Aussehens gemobbt wird, würde ich sofort eingreifen», sagt Leandro.

Konkrete Zukunftspläne haben sie auch schon: Leandro will Pilot werden, um mit dem Geld dann seinen Bodybuilder-Traum zu finanzieren. Yigit plant eine Ausbildung zum Immobilienmakler, und Cüneyt möchte nach der Lehre die Matura nachholen und sich in seiner Branche weiterentwickeln. Alle drei können sich nicht vorstellen, dass sie irgendwann mal nicht mehr ins Gym gehen, auch wenn sie älter sind, einen Job und eine Familie haben. «Fitness ist eben nicht einfach nur ein Hobby», sagt Leandro, «es ist ein Lifestyle.» 

*Name der Redaktion bekannt

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Roland Müller

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