27. Juli 2017

Ein Seitensprungkind bricht das Schweigen

Maria Kuster* ist das Kind eines Seitensprungs. Im engsten Familienkreis wussten alle Bescheid. Sie selbst erfuhr erst mit 13 davon, die übrigen Verwandten sind bis heute nicht eingeweiht. Das möchte Maria ändern – doch das ist schwieriger als erwartet.

Maria Kuster, Kuckuckskind
Maria Kuster hat heute einen leiblichen und einen sozialen Vater.
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Unser Gespräch findet im Selbsthilfezentrum in der Altstadt von Winterthur statt. Wir sitzen in einem lichtdurchfluteten Gruppenzimmer, an den Wänden hängen Schwarz-Weiss- Porträts von Menschen, die ­Mitglied einer der insgesamt 40 Selbsthilfegruppen sind, die sich hier treffen. Burn-out-Betroffene, Partner depressiver Menschen, ein Mann, der sein Leben nach einem Hirnschlag umkrempeln musste. Alle zeigen ihr Gesicht, und bei fast allen Bildern steht der Name.

Maria Kuster jedoch hält sich bedeckt und möchte anonym bleiben. Warum diese Diskretion, als habe sie etwas Peinliches zu verbergen? Wen schont oder schützt sie eigentlich? Die 20-Jährige, eine gross gewachsene, schlanke Frau mit aufmerksamen grau-grünen Augen und vollen Lippen, reagiert irritiert auf diese Frage. «Ja, wen eigentlich?», murmelt sie. Sie denkt nach, blickt ein bisschen ratlos zur Decke und sagt schliesslich: «Ich schone meine Mutter.»

Die Mutter. Heute knapp 60, war 39, als «es» passierte. Schauplatz: ein Dorf in der Ostschweiz. Sie war verheiratet, ­bereits Mutter von vier Kindern, der Kirche sehr verbunden – und hatte eine Affäre mit einem wesentlich älteren, strenggläubigen Mann. Sie wurde schwanger und wollte auch dieses Kind, das fast acht Jahre später als ihr letztgeborenes auf die Welt kommen würde, behalten und lieben.

Weil ihr Ehemann sich hatte unterbinden lassen, war sie gezwungen, ihm die Wahrheit zu sagen. Er hatte die Grösse, auch dieses Kind als ein Geschenk Gottes anzusehen, und erklärte, er wolle dem Nachzügler ebenfalls ein guter Vater sein.

Sozial ausgegrenzt

Im Dorf allerdings machten bald Gerüchte die Runde. Die «schamlose» Frau wurde arg beschimpft, während der leibliche Vater ungeschoren davonkam.

Maria Kuster sagt: «Meine Mutter muss so sehr unter der damaligen Situation gelitten haben, dass sie ihren Eltern und Geschwistern nie reinen Wein eingeschenkt hat.» Der Grossvater sei inzwischen gestorben, aber die 87-jährige Grossmutter und viele ihrer Onkel und Tanten lebten noch und hätten keine Ahnung, dass sie das Kind eines anderen Mannes sei.

Maria Kuster selber weiss seit ­ihrem 13. Lebensjahr, dass sie ein «Kuckuckskind» ist. Sie erinnert sich gut an den Moment, als ihre Mutter sie gemeinsam mit einem Bruder und einer Schwester in die Stube bat und ihr die Wahrheit eröffnete. Noch heute staunt sie, wie gefasst sie damals reagiert hat: «Ich habe meiner Mutter Dutzende von Fragen gestellt: Wer ist mein Vater? Wie ist er? Wer weiss von meiner wahren Herkunft, und wer weiss es nicht?»

Maria Kuster, Kuckuckskind
Maria Kuster hat ihren leiblichen Vater mehrmals getroffen. Aber: «Uns fehlen die gemeinsamen Erfahrungen.»

Als sie an diesem Abend ins Bett ging, dämmerte ihr langsam, warum sie immer das Gefühl gehabt hatte, innerhalb der Familie einen besonderen Stellenwert zu haben. Das war nicht bloss, weil sie das Nesthäkchen war. Nein, sie hatte wirklich ihre ganz eigene Geschichte, von der – auch das erfuhr sie damals – alle ihre ­Geschwister wussten. Nur sie selber hatte keine ­Ahnung.

Obwohl sie erst 13 war, muss sie erstaunlich aufgeweckt gewesen sein. Bevor sie ihren leiblichen Vater erstmals traf, ergriff sie einige sorgfältig gewählte Vorsichtsmassnahmen. So pochte sie auf einen Vaterschaftstest, weil sie auf Nummer sicher gehen und Gewissheit haben wollte. Sie schrieb dem damals 74-jährigen Mann viele Briefe, um sich ihm Schritt für Schritt anzunähern. Ihren Geschwistern verteilte sie Fragebögen, um möglichst alles über ihre Herkunft und Kindheit in Erfahrung zu bringen, was ihr selber verborgen geblieben war.

Familiäres Tabu

Erst dann war sie bereit, ihn kennenzulernen. «Die ersten Begegnungen waren okay», sagt sie. Aber noch heute, sieben Jahre später, lasse sich nicht leugnen, dass ihnen die gemeinsamen Erfahrungen fehlten. Sie seien miteinander nie wirklich warm geworden. Ihr wirklicher «Papi» sei ihr sozialer Vater, mit dem sie aufgewachsen und sehr vertraut sei.

Mit der Tatsache ihrer wahren Herkunft kam sie zunächst gut zurecht. Schwieriger wurde es, als sie plötzlich feststellte, dass ihre Mutter und die Geschwister ihre Herkunft «total tabuisierten» und vor fast allen Leuten verheimlichten. Als unkom­plizierte, offene und kommunikative Person habe sie zusehends darunter gelitten, dass sie mit Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins nicht offen reden konnte: «Bei manchen Familientreffen hätte ich ihnen gern die Wahrheit über meinen leiblichen Vater erzählt.»

Auch dieser tat sich «unglaublich schwer», mit der Situation umzugehen. Seine drei bereits erwachsenen Kinder aus erster Ehe klärte er erst vor zwei Jahren über Marias Existenz auf, nachdem Maria ihn gehörig unter Druck gesetzt hatte. Sie seufzt: «In den ersten Jahren war ich mega hässig auf meine Angehörigen, weil niemand den Mut hatte, reinen Tisch zu machen und sich offen und ehrlich zur Wahrheit zu bekennen.»

Heute macht sie ihrer Mutter und ihren Geschwistern zwar keine Vorwürfe mehr, spürt aber ein starkes Bedürfnis, «aus dem Netz von Lügen auszubrechen und mit ­anderen Menschen unbeschwert über meine Geschichte reden zu können». Sie stecke zwar nicht in einer tiefen Krise, aber sie wolle, dass diese Heimlichtuerei endlich aufhöre.

«Sie weiss, dass etwas am Brodeln ist»

Vor zwei Jahren ist sie von zu Hause ausgezogen und lebt jetzt in einer Wohngemeinschaft in Winterthur. Sie steht vor dem Abschluss ihrer Lehre als Fachfrau Gesundheit und kann sich vorstellen, nach der Berufsmittelschule noch ein Studium anzuhängen. Ihr sozialer Vater kommt bis auf den heutigen Tag finanziell für sie auf, obwohl er rechtlich gesehen «keinen Rappen Alimente» für sie hätte zahlen müssen.

Maria Kuster, Kuckuckskind
Maria Kuster gründete eine Selbsthilfegruppe für «Kuckuckskinder» in Winterthur.

Trotzdem plage sie etwas. Sie stockt und sucht nach Worten, zerknautscht mit den Fingern den Stoff ihrer schwarzen Jeans. Sie sagt: «Es fühlt sich an, als hätte ich einen Stein im Schuh, der immer wieder drückt und mir Schmerzen bereitet.» Dieser Stein müsse weg, und sie selbst müsse ihn herausholen: «Das nimmt mir niemand ab.»

Wie ernst es der 20-Jährigen damit ist, zeigt ihr Entschluss, sich beim Winterthurer Selbsthilfezentrum zu melden. Sie möchte sich unbedingt mit anderen Betroffenen austauschen und von deren Erfahrungen lernen. Als sie erfuhr, dass es noch keine Gruppe für «Kuckuckskinder» gab, entschloss sie sich, selbst eine zu gründen. Doch die Resonanz ist bisher bescheiden: Ein einziger Mann zeigte Interesse und tauchte dann wieder ab.

Auch innerhalb ihrer Familie baut Maria Kuster das Tabu langsam ab. Sie hat ihrer Mutter von allem erzählt, was sie unternimmt: mit anderen Leuten reden, Unterstützung suchen, Interviews geben.

«Meine Mutter weiss, dass etwas am Brodeln ist», sagt sie, «und dass es Zeit ist, das Schweigen zu brechen.» Am Schluss unseres Gesprächs zeigt sie zur Wand: «Es dauert vielleicht nicht mehr lange, und dann hängt dort auch mein Bild mit meinem Namen.» 

*Name geändert

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