17. Januar 2020

Ein Rockstar macht sein Ding

Klempner sollte Udo Lindenberg werden, nicht Musiker – dies zeigt der Film «Lindenberg! Mach dein Ding», der diese Woche im Kino startet. Ein Gespräch mit dem legendären deutschen Rocker über alternde Groupies, politische Ambitionen und die grossartigen Qualitäten von Eierlikör.

Udo Lindenberg
Udo Lindenberg (73) lebt seit Mitte der 90er-Jahre im Hotel Atlantic in Hamburg. Im  Juni tritt er erstmals seit Langem in der Schweiz auf. (Foto: Tina Acke)

Udo, wir führen das Gespräch um 18 Uhr, weil du dann aufstehst. Hast du gut geschlafen?

Sehr gut, danke.

Seit wann lebst du nachts und schläfst am Tag?

Schon seit Langem. Auch, weil ich für Konzerte am Abend richtig Power haben muss. Zuvor brauche ich meinen Schönheitsschlaf, ich muss schliesslich lecker aussehen. Das Auge hört ­bekanntlich mit. Nachts habe ich zudem Musse, da male und texte ich. Am Tag hätte ich zu viel ineffektive Hektik am Hut.

Du wolltest schon als Kind ein Star werden und viel Geld verdienen. Nun gibt es sogar einen Film über deine Anfänge – erstaunt?

Oh ja. Ich kneife mich manchmal heute noch und frage mich, ob ich nicht auf ’nem Trip bin. Ich bin sehr dankbar, wie alles gekommen ist. Alles Oberhammer.

Wenn man deine Autobiografie liest, merkt man aber auch, dass du ein grosses Schlitzohr bist und weisst, wie man die Fäden in die richtige Richtung zieht.

Ja klar, meine Flexibel-Betriebe haben auch keinen Manager, ich steuere den Kahn selbst. Und jetzt schien die Zeit reif für den Film, also sagte ich zu, als die Anfrage von Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann kam.

Konntest du bei der Auswahl des Udo-Darstellers Jan Bülow mitreden?

Es kamen ein paar wenige in die engere Wahl. Aber als ich Jan gesehen habe, war mir sofort klar: Das ist er. Der ist von den Göttern gesandt. Eine Rock-’n’-Roll-Rakete. Entschieden hat aber am Ende die grossartige Hermine Huntgeburth, es ist ihre Perspektive auf meine fantastische Abenteuerreise vom Gronauer Doppelkorn-Acker bis in die Präsidentensuite, vom Aschenbecherputzer im Hotel auf die Showbühne, ihr kennt die Geschichte ja. Beim Drehbuch hab ich mitgeschrieben, ansonsten hatte ich volles Vertrauen in Hermine.

Dann erkennst du dich im Film wieder?

Total, Jan sieht nicht nur sehr ähnlich aus wie ich damals, er hat auch eine ähnliche Art. Er ist ein hochsensibler, schön verrückter Junge. Ein bisschen schüchtern wie ich damals - und dann wieder ein vulkanischer Feuermacher.

Kannte er dich schon, oder habt ihr vor dem Dreh Zeit miteinander verbracht?

Ein bisschen haben wir das, aber er sollte mich auch nicht kopieren, sondern die Udo-Darstellung aus seiner Persönlichkeit raus entwickeln. Er ist schliesslich ein grossartiger Schauspieler. Natürlich habe ich mit ihm und den Filmern auch viel über die Zeitgeschichte gesprochen, den Aus- und Aufbruch aus den bleiernen, grauen 50er-Jahren in die crazy-bunten, freien 70er und wie sich da ein kleiner Junge in die grosse weite Welt raustrommelt.

Woher kam so früh schon dieser Drang, ein Star zu werden?

Das entstand auch aus der Beengtheit der Kleinstadt Gronau, wo ich aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten da nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten. Mein Vater war frustriert, weil er den elterlichen Klempnerbetrieb übernehmen musste, obwohl er lieber Dirigent an der Mailänder Scala geworden wäre. Ich dachte schon früh, dass ich das leben werde, was er nur träumte. Ausserdem habe ich damals die grossen Jazzstars gehört: Benny Goodman, Miles Davis und Gene Krupa. Die hatten Action, Ruhm und Reichtum – all das wollte ich auch. Aber die Stadt war zu klein für mich, also bin ich mit 15 abgehauen, mit nur gerade 100 Mark in der Tasche.

Im Film warnt dich dein späterer Manager vor dem Star-Dasein: Letztlich gehöre man nicht mehr sich selbst und müsse das tun, was das Publikum wolle. Hast du das je so erlebt?

Ne! Dem konnte ich mich echt entziehen. Ich habe immer selbst entschieden, was ich wollte. Es musste authentisch sein, meine Songs kommen aus meinem echten Leben. Auch meinen Look hat mir niemand anders aufgedrängt. Klar, Anregungen habe ich aufgegriffen, und an den Shows arbeiten wir als Band gemeinsam. Voll demokratisch – nur wenns mal klemmt, liegt die letzte Entscheidung bei mir.

Hast du noch immer Bühnenangst?

Vor den grossen Konzerten bin ich schon immer noch nervös. Was man im Film sieht, vor dem ersten grossen Auftritt in der Hamburger Musikhalle 1973, das war wirklich so: Ich habe mir vor dem Auftritt 15 Doppelkorn reingezogen, weil ich solches Nevenflattern hatte. Ich wusste, dass es diesmal wirklich drauf ankam. Alle waren da, Publikum, Medien, Plattenmanager, es durfte schlicht nix schiefgehen, es gab keinen Plan B. Ich war also gut breit, als ich auf die Bühne kam, und knallte prompt auf die Schnauze. Aber alle dachten: Das ist geplant, was für ’ne Choreografie! Dabei war ich schlicht besoffen (lacht). Aber am Ende ging es ja dann trotzdem gut, und am nächsten Morgen stand in allen Zeitungen: A Star is born!

Udo (Jan Bülow) mit seinem Manager (Detlev Buck) kurz vor dem ersten grossen Auftritt
Filmszene: Udo (Jan Bülow) mit seinem Manager (Detlev Buck) kurz vor dem ersten grossen Auftritt in Hamburg. (Bild: Gordon Timpen, SMPSP)

Und heute gehts ohne Doppelkorn?

Ja, ich nehme vielleicht andere Substanzen, aber keinen Alkohol. Bei den heutigen Hightech-Shows muss ich schon knallefit sein. In den 90er-Jahren war ich ja Berufstrinker, auch weil mir das beim Texten geholfen hat, ich war quasi Erleuchtungstrinker (lacht). Ich wäre deswegen beinahe abgekratzt, habe das Ruder dann aber doch rumgerissen und gehe nun seither meine Shows mit kristallklarem Kopf an.

Wie ist dir das gelungen?

Ich landete regelmässig im Krankenhaus und sagte: Hi Houston, Bodenstation,bitte einmal wieder kurz entgiften und den Udonauten fitmachen, damit ich schnell weiter zischen kann auf meiner Sternenreise. So nach dem fünften Mal sagte man mir, wenn die Exzess-Sauferei so weitergehe, könne ich auch schon mal in drei Tagen tot sein. Da war ich dann geschockt und fand, es wäre doch irgendwie schade drum. Das konnte ich meinen Fans nicht antun und mir selbst auch nicht. Also hörte ich auf, einfach so. Konsequenz hat einen Namen, und der fängt mit U an.

Ab und zu trinkst du aber schon noch, oder?

Ja, aber nur noch gezielt und professionell dosiert. Vor allem Eierlikör (lacht).

Warum ausgerechnet den?

Weil meine Mutter den früher immer aus dem Kühlschrank holte, wenn es was zu feiern gab. Bruder verlobt, Zeugnis ok, Onkel Gerhard hat den Vollsuff überlebt … Deshalb ist er für mich ein schönes Symbol, auch um auf die goldenen Zeiten anzustossen. Man kann auch prima damit gurgeln, ist sehr gut für die Stimme.

Wir können nicht zulassen, dass es in Deutschland wieder Hass, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gibt.

Was bedeutet dir das Bundesverdienstkreuz, das du vergangenes Jahr bekommen hast? So ganz passt eine solche staatliche Auszeichnung ja nicht zu einem rebellischen Rocker.

Von der Regierung hätte ich es nicht angenommen, vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier schon. Es ging dabei um den Mauerfall und die friedliche Revolution in der DDR, zu der ich gewissermassen die Begleitmusik geliefert hatte. Dazu habe ich in Leipzig übrigens auch noch eine grosse Bilderausstellung gemacht, als Verneigung vor den Montagsdemonstranten vor 30 Jahren.

Wie kam es damals eigentlich zu deiner speziellen Beziehung zur DDR?

Über die vielen Kollegen, die dort aktiv waren: Goethe, Schiller, Bach und Rammstein – wollte ich alle mal kennenlernen. Ausserdem lebte dort meine grosse Liebe, das zeigt der Film ja sehr schön, mein Mädchen aus Ost-Berlin. Auch deswegen wollte ich gerne mal in der DDR auftreten. Als staatlich anerkannter Staatsfeind war das nicht leicht, aber einmal, 1983, hat es dann doch geklappt.

Heute gibts die DDR nicht mehr. Wie siehst du die deutsche Einheit?

Es war halt eine abgeschottete Welt, viele hatten keine Ahnung, was da auf sie zukommt. Deshalb fühlen sich heute viele sozial abgehängt, oft zu Recht. Es war auch weniger eine Wiedervereinigung als eine Übernahme durch den Westen und durch schnelle, schlitzohrige Businessleute. Es wurden einfach sehr viele verarscht nach der Öffnung. Treuhand und sowas war anfangs ganz gut gemeint, aber es sind auch viele Fehler passiert.

Viele Ex-DDR-Bürger wählen heute AfD. Kannst du das nachvollziehen?

Ne, und ich finds voll daneben. Viele von diesen Wählern haben Angst, sozial wegzurutschen und vergessen zu werden. Ist ja auch noch vieles ungerecht im Verhältnis West/ Ost: weniger Lohn für gleiche Arbeit, die Dominanz westlicher Seilschaften, Frauenrechte und so. Aber deswegen muss man nicht gleich zu ’ner Rechtsaussenpartei laufen! Die Kanzlerin müsste endlich aufhören zu schweigen und all diese Dinge in einer grossen Rede zur Lage der Nation ansprechen. Damit wir das gemeinsam angehen können. Wir können einfach nicht zulassen, dass es in Deutschland wieder Hass, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gibt – und ’ne streckenweise Abwendung von unserem supergeilen Grundgesetz. Aber die Politiker schweigen, als ob ihnen irgendwer Schweigegeld zahlen würde. Wenn das so weitergeht, muss ich am Ende doch noch die Panik-Partei gründen, damit es cool weitergeht mit der bunten Republik Deutschland.

Ernsthaft?

(lacht) Es könnte symbolisch vielleicht ganz gut sein, wenn ein Typ wie ich Bundespräsident würde. Ich sehe jetzt keinen Einsatz in Parteiausschüssen und dergleichen, ich will ja weiter Musik und Infotainment machen. Aber als Bundespräsident würde ich mich gut eignen und dann gleich die Militärparaden abschaffen. Die finde ich im Hinblick auf unsere Geschichte ziemlich obsolet. Kosten würde ich das deutsche Volk auch nichts – ich brauche keine Knete, 'n langes Auto hab ich auch schon, und mein weisses Schloss wäre das Hotel Atlantic in Hamburg. Allerdings bin ich für den Präsidentenjob wohl noch ’n Tick zu jung, vielleicht müsste ich noch ein wenig mehr heranreifen. 

Obwohl die Welt so scheisse drauf ist und gerade alles ziemlich düster aussieht, dürfen wir nicht in Fatalismus oder Depression verfallen.

Die Welt ist volatiler und unruhiger als auch schon. Beschäftigt dich das?

Sehr. Als ich jung war, zu Zeiten von Woodstock und so, ging es um Frieden und Abrüstung. Wir waren sehr idealistisch und utopisch, das hat mich geprägt. Eigentlich sollten wir uns heute über alle Grenzen hinweg gemeinsam um den ökomässig sehr strapazierten Planeten kümmern. Aber im Moment geht es in eine ganz andere Richtung. Da rennt im Amiland ein ziemlich gestörter Vogel rum und brüstet sich, 900 Millionen Tötungsgeräte an Saudiarabien verkauft zu haben – und alle anderen machen munter mit in der Aufrüstungs-Spirale. Es ist ein Verbrechen, so viel Knete in die Rüstung reinzuballern, während in Teilen der Welt Menschen verhungern, jeden Tag, jede Minute. Mit nur einem Zehntel der täglichen Militärausgaben kannste die ganze Welt ernähren. Wir bräuchten ganz andere Ansätze als das, was derzeit in der Politik läuft.

Siehst du irgendwo Entwicklungen in die richtige Richtung?

Was mich hoffen lässt, ist die «Fridays for Future»-Bewegung der Jugend. Dadurch ist bei ganz vielen eine neue Sensibilität entstanden. Wenn die Politiker schwächeln, muss halt die Strasse übernehmen. Ich werde mich mit meinen Songs und meinen Aktivitäten weiterhin für diesen anderen, idealistischen Weg einsetzen. Ich finds auch wichtig, optimistisch zu bleiben. Obwohl die Welt so scheisse drauf ist und gerade alles ziemlich düster aussieht, müssen wir unsere Power behalten. Wir dürfen nicht in Fatalismus oder Depression verfallen.

Andere ziehen sich in deinem Alter in die Pension zurück. Du offensichtlich nicht.

Nein, ich habe kein Problem mit dem Alter, das Alter hat eher ein Problem mit mir. Ich sage immer: Der Greis ist heiss. Ich bin jetzt in meinen wilden 70ern angekommen.

Die Groupies stehen noch immer Schlange?

Es sind jetzt schon auch ein paar Ältere dabei. Die Unterhosen, die sie auf die Bühne schmeissen, sind etwas breiter geworden (lacht). Es ist alles supercool, auch wenn keine Busladungen voller Teenies mehr vorfahren und nach der «Bravo»-Starschnitt-Nachtigall lechzen. Das ist auch okay so, denn Udo ist für alle da. Im Publikum ist jedenfalls heute alles präsent, von ganz jung bis ziemlich alt. Sogar Embyos im Mutterbauch, die sich schon in den Panik-Beat reingrooven. Im Sommer spielen wir endlich auch wieder in Zürich, ich freue mich total, das wird ein grosses Ding. Ich bin immer sehr gerne in der Schwiiz.

Ich habe mir ein Comeback sehr gewünscht und intensiv daran gearbeitet.

Aber ein bisschen anstrengender sind solche Auftritte heute schon?

Es ist sogar leichter als vor 30 Jahren. Damals habe ich viel gesoffen, war Kettenraucher und etwas runder. Heute bin ich schmal und schnell, eine echte kenianische Rennkatze. Und ich habe ein klares Räderwerk unterm Hut. Bei so einer Show renne ich circa zehn Kilometer auf der Bühne, muss also echt fit sein. Darauf bereite ich mich schon Monate vorher mit reichlich Sport vor. Kennste ihr EMS? (Elektromuskelstimulation, Anm. der Red.) Nathalie Zimmermann trainiert mich, die Vize-Worldchamp im Kick-Boxen.

In den 90er- und frühen Nullerjahren musstest du untendurch. Dann kam 2008 dein fulminantes Comeback, da warst du sogar erstmals an der Spitze der deutschen Charts.

Ich habe mir ein Comeback sehr gewünscht und intensiv daran gearbeitet. Tatsächlich hatte ich Angst, dass es mir nicht gelingt, meine Songs frisch zu halten. Dann endet man in irgendwelchen Malls oder Baumärkten und singt die alten Dinger von früher, als Mann von gestern. Und das wollte ich nun wirklich nie werden. Deshalb ist es grossartig, dass ich nun diesen zweiten Akt erleben darf. Dass es allerdings so abgehen würde, habe ich nicht erwartet. Und jetzt läuft es schon im elften Jahr so gut und scheint auch nicht mehr aufzuhören.

Hast du eine Erklärung für diesen zweiten Frühling?

Die Leute lieben meine Songs und mögen, was ich tue. Vielleicht weil ich halt tatsächlich mein Ding mache – so wie Hermann Hesse das mal gesagt hat: «Folge keinen Lehren, folge keinen Lehrern, folge nur dir selbst.» Genauso mache ich das, Alter hin oder her. Und das kommt gut an. Vielleicht nimmts den Leuten auch ein bisschen die Angst vorm Älterwerden.

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