13. September 2017

Ein Polizist recherchiert

Kaum im Dienst, erfährt der junge Zürcher Polizist Peter Mathys, dass gegen einen angeblich pädophilen Gerichtspräsidenten ermittelt wird. Das Verfahren wird eingestellt. Der Fall lässt Mathys nicht los: Fast 30 Jahre später rekonstruiert er den Fall – und schreibt einen Krimi darüber.

Polizist und Krimischreiber: Peter Mathys
Polizist und Krimischreiber: Peter Mathys vor dem Zürcher Obergericht.

Damals war er noch ein junger Polizist mit Idealen und Werten und hat an den funktionierenden Rechtsstaat geglaubt. Peter Mathys (60) wuchs in Küsnacht ZH auf und suchte nach einer Banklehre nach etwas Sinnvollerem. 1982 besuchte er bei der Stadtpolizei Zürich die Polizeischule. «Das war natürlich sehr idealisiert, aber vielleicht braucht es diesen Idealismus, um als junger Mensch Polizist zu werden.»

Bald schon, in einer Dienstpause, erzählte ihm ein verdeckter Fahnder von einem mutmasslich pädophilen Zürcher Gerichtspräsidenten, der regelmässig nach Paris fahre, um dort Buben zu missbrauchen. Dass jemand, der eigentlich Verbrecher bestrafen sollte, ebenfalls Verbrechen begehen könnte, schockierte Peter Mathys zutiefst. Der Fahnder erwähnte gegenüber Mathys, dass die Ermittlungen des zuständigen Sachbearbeiters bei der Sittenpolizei gestoppt worden seien, er im Stich gelassen und gemobbt werde. Obwohl es bereits einen Kontakt zur französischen Polizei gegeben habe.

Mathys schrieb mehreren höheren Beamten und wollte auf den Fall aufmerksam machen. «Weil ich mich als Polizist dazu verpflichtet fühlte. Ich dachte, jetzt kommt alles ins Rollen. Doch nichts passierte. Nicht einmal eine Antwort erhielt ich.»

Peter Mathys als junger Polizist
Peter Mathys als junger Polizist (Bild zVg).

Die Ermittlungen gegen den Gerichtspräsidenten wurden schliesslich eingestellt. Ausserdem sind von diesem Fall überhaupt keine Akten vorhanden, wie das Zürcher Obergericht später festgestellt hat. Eine angeblich durchgeführte interne polizeiliche Untersuchung sah darin keine Unkorrektheit. «Alles blieb vertuscht. Damals ist in mir etwas kaputtgegangen», sagt Mathys. Der 2015 verstorbene Gerichtspräsident blieb bis zu seiner Pensionierung im Amt.

Mathys konnte nicht verstehen, wie eine solche Angelegenheit einfach unter den Teppich gekehrt werden konnte. «Natürlich gibt es ein übergeordnetes Interesse, der Rechtsstaat muss geschützt werden. Aber hier ging es um den Verdacht mutmasslichen Missbrauchs an Knaben; den zu verfolgen und aufzudecken, ist doch wichtiger als das Ansehen des Staats!»

Ein Krimi arbeitet die Geschichte auf

In seinem Kriminalroman «Schlimmer Verdacht» konnte Mathys das Erlebte nun verarbeiten. «Hätte ich diese Geschichte nicht erzählt, wäre ich als Polizist psychisch kaputtgegangen.» Damit wollte er auch den Sittenpolizisten rehabilitieren, der kaputtgemobbt und für unglaubwürdig erklärt worden sei. «Dieser Mensch war ein hervorragender Sittenpolizist, der über 70 komplexe Ermittlungsverfahren gegen pädophile Straftäter meist mit Erfolg geführt hat. Über das Buch hat er sich gefreut, das bedeutet mir viel. Er ist heute schwer krank, hat aber zum Glück eine Frau, die sich um ihn kümmert.»

Es ist Peter Mathys’ erstes Buch. Zwei Jahre hat er daran gearbeitet. Geschrieben hat er schon früher: In den 80er-Jahren verfasste Mathys mehrere Jahre lang für die «Züri-Woche» die Kolumne «Polizeialltag». Sein Roman basiert auf den Berichten von involvierten Kriminalbeamten. «Etwa 80 Prozent davon sind Tatsachen», sagt er. Fehlende Stellen hat er literarisch ergänzt. Mut habe es nicht gebraucht, die Geschichte zu veröffentlichen, obwohl Mathys mit seinem Buch die Grenzen des Amtsgeheimnisses auslotet.

Auch heute noch, knapp 30 Jahre später, merkt man Mathys die Enttäuschung an. Gewisse Dinge müssten an die Öffentlichkeit. «Ich stelle das Amtsgeheimnis mit keinem Wort infrage. Doch es trägt dazu bei, dass begangene kriminelle Handlungen innerhalb eines Staatsbetriebs wie unter einer ‹Glasglocke› geschützt werden, nie an die ­Öffentlichkeit gelangen und nicht geahndet werden. Es braucht in der Schweiz unbedingt einen besseren Whistleblower-Schutz.» Damit spricht er auch die Whistle­blowerinnen Margrit Zopfi und Esther Wyler an, die 2007 über missbräuchlich bezogene Sozialgelder beim Zürcher Sozialdepartement informierten und dafür büssen mussten. Für Mathys sind Zopfi und Wyler zwei mutige Frauen.

Heute arbeitet Mathys im Tagdienst in der Quartierwache in Schwamendingen. Mit seiner Frau Susanne (58) wohnt er in Fällanden. Die Töchter Melanie und Nadine sind bereits ausgeflogen. Die besten Ideen zum Schreiben habe er beim Reiten mit
seiner 22-jährigen Islandstute Hekla. Hier findet Mathys einen Ausgleich zum Beruf. «Als Polizist brauchst du einen festen familiären, sozialen Boden. Nur mit dem Polizeiberuf verheiratet zu sein, geht nicht auf, denn dort findest du dein Glück nicht.»

Trotz allem, was vorgefallen ist, betrachtet Mathys den Polizeiberuf als etwas Sinnvolles. «Die Menschen, die hilfesuchend zu uns kommen, können ja nichts dafür, wenn etwas im Polizei- und Justizapparat schiefläuft. Ich bin nicht Polizist für meine Vorgesetzten geworden, sondern für die Bevölkerung. Dieser Gedanke hat mich gerettet.»

«Schlimmer Verdacht», Peter Mathys, Kriminalroman, Leu-Verlag, 2016, 124 Seiten, gibts bei ex libris.

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