09. August 2018

Ein ordentliches Chaos

Im Garten von Lina Ott werden viele Hände dreckig und viele Gemüter glücklich. Das Geheimnis: gute Fügung, aber auch viel Arbeit.

Lina Ott und ihre Familie im Garten vor ihrem Bauernhaus
An einem normalen Tag können schon Mal zwölf Hände im Garten mitwirken: Philippe, Nico Scacchi, Lina Ott mit Emma, Susanne Füeg und Ursula Schnezler (v.l.n.r.).

Auf einem Hügel am Lützelsee in Hombrechtikon (ZH) thront ein Bauernhaus. Mit dunklem Holz, kleinen Fenstern, Blumenkästen und viel Charme. Eingebettet in blühende Apfelbäume auf der einen und einem holzumzäunten Garten auf der anderen Seite. Neben dem einladenden Törchen, das ins satte Grün führt, steht ein alter Leiterwagen. Darauf sonnen sich Töpfe voller Kräuter, eine Katze wetzt ihre Krallen.

Der Garteneingang
Der Eingang zum Garten ist bei den Hofkatzen beliebt für ein Sonnenbad.

Das grosse Bauernhaus hat bereits einige Jahre auf dem Buckel: Es wurde 1733 erbaut, die letzte Rennovation hat es 2015 erlebt. Lina Ott (40) muss schmunzeln, wenn Menschen sie für ihr Bilderbuchhaus bewundern: «Das Haus wirkt ja nicht nur schön alt, es ist auch alt. Wir hacken zig Stunden Holz, um im Winter mit den zwei Öfen genug Wärme zu erzeugen.»

Auch sonst gibt das Haus zu tun: Aufräumen in einem Neun-Personen-Haushalt ist aufwendig – dazu gehören neben Ott ihr Mann, fünf Kinder und zwei Männer mit einer Beeinträchtigung. «Im Haus mag ich es ordentlich. Manchmal nerve ich mich darüber, denn für Ordnung brauche ich Zeit.»

Im Garten hingegen lässt es die Hobbygärtnerin spriessen. Am Eingang begrüsst ein wildes Beet voller Borretsch. «Der verselbständigt sich. Im Gegensatz zum Haus muss der Garten nicht so ordentlich sein.» Der Hauptweg aus Steinplatten ist gesäumt von Blumenbeeten, aus denen gelbe Ringelblumen leuchten. Neben dem Tomatenhäuschen liegt ein Haufen Kies. «Der wird nächstes Jahr zur Kräuterspirale», sagt Ott.

Ein Beet mit Ringelblumen
Im Garten dürfen die Blumen spriessen.

Lina Ott liebt es, Stück für Stück den Garten herzurichten. Als die Familie 2015 auf den Hof zog, war vieles kahl. «Zuerst wollte ich wohl zu viel und alles auf einmal. Aber es ist schöner, seine Ideen zuerst im Kopf und dann im Garten gedeihen zu lassen.» Auch aus finanziellen Gründen habe nicht alles gleichzeitig passieren können: Die Johannisbeerstauden zum Beispiel waren am Anfang zu teuer.

Die grösste Freude hat sie an Überraschungsgästen: «Wenn ich Sellerie säe und dann plötzlich dazwischen eine einzelne Kartoffel aus dem Boden spriesst, freut mich das sehr.» Und natürlich an den Zucchetti – ihrem ganzen Stolz – die auf einem der grössten Beete wachsen. Daraus macht sie süsssaure Curry-Zucchetti. Zwischen den grossen, grünen Blättern lugen die gelben Blüten hervor. Lina Ott frittiert sie gern.

Zucchettiblüte im Garten
Die Zucchetti und ihre Blüten sind Lina Otts ganzer Stolz.

Ohnehin gibt es in ihrem Garten kaum etwas, das nicht genutzt wird. Sogar die Brennnesseln, die hie und da an den Beeträndern spriessen, und an denen sich manch ein Gartenbesucher schon störte, finden ihre Verwendung: Die Familie macht daraus Brennnesselchips, Lina Ott Brennnesseljauche. Damit – und nur damit – düngt sie den ganzen Garten. Das ist auch ein Grund, warum sie Blumenkohl und Broccoli aufgegeben hat: Beides mag die Familie sehr gern, aber beides wollte ohne weiteren Dünger nicht wachsen.

Verarbeiten ist ihr Spezialgebiet

Zusammen mit ihrem Mann Nico Scacchi (40) hat Lina Ott den Hof gepachtet und führt einen Biobetrieb. Sie sind keine typischen Bauern: Mehr als die Hälfte der 22 Hektaren, die zum Hof gehören, sind Naturschutzflächen. Dort betreibt Scacchi vor allem Landschaftspflege. «In dieser Rolle habe ich mich komplett gefunden», sagt er.

Zudem verkaufen sie Biofleisch von Kühen, Schweinen und Lämmern. Nur auf einem Feld bauen sie alle zwei Jahre Dinkel an, und Ott fertigt daraus eigenes Brot. Die Weiterverarbeitung ist ohnehin ihr Spezialgebiet: Weil der Keller zwar geräumig, aber sehr feucht ist, eignet er sich für Eingemachtes, nicht aber für Lagergemüse.

Selbstgemachter Sirup im Hofladen
Die Produkte aus dem Garten verarbeitet Lina Ott und verkauft sie im kleinen Hofladen.

Ihre Pläne, durch den Garten zu Selbstversorgern zu werden, musste Lina Ott darum sehr schnell begraben. «Es rentiert mehr, wenn ich für uns Kartoffeln zukaufe. Obwohl ich sie gern auch selbst angepflanzt hätte.»

Verarbeitet werden auch die Bohnen. In der Mitte des etwa 240 Quadratmeter grossen Gartens wachsen sie an munteren Büschen. «Bohnen sind wichtig für mich. Im Sommer lesen wir etwa jeden zweiten Tag 15 Kilo ab. Das gibt am Ende herrliche Dörrbohnen.» Diese und weitere Produkte verkauft Ott in ihrem kleinen Hofladen, den sie im Schuppen des Bauernhauses liebevoll eingerichtet hat.

Drei Frauen am Bohnen ablesen
Die drei Frauen sind sich einig: Beim Bohnenlesen lässt es sich wunderbar schwatzen.

15 Kilo Bohnen lesen sich natürlich nicht von selbst ab. Da kommen die ersten Zusatzhände zum Tragen. Sie gehören Susanne Füeg (65), die in der Stadt Zürich lebt und sich lange nach einem Garten sehnte. «Zum Glück fragte sie mich einmal beim Vorbeispazieren, ob sie nicht ein wenig helfen könne», sagt Lina Ott. Diese Direktheit bescherte beiden ein grosses Glück: Die eine hat Hilfe im Garten, die andere kann ihre Leidenschaft ausleben.

Das grosse Beet mit Lavendel, Ananassalbei und Prachtkerze ist Füegs Verdienst – sie hat früher in der Provence gelebt und hier ein Stück davon aufblühen lassen. Und auch die Goldmelisse, die letztes Jahr nur ein kleines Stäudelchen war und dieses Jahr schon für über 80 Flaschen Sirup sorgte, hat sie mitgebracht. «Ich liebe es, hier zu helfen. Das Gärtnern tut mir gut», sagt Füeg. Das Beste aber sei das gemeinsame Schwatzen.

Dem pflichtet auch Ursula Schnezler (86) bei, die Oma von Lina Ott, die gerade durch das Gartentor hereinspaziert. Auch sie kommt regelmässig vorbei. Meistens, um Wäsche zu falten, heute aber, um bei den Bohnen zu helfen. Wie die anderen beiden Frauen bückt sie sich und zupft die ersten grünen Schoten. «Es macht mich sehr froh, dass meine Oma noch so rüstig ist und häufig herkommt, so sind vier Generationen auf dem Hof vereint», sagt Ott und widmet sich wieder den Bohnen. Die drei Frauen schwatzen munter über Fussball.

Ursula Schnetzler mit geernteten Zucchettiblüten.
Ursula Schnezler hilft gern im Garten mit.

Unkraut als Ausgleich

Eigentlich, sagt Lina Ott, wollte sie Grafikerin werden. «Mit 19 ging ich nach Kalifornien und dachte, jetzt entdecke ich die Welt.» Dann wurde sie mit 22 bereits Mutter. «Wie meine Mutter und meine Oma auch. Wir halten die Tradition aufrecht», lacht sie.

Aber mit drei kleinen Kindern wäre der Berufseinstieg als Grafikerin schwierig geworden. Lina Ott zog schliesslich zurück in die Schweiz und nahm Julien (17), Allan (14) und Tochter Jayden (10) mit. Ihren kalifornischen Vater sehen die drei alle zwei Jahre.

Bald lernte sie Nico Scacchi kennen, der auf dem Bauernhof ihrer Eltern das Bauernlehrjahr machte. Es hat irgendwie gepasst: Beide haben in der Betreuung gearbeitet, und beide liebten den Bauernhof. «Ich bin als Bauernmädchen aufgewachsen, ein grosser Garten gehörte schon immer dazu», sagt Ott. Gleichzeitig hat sie die Betreuung von Menschen mit einer Beeinträchtigung als sehr bereichernd empfunden.

Mit Scacchi, mit dem sie fortan gemeinsame Wege gehen wollte, hat sie überlegt, wie sich beides verbinden lässt. Die Lösung leben sie jetzt auf ihrem Hof: Im Stöckli, das dazugehört, wohnen Raphael (34) und Philippe (30).

Die sauberen Gartenwege vor dem Tomatenhaus
Lina Ott liebt es, die Gartenwege vom Unkraut zu befreien.

Die beiden Männer leben mit der Familie und werden von ihr betreut. Sie helfen auf dem Hof gegen einen kleinen Lohn mit. Und auch sie bieten helfende Hände für den Garten: Der eine liebt die Feinarbeit, wie etwa das Pflücken von Johannisbeeren. Nächsten Frühling wird es im hintersten Ende des Gartens viele Erdbeeren geben, auf die er sich schon freut. Der andere mag es am liebsten wild und gräbt wie ein Pflug, kein Unkraut entgeht ihm.

Eine Leidenschaft, die Lina Ott teilt: Das Unkrautjäten sei für sie ein Ritual, bei dem sie ganz abschalten könne. «Auch wenn ich viel anderes erledigen sollte, kann ich manchmal stundenlang an den Weglein <umechnüble>.» Sie habe sich früher nie Gedanken gemacht, wie aus einem Samen ein Gemüse wird. «Jetzt entdecke ich das und habe häufig Erfolgserlebnisse.»

Das Gartenhaus von Lina Ott
Der Garten lädt auch zum Verweilen ein: Im Gartenhaus wohnt jetzt der älteste Sohn Julien.

Sie hat viele gärtnernde Freunde, die ihr neue Setzlinge vorschlagen. Bald will sie das knollenähnliche Gemüse Yacón ausprobieren. Überhaupt: Ausprobieren zu können, nicht zu müssen, sei für sie sehr erfüllend. Dabei helfen ihr manchmal die kleinsten Hände. Sie gehören ihren Töchtern Emma (3) und Hanna (6), deren Vater Scacchi ist. Zusammen ernten sie Auberginen und Chili.

Auch ihre anderen Kinder helfen gelegentlich mit, aber ob eins davon später den Hof übernehmen wird, ist nicht klar. «Wir machen uns keinen Stress daraus. Wir pachten den Hof ja nur, und wenn wir pensioniert sind, ziehen wir vielleicht wieder weg.»

Bis jetzt stimme es aber, so wie es ist. Weil sie sich Inseln schaffen: einen Frauenabend oder den Imkerkurs. Zwei gemeinsame Ferienwochen im Sommer, nur Ott, Scacchi und die fünf Kinder. Und weil sie ein gutes Team sind: «Wir machen alles zusammen. Wenn ich nicht mehr kann, ist Nico da. Ich lade bei ihm ab, wir tauschen uns aus und entlasten uns gegenseitig», erzählt sie, inzwischen am hintersten Ende des Gartens angelangt.

Wo jetzt noch karge Erde liegt, sollen bald die Erdbeerstauden wachsen, damit Ott daraus nächstes Jahr Rhabarber-Erdbeere-Konfi machen kann. Sie blickt über die grüne Wiese mit drei einzelnen Sonnenblumen und lehnt sich dann an eine riesige Linde. «Wenn du einen Hof übernehmen willst, schau zuerst, ob es eine Linde hat, sagte meine Mutter. Ihre weibliche Kraft umsorgt den Betrieb und wiegt die sanft fallenden Blätter. Sie meint es gut mit uns.»

Lina Ott, Emma und Ursula Schnetzler vor der grossen Linde.
Die grosse Linde sorgt für einen gedeihenden Garten.

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