04. August 2017

Ein New Yorker im Landdienst

Francis Krauch ist Auslandschweizer und wohnt in New York. Der 17-Jährige liebt das Bodenständige und verbringt schon den zweiten Sommer auf dem Hof von Jean-Pierre Perroud – dem Mann, den seine Kühe an der Stimme erkennen.

Francis Krauch (rechts) mit Bauer Jean-Pierre Perroud und Sohn Florian (links)
Gast Francis Krauch (rechts) mit Bauer Jean-Pierre Perroud und Sohn Florian (links).

Würde in New York einer so rumbrüllen wie Jean-Pierre Perroud (66), Francis würde denken: Wieder einer dieser Verrückten. Aber Perroud hat eben eine laute Stimme, wie schon sein Vater und sein Grossvater. Die Perrouds aus Châtel-Saint-Denis FR sind Milchbauern seit Generationen. Und wenn Jean-Pierre oben auf der Matte des Belmont in den Wald ruft, dann kommen sie angerannt, seine 30 rotfleckigen Holsteiner.

Fragt man Francis Krauch, was ihn beeindruckt am Landleben im Tal über dem Lac Léman, überlegt er nicht lange: «Zum Beispiel, dass die Kühe ihren Chef an der Stimme erkennen. Das zeigt die Verbundenheit, die Jean-Pierre mit seinen Tieren und der Natur hat.»

Vom Landwirt kann der New Yorker lernen
Vom pensionierten Landwirt kann der New Yorker noch einiges lernen.

Das fasziniert ihn, denn Natur gibt es in seiner Heimat New York nur in künstlicher Form. Der Central Park, die riesige Parkanlage im Zentrum von Manhatten, ist künstlich angelegt. Wenn Francis im New Yorker Stadtteil Midtown aus seinem Zimmer schaut, sieht er Beton und Stahl. Hier ist er mit seinen Eltern und einem älteren Bruder aufgewachsen, im zwölften Stock eines Hochhauses.

Er sehnte sich seit einiger Zeit nach mehr Bodenhaftung und kam so drauf, ein Praktikum auf einem Bauernhof in der Schweiz zu machen. Seine Mutter, die in einer Immobilienfirma arbeitet und erst wegen der Kunst und dann wegen der Liebe nach New York zog, ist Schweizerin. Sein Vater, ein ehemaliger Berufsmusiker, ist Deutscher. Francis hat den Schweizer Pass. Vermittelt hat das Praktikum die Schweizer Non-Profit-Organisation Agriviva (unten).

Der 17-Jährige war vergangenes Jahr schon bei den Perrouds. Und er kam wieder, weil er «noch mehr von Jean-Pierre lernen wollte», von dieser Frohnatur von einem Mann, dessen Liebe für alles, was er tut, ansteckend ist.

Leben am schönsten Fleck der Schweiz

Seit 20 Jahren nehmen die Perrouds im Sommer Praktikanten auf. Sie bringen ein bisschen von der weiten Welt auf ihren Hof, der sie daran hindert selber die Welt zu entdecken. Die Kühe brauchen eine Rundumbetreuung, sieben Tage pro Woche. Aber wer will schon verreisen, wenn er einen Bauernhof an einem der schönsten Flecken der Schweiz hat, dazu Unabhängigkeit und genug zum Leben? Die Frauen der Familie Perroud, Patricia (50) und Elodie (18) zieht es noch eher weg.

Francis kümmert sich ums Vieh
Im freiburgischen Châtel-Saint-Denis ist Francis nah bei der Natur und kümmert sich ums Vieh.

Doch Vater Jean-Pierre hat es schon in Paris nicht gefallen. Was will er in der Grossstadt? Er war einmal in Kanada, erzählt er. Und hat sich auf den riesigen Parkplätzen gewundert, wie die Leute überhaupt ihre Autos wiederfinden. Wieder lacht er dieses laute, ansteckende Lachen, das zuerst tief aus der Kehle kommt und dann in der Tonlage höher wird.

Zufriedenheit ist ein Geschenk des Lebens, eines, das Jean-Pierre Perroud vermutlich in die Wiege gelegt worden ist. Er hätschelt seine Kühe und pflegt jede der rund 40 Hektaren seines Hofs. Dieser verteilt sich auf drei Parzellen, jene ums Haus, die im Gebiet Belmont etwas weiter oben und die 17 Hektaren auf dem Berg. Dazu kommt eine Alp, auf der im Sommer die Rinder weiden.

Er repariert, er erneuert. Beim Belmont wird gerade Beton für einen neuen Unterstand gegossen. Er arbeitet hart, aber nicht dafür, irgendwann reich und berühmt zu sein. Sondern dafür, dass es allen gut geht; seinen Tieren und seiner Familie. Und dass es weitergeht und sein Sohn dereinst von dem leben kann, was der Hof abwirft.

Francis schätzt auch das gemeinsame Essen
Francis schätzt auch das gemeinsame Essen mit Florian, Jean-Pierre, Patricia und Elodie Perroud.

Jean-Pierre ist die Antithese zum New Yorker Lebensstil. Wieso mehr wollen, wieso immer höher hinaus? Für was? Bedeutet denn mehr Geld automatisch grösseres Glück? Und so bekommt der Junge aus New York von seinem Lehrmeister nicht nur Handwerkliches mit.
Francis melkt, mistet, lernt, mit den Kühen umzugehen, die auch nicht immer bester Laune sind, nette, aufmüpfige oder nervöse Charaktere haben. Aber es scheint, als würde er gleichzeitig Jean-Pierres Lebensphilosophie mitaufsaugen.

Hier hört Francis Sätze wie: «Schau die Schwalben im Stall, sie bringen Glück.» Oder: «Die Kühe brauchen auch einmal Pause. Niemand kann immer nur arbeiten.»
Vor wenigen Wochen hat Francis die High School beendet. Nun überlegt er sich, an der Hochschule St. Gallen Wirtschaft zu studieren. Er möchte später einmal etwas im Umweltbereich machen und verhindern, dass die Natur immer weiter ausgebeutet wird.

Wirtschaft und Psychologie interessieren ihn, weil er wissen will, wieso Leute Dinge kaufen, die sie nicht brauchen. Er sei aber erst mal hier, sagt er, um die Natur zu verstehen, aber auch die Menschen, die mit der Natur arbeiten. «Sie sind auf eine Art freier als die Menschen in New York», beobachtet Francis, «bodenständiger». Sie heben nicht gerne ab. Auch Fliegen will vor allem Vater Perroud lieber nicht.

Florian und  Francis
Unterschiedliche Perspektive: Florian (l.) lernt Bauer und wird den Hof des Vaters übernehmen, Francis möchte in St. Gallen studieren

Leute vom Land, hat Francis das Gefühl, geben die Kontrolle nicht so gerne aus der Hand. Sie horten Bargeld, statt mit der Kreditkarte zu bezahlen. Schulden machen sie lieber nicht. Geschäfte tätigen sie hauptsächlich mit Leuten, die sie kennen. Und Jean-Pierre Perroud scheint alle im Dorf zu kennen. Wenn er mit seinem Suzuki von einem Teil seines Hofs zum nächsten kurvt, hebt er jeweils den Zeigefinger zum Gruss. Francis ist gerne Teil dieser Gesellschaft, wo man sich begegnet, sich kennt, miteinander redet.

Pünktlich sein, anpacken, sich engagieren

«Ich habe mir früher nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was hinter der Milchproduktion steckt.» Milch kommt halt aus dem Supermarkt, dachte er. Heute hantiert er eigenständig mit der Melkmaschine, putzt die Zitzen, setzt die Melkbecher an, bringt die Milch mit Jean-Pierre Perroud in die Käserei im Dorf, wo sie vor Ort zu Käse verarbeitet wird.

Der gross gewachsene, feingliedrige Junge liebt es, um fünf Uhr morgens aufzustehen und die Kühe von der Weide zu holen. Jean-Pierre ruft und diejenigen, die dann nicht kommen, geht Francis suchen. Der New Yorker habe noch nie verschlafen, sagt Jean-Pierre Perroud anerkennend. Francis hat die Werte verstanden, die hier herrschen: pünktlich sein, anpacken, sich engagieren.

Man arbeitet zusammen, man unterstützt sich. Das gefällt Francis. Ihm gefällt aber auch der Abend, an dem man sich gemeinsam ausruht, Karten spielt und sich noch etwas erzählt. In New York ist man busy. Hier ist man zusammen.
Was ist typisch New York an ihm? Francis überlegt: «Der schnelle Gang, alle New Yorker gehen schnell.» Und er weiss genau, welche Strassen er benützen muss, um dem ewigen Touristenstrom in seiner Heimatstadt auszuweichen. Er kennt zudem die schönsten Ecken, fern der Hektik.

Francis Krauch bei einer Pause vor dem Bienenhaus
Francis Krauch bei einer Pause vor dem Bienenhaus.

Der 17-Jährige, der fliessend Hochdeutsch und bereits passabel Französisch spricht, sieht sich nicht zwingend als typischen Amerikaner. Er sei von der Mentalität her eher Europäer; noch mehr, seit Trump die USA regiert. Am Tag nach der Wahl, erzählt Francis, hätten Kolleginnen und Kollegen in der Schule geweint, weil sie nicht glauben konnten, was da passierte.

Ob er selber in New York leben möchte nach dem Studium? Francis weiss es noch nicht. Vielleicht, sagt er. Mal schauen. ­Vielleicht wählt er für sich auch ein Leben, das der Erde näher ist. 

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