05. Januar 2019

Ein neues Leben geschenkt

Claudia Schwingruber musste nach der Geburt ihrer Tochter notfallmässig am Herzen operiert werden. Jochen Gnädinger war nach einem Herzinfarkt kurz klinisch tot. Lebt man anders, wenn man fast gestorben wäre?

Claudia Schwingruber (33), ihr Mann Christian Brunner (35) und die kleine Emma (1)
Alltag, ein Jahr später: Claudia Schwingruber (33), ihr Mann Christian Brunner (35) und die kleine Emma (1).

Claudia Schwingruber ist im neunten Monat schwanger und aufgewühlt. Eben hat sie ihre krebskranke Freundin im Spital besucht. Ihr ist schwindlig, sie hat Atemnot und muss sich setzen. Als sie zwischen den Schultern einen plötzlichen Schmerz verspürt, denken sie und ihr Partner Christian Brunner: Jetzt haben die Wehen eingesetzt. Zurück im Luzerner Kantonsspital sind sie im Nu im Gebärsaal. Doch der Wehenschreiber zeigt nichts an. Nach vielen weiteren Checks erkennt der Kardiologe bei Schwingruber einen Riss der gesamten Aorta, der Hauptschlagader.

Es geht um Leben und Tod. Bevor die Spezialisten Schwingrubers Aorta flicken können, muss ihr Baby zur Welt gebracht werden. Christian Brunner wird informiert, dass er im schlimmsten Fall allein nach Hause muss. Während der Vorbereitungen für den Kaiserschnitt verfasst das Paar handschriftlich ein Testament. Sie funktionieren nur noch.

Der Kaiserschnitt verläuft ohne Komplikationen; schon bald liegt die kleine Emma auf der Brust ihres Papas. Während er ihr Wärme und Nähe schenkt, ist der Körper seiner Freundin auf 26 Grad hinuntergekühlt. Im Herz- und Kreislaufstillstand wird die Hauptschlagader ersetzt, das Herz schlägt für über 60 Minuten nicht. Nur langsam wird ihr Körper danach aufgewärmt, und das Herz fängt von allein wieder an zu schlagen.

Glück im Unglück
Nach sechs bangen Stunden informiert der Herzchirurg Peter Matt Christian Brunner, dass die Operation erfolgreich verlaufen sei und Claudia nun auf der Intensivstation aufwache. Als er sie kurz darauf mit Emma besucht, ist sie vom Eingriff gezeichnet. Ihre Augenlider sind so geschwollen, dass sie nichts sieht, und sie hängt an Schläuchen. An ihren ersten Moment mit Emma kann sie sich bis heute nicht erinnern. Bloss an die Angst: «Der Gedanke, Emma müsste ohne Mami aufwachsen, war unendlich traurig.»

Während Christian Brunner als einziger Mann im Wochenbett schöppelt, wickelt und kuschelt, kommt Claudia Schwingruber langsam zu Kräften. Als Emma neun Tage alt ist, wird ihre Mutter emotional erneut durchgeschüttelt: Im Stockwerk über ihr stirbt ihre liebste Freundin.

Nach 13 Tagen im Spital wird sie entlassen. Claudia Schwingruber kann weder einen Kinderwagen stossen noch Emma in der Traghilfe herumtragen: zu frisch sind die Wunden. Aber ihr Baby kurz hochheben, das geht. Per Zufall nimmt Emma immer so viel zu, wie ihre Mutter auch tragen darf.
Nach fünf Monaten Mutterschaftsurlaub nimmt sie ihre Arbeit als Lehrerin wieder auf. Claudia Schwingruber ist froh über die Rückkehr zur Normalität.

Heiratsantrag an Weihnachten
Heute, gut ein Jahr nach der Herzoperation und Emmas Geburt, ist die kleine Familie glücklich im Alltag angekommen. Claudia Schwingruber verarbeitet noch immer den Verlust ihrer «Seelenverwandten». Ihre Notoperation empfindet sie nicht als Schicksalsschlag, sondern ist dankbar für das Glück im Unglück. Ihre Herzoperation und Emma haben ihr eine neue Selbstsicherheit geschenkt. Einzig das Vertrauen in ihren Körper ist noch etwas wacklig. Zieht oder zwickt etwas im Brustbereich, sorgt sie sich.

Für Christian Brunner haben sich die Prioritäten verschoben. So nimmt er etwa Probleme im Job gelassener. Heiraten wollte er eigentlich nie. Doch die Zeit, als er um seine Liebsten bangte, stimmte ihn um. Am ersten Weihnachtsfest zu dritt machte er Claudia einen Heiratsantrag. Sie sagte «Ja».

«Alles Weitere ist Zugabe»

Jochen Gnädinger (58)
Jochen Gnädinger (58) nimmt sich seit seinem Herzinfarkt mehr Zeit für die Dinge, die ihm guttun – zum Beispiel sein Hobby Musik.

Jochen Gnädinger fehlen zehn Tage.
Die Lücke bleibt, auch wenn er immer wieder am Wäldchen bei Adligenswil LU vorbeifährt, wo es passiert ist. Hier radelt er am 26. Oktober 2014 durch – dann wird es in der Erinnerung dunkel.

Als er wieder zu sich kommt, liegt Jochen Gnädinger im Kantonsspital Luzern, hat eine Herzoperation und zehn Tage künstliches Koma hinter sich. Es dauert Wochen, bis er das Erlebte rekonstruieren kann: Eine Ärztefamilie fand ihn am Strassenrand. Klinisch tot – aber noch warm. Der Rega-Arzt und die Gynäkologin reanimierten ihn und brachten ihn mit der Ambulanz ins Spital.

Der Weg zurück ins Leben ist ein Kampf.Er muss wieder lernen zu gehen, sich klar auszudrücken. Seine Gefühle schwanken. Mal ist er einfach nur dankbar. Mal denkt er, sein Leben hätte auch ein Ende finden können in diesem Wäldchen.
Als der Unternehmer nach zwei Monaten im Spital und in der Reha entlassen wird, ist er «mechanisch zwar zusammengeflickt, psychisch aber nicht». Er sucht einen erfahrenen Psychiater auf: «Ich genoss es, in guter Gesellschaft über mein reiches Leben nachzudenken», sagt er.

Prioritäten neu gesetzt
Jochen Gnädinger hat zwei Studien absolviert, für ABB in arabischen Ländern gearbeitet, für Landis & Gyr das Osteuropa-Geschäft aufgebaut. Er hat mit seinem Know-how Jungunternehmer begleitet und sich später als Berater selbständig gemacht. Er lebt in einer Beziehung. Zu seinen zwei Kindern, die bei seiner Ex-Frau leben, hat er ein gutes Verhältnis.

Heute freut er sich über die Zugabe, die er geschenkt bekommen hat. Und er ändert einiges in seinem Leben: Er optimiert weniger, nimmt sich mehr Zeit. Er kauft sich einen Töff und unternimmt Touren mit Freunden. Er beharrt nicht mehr auf seiner politischen Position in Gesprächsrunden, sondern weicht lieber auf Themen aus, die Freude machen. Er sagt öfter auch mal Nein.

Und er baut ein Modell der Erde mit Mount Everest und Marianengraben: Der höchste Berg und der tiefste Graben messen nur je einen Millimeter, der Erddurchmesser misst 13 Meter. Das Modell bestätigt seinen Eindruck, wie klein wir doch sind.

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