Leser-Beitrag
24. April 2018

Ein Miteinander ohne Grenzen

Wenn der Fluss ins Meerdelta fliesst, vermischt es alles. Im Quartier von Rentner Alois Meier hapert es bisweilen aber noch beim Nebeneinander. Eine Geschichte aus dem Alltag von Leser Florian Riner.

Hier mischt sich alles
Lesezeit 3 Minuten

Bussarde ziehen unter dem bewölkten Himmel miauend ihre Runden. Krähen versammeln sich lautstark zu einem Mob, stürzen sich auf die Raubvögel. Hoch oben fliegen Flugzeuge Richtung ... Destination. Die glänzende Himmelsverkleidung spiegelt die verdeckte Sonne.

Pensionär Meier beäugt den kleinen Bildschirm seines Laptops. Der winzige Balkon ist sein Refugium. Außerhalb seiner Oase interessiert in nichts. Eigentlich. Die überlauten Gofen brachten ihn schon öfters aus der Fassung. Die Leserbriefe, welche er an verschiedene Medien schickt, bringen seine Raison zur Ruhe.

Aus einer Ritze der Balkonmauer streckt ein Löwenzahn seine gezackten, grünen Blätter. Alle Facetten der Blüte. Gelb ausgewachsen. Ein Kopf, weiss behaart, bereit zum Samen-Aussenden. Eine noch eingepackt. Alois Meier hat das Gefühl für die Natur verloren. Angewidert zupft er den Salat aus dem Spalt. Vorsichtig, aber energisch reißt er das Grünzeug mit der Wurzel heraus und wirft es vom zweiten Stock in Richtung der lärmenden Kinder.

Alois ist verbittert. Die Jungs und Mädels im Eingang zum grauen Wohnblock erst recht. Keine der Parteien vermag sich in die Situation des Anderen einzufühlen. Die lärmenden Emigranten provozieren mit den von Meier knapp aufgefassten, aber nicht verstandenen Phrasen. Der alte Mann reagiert mit Gewalt. Viel hat er nicht mehr. Alle Blumenvasen der kürzlich verstorbenen Frau wurden Opfer seiner unüberlegten Vehemenz. Auf Facebook hackt er seine Aggression in die Tasten. Sein Grüppchen ist bescheiden gross, rechtsradikal. Die Daumen hoch besänftigen das heiße Gemüt.

In der Siedlung nahe der Stadt brodelt es. Billige, abgewrackte Wohnungen, besetzt von Ausgesteuerten, Flüchtlingen und Herrn Meiers. In der reichen Schweiz.

Neid. Wenn Alle nur den gängigen Reis mampfen, esse ich auch einfach Reis. Wenn mein Nachbar aber Basmati isst, habe ich Lust, diesen zu probieren.

Alois gönnt sich zum Abendessen mit seiner minimalen Rente einen Riz Casimir.

Der kleine Laden im Quartier führt hauptsächlich Waren für arabische Geschmäcker. Um die Aktionen, welche der libanesische Geschäftsmann anbietet, wird gerungen. Herrn Meiers Prinzipien aus den Achtundsechzigern verdufteten, irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens. Diverse Diskussionen um Halal. Alois beugte sich der Mehrheit. Anzeigen in Sachen Tierschutz verschwanden in den Tiefen der Politik und Bürokratie. Bei den immer wiederkehrenden Schächtungen in den Hinterhöfen der Siedlung schlossen die wenigen offenen Bewohner, Augen und Ohren.
Leserbriefe in dieser Hinsicht ließ Alois sein. Anscheinend wollten sich seine gewählten Politiker die Finger an diesen heißen Eisen nicht verbrennen.

Es ist für Alle genug da!

... schreit der Kaufmann, händereibend in die wühlende Menge. Gewillte farbige Handlanger füllen die Regale auf.

Ruhe herrscht an diesem Abend in den Blockwohnungen der Kolonie. Curry, gebratenes Pouletfleisch, Reis mit diversen Gewürzen. Die milden Frühlingstemperaturen verschmelzen mit den orientalischen Gerüchen. Gelächter ertönt, widerhallt in den engen Gassen.

Herr Müller beißt in das zarte Hühnchenfleischstückchen. Die wenigen Zähne knirschen unter der unterdrückten Machtlosigkeit. Die Fertigsauce verdeckt den klebrigen Geschmack des Zahnfleischblutens. Der billige Reis, der fünf Kilogramm Beutel für vier Franken, cremig und leicht gewürzt, erzeugt bei jedem Bissen Brechreiz. Erlernte Überzeugung, ehrliches Leben ist nicht zu überlisten.

Der Bussard schnellt pfeilgerade hinunter.

Huuiiihuuii!

Mit einer Maus zwischen den Krallen zieht er sich auf einen breiten Pfahl zurück, gönnt sich das erlegte Abendessen. Mitten im Brandherd der Kulturen lässt er sich nichts anmerken. Was kümmert ihn denn geschächtetes Fleisch, Streit zwischen verschiedenen Kulturen. Die Maus schmeckt, die Krähen in seinem Umfeld verschiebt er auf den anderen Tag. Der Moment zählt.

Oder bringt es irgend Jemandem etwas, wenn sich die Ärmsten bekämpfen? Ist die Politik so pervers, um derartige Kinder zu produzieren?

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