13. Februar 2019

Ein M verliebter

Jeder vierte Deutschschweizer hatte schon ein Techtelmechtel am Arbeitsplatz. Und manchmal wird aus dem Flirt sogar Liebe – wie bei diesen sechs Migros-Paaren.

Matthias Beck und Jeannine Fahrni
Matthias Beck und Jeannine Fahrni
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Übers Eis in die Ehe geschlittert
Wie im Drehbuch lernten sich Jeannine und ihr Matthias kennen. Schauplatz: Das Shoppyland in Schönbühl BE. Die Protagonisten: Jeannine Fahrni, Verkäuferin im Migros-Restaurant, und Matthias Beck, Metzger in der Migros-Filiale. Die Handlung: Es war ein normaler Morgen, als die Eismaschine des Restaurants streikte. Auf das Eis fürs Buffet kann man jedoch nicht verzichten. «Zuerst habe ich mich ziemlich geärgert», sagt Jeannine. Sie ging hinunter in die Fischabteilung, um dort Eis zu holen. Behilflich war ihr dabei ein bislang unbekanntes Gesicht, Matthias. «Als ich ihn das Eis schaufeln sah, wurde es mir gar nicht kalt, sondern warm ums Herz», erinnert sie sich.

Er sagt: «Ich fand sie eine Herzige, hätte aber nicht gedacht, dass ich bei ihr Chancen habe.» Hatte er aber doch. Wenige Tage später schrieb Jeannine ihm auf Facebook. Sie verabredeten sich, zusammen gingen sie ins Verkehrshaus Luzern. Von jetzt an ging es bei den beiden Schlag auf Schlag: Zwei Wochen später waren sie ein Paar, «ihr» Datum ist der 11. April 2018. Bereits fünf Monate später machte Matthias ihr einen Heiratsantrag und Jeannine sagte im Blütenbad eines Wellnesshotels «Ja, sicher!».
Gerade planen sie ihre Hochzeit, die im September stattfindet. «Wenns passt, dann passts einfach», finden sie.

Von der Lehre bis zur Pension

Claudine (60) und Philippe Droz (60)

Philippe und Claudine Droz lernten sich 1975 kennen. Beide machten damals ihre Ausbildung in einem Geschäft im Marin-Centre bei Neuenburg. Nach einem Mofaunfall kamen sich die beiden näher. «Als er im Spital lag, habe ich ihn besucht. Ich konnte es kaum ertragen, ihn so zu sehen. Von da an haben wir uns regelmässig getroffen», sagt Claudine. «Und es hat direkt zwischen uns gefunkt», bestätigt Philippe. Sie haben geheiratet und einen Sohn bekommen.

Ihre Liebe ist unverändert gross, ebenso ihre Treue zu ihrem Arbeitgeber: Beide arbeiten noch immer im Marin-Centre. Sie in der Haushalts-, er in der Tiefkühlabteilung. «Wir versuchen, mittags zusammen zu essen, und warten aufeinander, um abends gemeinsam nach Hause zu fahren», sagt Philippe. Nachdem sie ihr Leben lang bei der Migros gearbeitet haben, rückt die Pensionierung näher. Sie haben bereits Pläne geschmiedet. Kleinere Reisen, Wanderungen durch die Schweiz oder eine musikalische Kreuzfahrt. Eins steht fest: Wenn sie zusammen sind, wird es nie langweilig. Ein starker Zusammenhalt in jeder Lebenslage sei das Geheimnis ihrer Beziehung. «Mein Mann ist eine echte Nervensäge. Er ist ein Schelm, er ärgert mich die ganze Zeit. Aber ich weiss, es ist niemals böse gemeint.»

Beinahe für immer verpasst

Hamdiye Mutlu (48) und Sylvan Bertholjotti (42)

Die Geschichte von der schweizerisch-türkischen Doppelbürgerin Hamdiye Mutlu und dem Walliser Sylvan Bertholjotti beginnt mit einem Missverständnis und einem Kaktus. Eines Tages ging bei Hamdiye am Kundendienst bei der Migros-Filiale in Regensdorf die Bestellung für einen Tiefkühlschrank ein. Der Kunde holte Tage später das Gerät versehentlich in der falschen Filiale. Hamdiye Mutlu erfuhr erst davon, als sie den Kunden bat, die Bestellung abzuholen. «Ich war sauer, weil der Tiefkühler längst beim Kunden stand und stauchte bei Melec­tronics den Verantwortlichen zusammen.» Dass es Sylvan war, wusste sie nicht. «Als Wiedergutmachung brachte ich Hamdiye einen Kaktus. Sie hatte frei, und ich traf sie nicht persönlich an.»

Vier Jahre später stellte er sich als ihr neuer Chef vor. Beide hatten eine Trennung hinter sich, sprachen über ihre Sorgen und entdeckten Gemeinsamkeiten. Seit 2006 sind sie ein Paar. Sylvan leitet heute eine Migros-Filiale in Zürich, Hamdiye arbeitet noch immer in Regensdorf. Zusammen sind das 58 Migros-Jahre. Nun naht der Abschied. In der Türkei, direkt am Schwarzen Meer, haben sie ein Haus gebaut. «Es gibt Berge, Tannen und Schnee im Winter. Wie im Wallis. Einfach mit Meer», sagt Sylvan.
Mitnehmen werden sie nicht viel. Aber bestimmt den Kaktus, den Sylvan seiner Hamdiye damals an den Migros-Kundendienst brachte.

Einseitiges Blind Date

Séverine (41) und  René (50) Schulthess

Als Séverine Schulthess ihrem heutigen Mann René zum ersten Mal begegnete, ignorierte er sie. Beide arbeiteten beim Migros-Genossenschafts-Bund, sie im Foodbereich, er als Projektleiter. Das wusste Séverine nicht. «Ich stieg aus dem Lift und sah diesen fremden Mann am Kopierer stehen. Mir blieb fast das Herz stehen. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick.» Wochen später stand der Mann vom Kopierer vor ihr und leitete eine Teambesprechung. «Ich hatte mich von meiner Frau getrennt, sie blieb mit unseren Söhnen in der Wohnung. Eigentlich suchte ich keine neue Beziehung», sagt René. Séverines Interesse bemerkte er nicht, bis sie ihn zum Kaffee einlud. «Für mich war es ein Blind Date, ich hatte keine Ahnung, von wem diese SMS kam.» Auf den Kaffee folgten Kinobesuche, Abendessen, und irgendwann gestand Séverine René ihre Gefühle. Er ging auf Distanz. «Der Zeitpunkt passte für mich nicht.»

Die Treffen fanden aber weiterhin statt und wurden zur Affäre. Am Arbeitsplatz wusste niemand davon. «Wir trafen uns heimlich im Raucherraum zur Übergabe der Wohnungsschlüssel», sagt Séverine. Es dauerte und brauchte viele Gespräche, bis aus der Affäre eine offizielle Beziehung wurde. 2009 heirateten die beiden, drei Jahre später kam Sohn Luis zur Welt. Er hat die Patchworkfamilie noch näher zusammengebracht. Renés Söhne lieben ihren kleinen Bruder, seine Ex-Frau hilft manchmal als Babysitterin aus.

Liebe auf den zweiten Blick

Sinja Peter und Tobias Caruso sind Migros-Kinder, nicht nur weil sie dort einkaufen, sondern weil beide schon seit ihrer Lehre dort arbeiten. Sie waren Arbeitskollegen im Bereich Food und keineswegs sofort Feuer und Flamme füreinander. «Im Gegenteil, wir hatten oft unterschiedliche Ansichten betreffend unserer Arbeitsweise», sagt Sinja. Als Sinja aber für ein Musikfestival keine Begleitung fand, fuhr Tobias mit, und ab diesem Zeitpunkt wurde regelmässig Privates zusammen unternommen. Ihre Beziehung verlagerte sich in den Folgewochen zunehmend in die Freizeit.

«Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die Gefühle wuchsen mit der Zeit», sagt Tobias. Diese verschwiegen sie aber vor den Arbeitskollegen. «Wir liefen nicht Händchenhaltend durch Zürich, jemand hätte uns ja sehen können.» Erst ein Facebook-Post, kuschelnd auf dem Sofa, setzte dem Versteckspiel ein Ende. «Ist das ein Witz?», war die Reaktion der Arbeitskollegen. «Wir waren kein Dream-Team im Büro, die Beziehung kam für viele überraschend», erzählt Tobias. Mittlerweile arbeiten Sinja und Tobias in unterschiedlichen Abteilungen bei der Migros. «Das macht die Beziehung einfacher, und wenn Tobi mit Arbeitskolleginnen Kaffee trinken geht, erfahre ich das immer», sagt Sinja.
Zwar teilt sich das Paar nun keinen Arbeitsplatz mehr, dafür eine Wohnung.

Es funkte an der Fasnacht

Zum ersten Mal liefen sich Marc Frei und seine heutige Frau Sylvia 1997 in der Migros-Betriebszentrale in Münchenstein über den Weg. Sie war dort Lernende, er war ihr Betreuer. Heute, 22 Jahre später, arbeiten sie noch immer bei der Migros Basel. «Gefallen haben wir uns schon immer. Aber während meiner Ausbildung war eine Beziehung kein Thema», sagt Sylvia. Näher kamen sich die beiden Jahre später, als Sylvia ein Abteilungs-Skiweekend mitorganisierte.
«Kontakt hatten wir lange nur per Mail. Wir arbeiteten auf unterschiedlichen Stockwerken und haben uns hin und her geschrieben», erzählt Marc. Es brauchte die Fasnacht, damit sich Sylvia und Marc auch körperlich näherkamen. «Dort hat es endgültig zwischen uns gefunkt. In Liestal an der Landschäftler Fasnacht», sagt Sylvia.

Ihre Gefühle hielten sie im Büro vorerst unter Verschluss, doch die Arbeitskollegen waren wenig überrascht, als die Beziehung offiziell wurde. «Ah, ich habs doch gewusst», war die häufigste Antwort. «Wir haben geschäftlich zum Glück nichts miteinander zu tun», sagt Marc. Trotzdem verbindet sie die Migros. Beide hatten noch nie einen anderen Arbeitgeber. «Ich feiere bald mein 30-jähriges Firmenjubiläum», sagt Marc «und das Schöne ist, dank unserer Arbeit bei der Migros haben wir immer ein Gesprächsthema.»

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