11. November 2019

Ein leises Wort

Bänz Friedli ist auf Heimatsuche.

Ein Stück Heimat
Lesezeit 1 Minute

Zweite Wahlgänge stehen noch an, danach ist das Wahljahr ausgestanden. Mich hat irritiert, wie sie heuer alle von Heimat sprachen. Gerade so, als liesse sie sich pachten. «Wir sind Heimat», versprach der Parteipräsident, der sich gern ländlich gibt. Der andere Vorsitzende – dem Buchstaben nach: der christliche – wollte «die hartnäckige Globalisierung mit mehr Heimat kurieren». Für die freisinnige Präsidentin ist «die Heimat der wichtigste Grund zu politisieren». Und manche Sozialdemokraten versprachen eine «linke Heimat». Der Sänger Trauffer weiss: «Die Leute haben Sehnsucht nach Heimat» – also verkauft er sie ihnen in Portionen à dreieinhalb Minuten.

Als liesse die Heimat sich besitzen. Sie lässt sich nicht einmal fassen. Klar, ich habe mich über den Sieg von Stucki Christian am «Eidgenössischen» gefreut. Dennoch empfinde ich das Schwingen noch immer als ähnlich exotisch wie Baseball und Polo. Mich befremdet, wie laut sie «Heimat» für sich beanspruchen, wo es doch, finde ich, ein so leises Wort ist. «Home is, where my daughter is», sagte mir einst ein rastloser Musiker, Chris Whitley, nur bei seiner Tochter sei er daheim. Er starb – hat die Tochter mir später erzählt – in ihren Armen. Und wenn ich sie fragen will, was ihr Heimat bedeute, kennt sie das Wort nicht. «Heimat» ist unübersetzbar, Amerikanerinnen lassen verschiedene Heimaten zu, «native country», «home country» und «home». Geburtsort, Wohnort, Gefühl.

Mir ist der Geräteraum der Turnhalle Murzelen bei Bern eine Art Heimat. Ungeheuer vertraut. Ein abgewetztes Hotel in Lafayette, Louisiana. Dort einchecken ist wie heimkommen. «Hey, the swiss film maker!», begrüsst mich die Rundliche an der Réception, und sie ahnt, dass ich ihr auch diesmal eine Riesen-Toblerone mitgebracht habe. Freundinnen sind Heimat und Freunde, in Wallisellen, Rottweil, Bümpliz, in Olten, Luzern, Rom. Ein welker Fussballrasen zwischen Autobahn und Kläranlage. Die Liebsten sind Heimat, sie am allermeisten. Songzeilen von Züri West und Steve Earle. Erinnerungen. Warum nicht auch Träume?

Falls Heimat dann ist, wenn ich ganz bei mir bin, liegt sie auf einer Snowboardpiste in den Bündner Alpen, einem Highway irgendwo in Georgia, und aus dem Autoradio singen Joan Baez und die Indigo Girls «Don’t Think Twice, It’s All Right». Vielleicht ist Heimat ja ein Ort, wo ich noch nie war? Ein lieber Freund hat ein Gedicht geschrieben: «Begrabt mich bloss nicht in der Heimat», und es leuchtet mir ein. Weil das Daheim genauso in der Ferne liegen kann, im Unbekannten. Aber ich mag ihn jetzt noch nicht begraben, der Kerl soll ausharren – und mir noch ein bisschen Heimat sein.

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