26. Juli 2018

Ein Leben für den Film

Die Leidenschaft fürs Kino begleitet Andreas Furler seit seiner Jugend. Mit Cinefile.ch hat der ehemalige Leiter des Zürcher Filmpodiums nun ein Streamingportal für qualitativ hochwertige Filme aufgebaut. Am Filmfestival in Locarno wird er es erstmals präsentieren.

Andreas Furler
Film- und Serienfan Andreas Furler geht nicht nur gern ins Kino, sondern streamt auch häufig im heimischen Wohnzimmer.
Lesezeit 5 Minuten

Alles begann 1977 mit «Saturday Night Fever». Andreas Furler, damals 16 Jahre alt, ging mit seiner Freundin ins Kino und war hin und weg. Der Film und sein Sound trafen ihn mitten ins Herz: «Wie da Travolta zu den Bee Gees in diesen unsäglichen Hosen durch Brooklyn wippte, war so komisch wie cool.» Es war der Anfang einer Liebe, die den ehemaligen Filmjournalisten bis heute nicht losgelassen hat.

«Dass ich diese Leidenschaft zum Beruf machen konnte, hatte auch viel mit Glück zu tun», sagt der heute 57-Jährige. Als Student schickte er Mitte der 80er-Jahre ungefragt eine Kritik zu Woody Allens «The Purple Rose of Cairo» an die NZZ. «Ich bekam eine freundliche Antwort, dass man darum nicht gebeten habe, man es jedoch probehalber miteinander versuchen könnte.» Schon bald wurde Furler vom damaligen Chefkritiker Christoph Egger unter seine Fittiche genommen und konnte regelmässig kleine Filmbesprechungen in der NZZ publizieren.

1989 wechselte er zum «Tages-Anzeiger», wo er ab 1996 das Filmressort führte, bevor er zur Jahrtausendwende für 13 Jahre die Leitung des Filmpodiums übernahm, eine Zürcher Institution, die auf Klassiker und Reprisen spezialisiert ist. «Ich wollte nicht weg vom Schreiben, aber endlich eintauchen in die Filmgeschichte.» Zu Furlers Studienzeit gab es noch kein Filmstudium in Zürich. Man konnte sich das Wissen nur anderweitig aneignen, etwa über Auslandssemester oder im Filmclub der ETH.

Der gewagte Schritt zum Unternehmertum

Nun wagt Furler den nächsten Schritt: Er ist Unternehmer geworden und betreibt mit Cinefile.ch seit zwei Monaten sein eigenes Filmportal, das er soeben ums Streaming für qualitativ hochwertige Filme erweitert hat. «Ich habe schon lange vom Unternehmertum geträumt und mein Umfeld mit Ideen am Laufmeter beglückt, doch mir fehlten Entschlossenheit und tragfähige Geschäftsmodelle.» Nun jedoch habe er sich durchgekämpft. «Und ich würde das auch dann keine Sekunde bereuen, wenn der wirtschaftliche Erfolg ausbleiben sollte.» Ohne die finanzielle Start-up-Hilfe von Engagement Migros hätte aller Wagemut allerdings nicht gereicht. «Es wäre schlicht nicht finanzierbar gewesen. Auch so musste ich mich massiv verschulden. Doch das ist unvermeidlich: ohne persönliches Risiko kein Entrepreneur.»

Die Zahl der Websites, auf denen man Filme und Serien online gegen eine Gebühr schauen kann, ist in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Dschungel herangewachsen. Zu den bekanntesten Namen gehören Netflix sowie in der Schweiz Teleclub und Hollystar. Aber auch wer ein TV-Abo bei Swisscom oder UPC hat, kann dort Filme streamen. «Das Problem ist, dass man bei all diesen Portalen vom riesigen Angebot geradezu erschlagen wird», sagt Furler. Habe man sich dann nach langem Werweissen für einen Film entschieden, «ist man oft enttäuscht, weil es dort einfach auch sehr viel Durchschnittsware und Schrott hat».

Das wird bei Cinefile.ch anders sein. «Wir nehmen nur Filme auf, die wir selbst gut finden, quer durch alle Genres, Mainstream genauso wie Arthouse.» Zudem gibt es zu jedem Streifen eine Fülle von Begleitmaterial, das vorher oder nachher gesichtet werden kann: Filmkritiken, interessante Interviews mit Regisseur oder Darstellern, ergänzende Analysen und Videoclips – ein bisschen wie die Extras auf einer DVD, nur dass auch hier sorgfältig ausgewählt wird. «Ein Gespräch, bei dem der Hauptdarsteller erklärt, wie grossartig die Zusammenarbeit mit dem fantastischen Regisseur sei, sparen wir uns.»

Neben Furler diskutieren drei weitere Filmexperten mit, was ins Streamingangebot kommt: Der Filmwissenschaftler Till Brockmann, der auch häufig Kritiken für die NZZ schreibt, der Berliner Journalist Michael Kienzle und die französische Filmjournalistin Karin Weinberger, die für die Romandie zuständig ist. Der finale Entscheid aber liegt bei ihm. «Wir starten mit etwa 50 Filmen, jede Woche kommen drei bis vier weitere hinzu.»

Ab Herbst wird es ein Abonnement geben, das pro Monat 3 bis 4 Franken oder pro Jahr 35 bis 40 Franken kosten soll. Wer dies bezahlt, erhält Zugang zum Begleitmaterial und wird von Werbung befreit. Die Filme jedoch müssen auch von den Abonnenten gemietet werden: Diejenigen, die gerade erst im Kino waren, kosten in HD-Auflösung Fr. 7.50 und sind wahlweise in untertitelter Originalversion oder synchronisiert erhältlich. Serien hingegen gibt es auf Cinefile.ch keine. «Da sehe ich neben globalen Flatrate-Anbietern wie Netflix keine Chance», sagt Furler.

Er hofft, bis Ende des Jahres 3000 Abonnenten zu haben, denen in Zusammenarbeit mit Kinos weitere Vorteile geboten werden. Anders als die anderen Streaming-Portale bietet seine Website nämlich auch eine komplette Übersicht über das aktuelle Kinoprogramm. «Wenn wir bis Ende 2019 150'000 Gratisuser und 7000 Abonnenten haben, die jährlich je einen Film streamen, nähern wir uns der Gewinnzone», sagt Furler, der mit Cinefile.ch nach der Schweiz auch den deutschsprachigen Raum erobern möchte. Und bereits über Lizenzen verhandelt, um das Konzept auch in anderen Ländern zur Verfügung zu stellen. «Ich bin überzeugt, dass es für diese Art kuratierte, hochwertige Filme einen Markt gibt – auch wenn es natürlich immer eine Nische sein wird.»

Keine Sorgen wegen der Zukunft des Kinos

Am Filmfestival in Locarno, das am 1. August beginnt, wird Andreas Furler sein Portal erstmals einer grösseren Öffentlichkeit vorstellen und zudem am 3. August an einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Kinos in Zeiten des Streamings teilnehmen. Um diese Zukunft sorgt er sich im Übrigen nicht, trotz seit Jahren tendenziell sinkender Publikumszahlen. «Die werden weiterhin mit den Blockbuster-Erfolgen schwanken und vermutlich noch etwas tiefer sinken, sich schliesslich aber wieder stabilisieren.» Er selbst bevorzugt für neue Filme ganz klar das Kino. «Es bleibt als Ort der Konzentration und des Gemeinschaftserlebnisses unschlagbar.»

Sorgen macht er sich hingegen um kleinere Filme und den Arthouse-Bereich. «Wir werden alle pausenlos mit Informationen geflutet und können oft gar nicht anders, als die Schotten dichtzumachen.» Der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums werde immer härter, und Blockbuster schafften es, diesen Selbstschutzpanzer des Publikums mit ihren Marketingmaschinerien zu durchbrechen. «Kleinere Filme hingegen fallen mehr und mehr durch die Maschen.» Mit Cinefile.ch wird der Filmfan seinen Teil dazu beitragen, ein wenig Gegensteuer zu geben.

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