07. Oktober 2019

Ein Land, zwei Welten

Bänz Friedli (54) lernt täglich Neues über die USA. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Facebook-Post zu Trump

Zufälle gibts. Letzthin tat Cindy, eine Freundin aus Philadelphia, auf Facebook folgende Begebenheit kund: «Heute konnte ich im Supermarkt das oberste Regal nicht erreichen und bat einen anderen Kunden um Hilfe. Freundlich reichte er mir die gewünschte Schachtel, und wir scherzten noch, da wurde er plötzlich ernst: ‹Sehen Sie, gute Frau, Gott gibt uns, was wir brauchen.› Klar doch! Ich brauchte einen gross gewachsenen Mann, und Gott hat ihn mir gesandt. LOL!» Cindy versah die Bemerkung mit einem Smiley, das Tränen lacht. Minuten später dankte Loretta, eine liebe Bekannte aus Kentucky, dem Herrn dafür, dass er Wunder gewirkt habe. «Unser Gott ist ein wunderbarer Gott!!!» Ihr Sohn, dessen Frau und die zwei Enkel seien bei einem Autounfall mit Schrammen davongekommen. «Gott hat meine Kinder und Kindeskinder gerettet!», lobpreiste sie. Es war die dritte solche Nachricht binnen zweier Jahre, Lorettas Sohn baut immer wieder Unfälle, und man wäre versucht, den lieben Gott zu bitten, ihm das Autofahren besser beizubringen.

Cindy und Loretta verkörpern zwei Seiten Amerikas. Die eine ist weltoffen, die andere überblickt von ihrem Fenster aus viele Morgen Land, die schon ihrem Urgrossvater gehörten. Und fürchtet sich vor fremden Eindringlingen, wo es doch da, wo sie lebt, gar keine Fremden gibt. «Wenn du keine Knarre hast, kauf eine! Wenn du nicht weisst, wie man sie bedient, dann lern es. Wenn du nicht an Waffen glaubst, versteck dich hinter jemandem, der es tut!» Diesen Spruch teilte Loretta jüngst. Gleichentags forderte Cindy strengere Waffengesetze. Die eine zitiert Jesus, die andere Jimi Hendrix: «Erst wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht überwunden hat, wird es Frieden geben.» Und erntet dafür in ihrem Kreis Likes und Herzchen.

Beide sind im Web äusserst mitteilsam, und es liest sich zuweilen wie ein Dialog. Wenn Cindy schreibt: «Du hast meine Sprüche gegen Trump satt? Dann bete doch dafür, dass ich damit aufhöre», ist es, als mokierte sie sich über die gottesfürchtige Trump-Wählerin Loretta. Nur: Sie kennen sich nicht, werden sich nie begegnen. «Können wir uns nicht bitte in zwei Länder aufteilen?», flehte Cindy neulich, nachdem der Präsident eine Kommission voller homophober Abtreibungsgegner einbestellt hatte.

In verschiedenen Welten leben Cindy und Loretta schon jetzt. Mein Problem ist nur: Ich mag sie alle beide, Cindy und Loretta. Wie gern würde ich sie einander vorstellen und ihnen zeigen, dass die andere kein Monster ist, sondern ein Mensch. Cindy und Loretta helfen mir, ihr Land zu begreifen. Und es wird mich nicht erstaunen, wenn der Rüpel im Weissen Haus für eine zweite Amtszeit gewählt wird.

Die Hörkolumne (MP3)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Der neue Röstigraben

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Bänz Friedli sagt: Danke schön!

Viola Amherd

Armee soll für Junge attraktiver werden

Bänz Friedli (Bild: Vera Hartmann)

Ehrlich währt länger