18. Februar 2020

Ein Land rappelt sich auf

Kambodscha ist in Bewegung. Hilfsprojekte sorgen dafür, dass die Menschen in dem armen Land eine Perspektive haben. Eine Entdeckungsreise jenseits von Stränden und Tempeln.

Kambodscha ist bei Touristen begehrt
Kambodscha ist bei Touristen begehrt. Doch das Land selber profitiert kaum davon.

Die kambodschanische Bevölkerung ist bitterarm. Terrorherrschaft und Bürgerkrieg haben schreckliche Spuren hinterlassen. Zwar zieht das Land mit seinem reichen kulturellen Erbe immer mehr Touristen aus aller Welt an. Vom Massentourismus profitieren aber vor allem die Chinesen, die hier investieren – und der kleine Zirkel der wohlhabenden Einheimischen.

Darum ist es in Kambodscha doppelt sinnvoll, abseits ausgetretener Pfade zu reisen: Einerseits erlebt man viel authentischer, wie sich die Bevölkerung nach der Schreckensherrschaft wieder aufrappelt und für ein besseres Leben einsetzt. Andererseits hat man Gelegenheit, mit einem Besuch etwas Gutes zu tun und ein Hilfsprojekt zu unterstützen. In kaum einem anderen Land ist die Dichte an wohltätigen Organisationen höher, entsprechend vielfältig sind die Möglichkeiten. Wir stellen nachfolgend drei Projekte vor, die eine Kambodscha-Reise bereichern.

Hilfe zur Selbsthilfe: Landwirtschaft, Schule, Tourismus

Papaya und Bananen warten darauf, gepflückt zu werden. «Hier ist alles bio: das Gemüse, die frei laufenden Hühner. Auch den Fischen geben wir genügend Platz, damit sie als Biofische zertifiziert werden», erklärt Ngon Sokleap. Er ist der Direktor von Smiling Gecko, einem ganzheitlichen Sozialprojekt, das 2014 vom Schweizer Fotografen Hannes Schmid gegründet wurde.

Auf dem Campus von Smiling Gecko gibt es ein Bauernhaus, eine Grossküche und Schreinerei
Auf dem Campus von Smiling Gecko gibt es ein Bauernhaus, eine Grossküche und Schreinerei, wo Einheimische ausgebildet werden.

Es umfasst eine Schule für mehr als 1100 Schüler, Häuser für zwölf kambodschanische Bauernfamilien, eine Schreinerei, eine Baumschule, eine Grossküche sowie eine Fisch-, Hühner- und Schweinezucht. Für die Besucher wurden zudem ein Restaurant, Bungalows zum Übernachten und sogar ein kleiner Spa errichtet. Die Kinder aus den umliegenden Ortschaften dürfen hier gratis zur Schule, die zwölf Bauernfamilien erhielten ­anfänglich je ein Stück Land, das sie heute eigenständig und unabhängig bewirtschaften.

Besonders stolz sind die Projektbetreiber auf die Schreinerei, davon gibt es in Kambodscha nicht allzu viele. Die Werkstatt ist mit den Maschinen einer abgebrannten Schweizer Schreinerei ausgestattet. Regelmässig reisen zudem freiwillige Helfer aus der Schweiz an, um während mehrerer Monate mitanzupacken.

Die Campus-eigene Schreinerei
Die Campus-eigene Schreinerei

Der Wädenswiler Raphael Zürcher beispielsweise hat gerade in der Fischzucht sein Volontariat begonnen. Der angehende Umweltingenieur entwickelt ein Fischfutter und erarbeitet eine Kosteneffizienzrechnung im Vergleich zum momentan verwendeten Futter. «An diesem Entwicklungs­projekt mitwirken zu können, fasziniert mich.» Zudem freue er sich auf spannende Begegnungen, die kambodschanische Kultur und NGO-Erfahrungen.

Der Butterzopf für die Gäste wird in der hauseigenen Bäckerei gebacken
Der Butterzopf für die Gäste wird in der hauseigenen Bäckerei gebacken.

Für den Butterzopf auf dem Zmorgebuffet ist kein Schweizer, sondern der Österreicher Andreas Kaufmann verantwortlich. Er leitet die Küche im Food Processing Center, wo täglich rund 1200 Mahlzeiten für die Schüler und Mitarbeitenden von Smiling Gecko zubereitet werden. Für die Gäste kocht Mariya Un Noun. Die Kambodschanerin hat an der Hotelfachschule Luzern gelernt und bereits mit Spitzenköchen wie Andreas Caminada gekocht.

Weitere Infos: smilinggecko.ch  

Eine Ausbildung im Restaurant als Sprungbrett

Schülerinnen und Schüler servieren im Trainingsrestaurant der Organisation Tree Alliance
Schülerinnen und Schüler servieren im Trainingsrestaurant der Organisation Tree Alliance lokales Essen.

Eine Karawane von Zementmischern bahnt sich den Weg über die Holperpisten, an der Rückseite eines Vans baumelt kopfüber ein Huhn. «Das ist die lokale Variante, ein frisch geschlachtetes Hühnchen nach Hause zu nehmen», erklärt Mister O., der Touristenführer. Willkommen in Sihanoukville, der chaotischen Küstenstadt, die gerade einen Bauboom erlebt. Dutzende Casinos stehen bereits, mehr sind geplant. Nicht etwa für die Khmer, denn ihnen ist das Glücksspiel verboten. Die Casinos werden vor allem für Chinesen gebaut. Sihanoukville ist ausserdem Zwischenstation für Touristen, die mit dem Boot weiter aufs Inselparadies Koh Rong reisen. Wer Letzteres vorhat, sollte einen Zwischenstopp im Sandan einplanen, einem Trainingsrestaurant der Organisation Tree Alliance. Seit 1994 bietet sie Strassenkindern und Kindern bedürftiger Familien kostenlosen Zugang zur Schule und zu Ausbildungsmöglichkeiten in der Küche oder im Service. Aktuell packen 16 Schülerinnen und Schüler mit an und servieren den Gästen lokales Essen. Theaarea Chanthou (15) bringt das Dessert an den Tisch: Zuckersüsse Banane umhüllt mit aromatischer Cashewmasse. Wovon sie träume? «Irgendwann mal möchte ich Chefköchin in Europa sein», antwortet sie und hat dabei
ein Strahlen im Gesicht, das berührt.
Weitere Infos: tree-alliance.org

Aus dem Zirkuszelt hinaus in die grosse Welt

Aus ehemaligen Strassenkindern werden Zirkusartisten
Aus ehemaligen Strassenkindern werden Zirkusartisten oder Köche – als Tourist kann man die jeweiligen Hilfsprojekte mit einem Besuch unterstützen.


Trommelwirbel, lautes Rufen, eine akrobatisch inszenierte Verfolgungsjagd beginnt. Im Phare Circus in Siem Reap wird «Eclipse» aufgeführt, ein Drama, basierend auf einer alten kambodschanischen Erzählung. Es geht um Ablehnung, Rache und um Vergebung. Im Zirkuszelt wechselt sich Theaterkunst mit kambodschanischem Tanz und Zirkusakrobatik ab. Während der ganzen Vorstellung spielt eine kleine Band auf traditionellen Instrumenten. Das Hilfsprojekt bildet seit 25 Jahren jährlich 1200 Waisenkinder und ehemalige Strassenkinder zu Zirkusartisten aus. Nebst Zirkusakrobatik wird visuelle Kunst, Tanz, Musik und Theater unterrichtet. Die Ausbildung zum Zirkusartisten dauert zehn Jahre. Kommen dürfe jeder, der mindestens acht Jahre alt sei, erklärt Sokline Sam von der Phare-Ponleu-Selpak-Schule. Vormittags besuchen die Kinder die öffentliche Schule, nachmittags gehen sie in die Zirkusschule. Die Frage, ob es ein spezielles Talent brauche, um zugelassen zu werden, verneint Sam: «Entscheidend ist das persönliche Engagement. Mit harter Arbeit und guten Lehrern ist alles möglich.» Drei ehemalige Phare-Zirkusartisten haben es zum Cirque du Soleil geschafft, das inspiriere die Kinder und Jugendlichen enorm. Genauso, wie wenn sie mit dem Zirkus auf Tournee gehen können, etwa in Frankreich oder Südkorea.
Weitere Infos: pharecircus.org 

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