03. November 2017

Ein kreativer Störenfried

Der Basler Klaus Littmann provoziert mit seinen kunstvollen Eingriffen in den Alltag – zurzeit mit der Installation Central Station. Die nächsten Projekte sind schon geplant: ein Laubwald in der Fussballarena und ein Planetenpark, der die Nacht erleuchtet.

Klaus Littmann
Klaus Littmann in seiner Unterwelt in Basel: Die Stadt in der Stadt heisst «Central Station» und ist eine liebevoll gestaltete Kulisse.
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Der Weg in die Unterwelt führt über eine Rolltreppe. Dort erwarten einen 15 Kulissenbauten und -räume mit einem Mauerwerk aus Pappe und Karton. Sie beherbergen eine Reparaturwerkstatt, ein Restaurant, einen Dorfladen, Kunst- und Ausstellungsräume, ein Tattoostudio, einen Coiffeurladen, einen Schauraum mit Möbeln und Accessoires, einen Concept Store für Designunikate oder «Larry’s Bar» mit Fumoir. Sie ergeben ein fiktives und doch realistisches Stadtbild: «Central Station» heisst das neueste Kulturprojekt von Klaus Littmann (65). Eine 2000 Quadratmeter kleine Welt aus Kultur- und Kreativangeboten, Lesungen und Konzerten im Untergeschoss der ehemaligen Kirschgarten-Migros, im Zentrum von Basel, beim Aeschenplatz unweit des Bahnhofs. Eine Kunststadt, die mindestens bis Ende 2018 bestehen wird.

«Die Grundidee ist, Kunst und Stadtraum miteinander zu verbinden, zu zeigen, was Künstler und Kreative tun», sagt Littmann. «Kultur wirdja ansonsten an den Stadtrand verdrängt. Wir aber erobern die Stadtzurück und laden alle zu uns ein,die etwas Originelles machen.» Etwa «Piet’s Steh- und Tisch­lampen»: echte Unikate. Die Bestandteile findet Piet Bahnerth (80) in Brockenhäusern und auf Flohmärkten.

Littmanns Anliegen zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere als Kulturförderer: Er möchte erfahren, wie Menschen Alltagssituationen wahrnehmen und wie sie damit umgehen.

Beuys-Schüler, der Ideen verkauft

Am Anfang von «Central Station» stand die Anfrage der Liegenschaftsbesitzer, Privatpersonen aus Basel («über das Mäzenatentum spricht man in Basel generell nicht»), ob er nicht eine neue Idee für ein Projekt habe. Er schlug sein Vorhaben vor, räumte aber ein, es funktioniere nur, wenn die Grundstrukturen geschaffen würden. Sie willigten ein. Und so mutierte der Plan innerhalb eines halben Jahrs zur «Central Station».

Wer hier, in der künstlerisch aufgeladenen Parallelstadt im Basler Untergrund, einen Laden betreibt, zahlt in den ersten neun Monaten keine Miete, nur die Stromkosten. Danach ist ein Mietzins von unter 1000 Franken pro Monat fällig. «Für Junge gibt es keine bessere Ausgangslage für den Aufbau eines Geschäfts», meint der grossgewachsene Basler, der von sich sagt, er habe keine Berufsbezeichnung. Zu vielschichtig sei das, was er mache. Der Ausdruck «Kunstvermittler» trifft aber ziemlich genau, was er tut. Den Baslern ist Klaus Littmann, der bereits 2002 den Kulturpreis der Stadt Basel erhielt, längst ein Begriff. Geboren im deutschen Lörrach, 40 Meter von der Schweizer Grenze entfernt, in einem Haus mit Plumpsklo, zieht seine Familie mit dem einjährigen Klaus nach Riehen BS um. Nach dem «hart errungenen Abitur», wie er sagt, weilte er eine Zeit lang in Israel. Von 1970 bis 1976 absolviert er die Düsseldorfer Kunstakademie.

Nach einigen Jahren als Dozent an der Schule für Gestaltung eröffnet er 1982 eine Galerie in Basel. Mitte der 1990er-Jahre macht er Konkurs, weil er sich mit Ausstellungen finanziell übernommen hat. «Das war sehr belastend und hat mich getroffen. Ich musste feststellen, dass ich kein Händler bin und nicht mal ein Glas Wasser verkaufen könnte. Ich kann nur Ideen verkaufen, die es so noch nicht gibt.» Der Schüler von Joseph Beuys ergänzt: «Damals war ich wie ein Schwamm, der alles aufsog und die Begegnung mit Künstlern spannender fand als das Familienleben.»

Heute lebt Littmann in dritter Ehe mit Laila Abdel’Al (45), der Assistentin der Chefredaktion der «Basler Zeitung». Seit 28 Jahren sind sie ein Paar, 15 Jahre davon verheiratet. Er habe sie auf der Strasse kennengelernt, sie spontan angesprochen. Sein Sohn Cyrill (35) aus erster Ehe arbeitet als Wirtschaftsanwalt.

«Ich kann nichts anderes»

Noch länger als die private Liebe –über 30 Jahre – dauert seine Liebe zur Kultur. Entsprechend lang ist die Liste seiner Projekte. «Ich kann nichts anderes», sagt er. «Ich bin infiziert. Mir macht es riesigen Spass, verschiedene Leute in aller Welt zu treffen. Ich lerne jeden Tag sehr viel – gerade mit dem neuen Projekt in Klagenfurt.»

Aus dem Entwurf wird Realität: Einst für die Fussball-EM 2008 als Spielstätte errichtet, sorgt Littmann dafür, dass im Stadion von Klagenfurt auf dem Rasen 200 Bäume wachsen werden.

Im Herbst 2019 will Littmann im dortigen hochmodernen, mit Rasenheizung ausgestatteten Fussballstadion 200 etwa 10 bis 15 Meter hohe Bäume auf dem Spielfeld pflanzen. Während eineinhalb Jahren werden sie gehegt und gepflegt. «So entsteht ein ausgewachsener Mischwald. Von den Rängen aus können die Zuschauer das Baumspektakel Tag und Nacht, bei Natur- oder Flutlicht im Stadion, bestaunen. Für dieses Projekt habe ich vier Jahre lang gekämpft.»

Möglich wird es, weil die Fussballarena nur einen einzigen Zweck hatte: während der Fussball-EM 2008 als Spielstätte zu dienen. Geplant war, das Stadion nach der Euro wieder zurückzubauen auf eine Grösse, die zu Klagenfurt passt – was aber nicht geschah. Nach der Kunstinstallation werden die Bäume in den nahen Lakeside-Park umgepflanzt. So soll sich der Stadionwald über die Dauer der Ausstellung als Waldskulptur hinaus als Monument der Erinnerung verwurzeln. Finanziert wird Littmanns neuester Coup einerseits durch über 200 mögliche Baumpatenschaften, die jeweils 5000 Euro kosten. Andererseits sucht der Basler zusätzliche Unterstützung in Form von Sachsponsoring.

Doch Littmann wäre nicht Littmann, hätte er nicht schon die nächste – leuchtende – Idee. Neben «Central Station» und dem Klagenfurter Projekt möchte er 2018 in Basel wieder Kunst im öffentlichen Raum installieren. «Art Planets Park» heisst das temporäre Kunstprojekt: Zehn Künstler sollen je einen schwebenden, mit Helium gefüllten Planeten von vier Metern Durchmesser entwerfen, der nachts strahlt.

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