23. März 2018

Ein Konto für die Kommune

Sieben Erwachsene, drei Kinder, ein gemeinsames Guthaben: In einem alten Schloss in der Nähe von Bern wagt eine WG ein Experiment – die solidarische Verteilung des Einkommens.

Geld gewinnt eine andere Bedeutung
Geld gewinnt eine andere Bedeutung, wenn jeder verdiente Franken jedem gehört.

Blumenkohl, Deo, zwei Packungen Windeln. Sarah Wüthrich ist auf Einkaufstour. Fr. 63.70 zeigt die Kasse an. Die 30-Jährige zieht ihre Bankkarte aus dem Portemonnaie und bezahlt. Geld verdient die Studentin zurzeit keines, doch das spielt keine Rolle: Andere bezahlen für sie.

Sarah Wüthrich lebt im Schloss Hubelgut, auf einem Anwesen aus dem 17. Jahrhundert bei Bolligen im Kanton Bern. Doch das Leben der heutigen Bewohnerinnen und Bewohner ist alles andere als feudal. Wo einst vornehme Berner Patrizierfamilien ihre Sommerage verbrachten, leben sieben Personen mit drei kleinen Kindern in finanzieller Egalität.
Alle kennen sich unterschiedlich lange, haben unterschiedliche Bedürfnisse und verdienen unterschiedlich viel Geld. Aber was sie an Einkommen verdienen, gehört allen. Gemeinsame Ökonomie heisst das Modell, das sie seit knapp zwei Jahren leben.

rot-grünes Ei

Sarah Wüthrich und Raffael Wüthrich sind verheiratet, Christoph Trummer und Sarah Widmer seit vielen Jahren ein Paar – wie auch Jannik Böhm und Lena Feldmann. Philippe Wietlisbach ist der einzige Single. Und dann ist da noch Esther Greter, die ebenfalls im Schloss lebt, als neueste Bewohnerin aber bis jetzt nicht Teil der gemeinsamen Ökonomie ist.

Vorbild aus Deutschland
Die Idee zu dem Experiment hatten Lena Feldmann, Raffael Wüthrich und Jannik Böhm. Sie besuchten vor knapp zehn Jahren im alternativen Kulturzentrum Reitschule in Bern einen Vortrag der Kommune Niederkaufungen aus Deutschland, eine der grössten und bekanntesten Gruppen in Europa, die in einer gemeinsamen Ökonomie leben. Als sie danach bei einem Bier sassen, entdeckten sie ihr gemeinsames Interesse an dem Modell. «Ich war neugierig herauszufinden, welche Bedeutung Geld für mich wirklich hat und was geschieht, wenn ich die Kontrolle über meine Finanzen aufgebe», sagt Feldmann.

Sie machten sich auf die Suche nach Freunden und Bekannten, die sich ein solches Modell vorstellen konnten. Vor vier Jahren zogen sie ins Schloss Hubelgut. Bis sie ihre Konten zusammenlegten, vergingen zwei Jahre. «Am Anfang waren die Ängste gross, bei allen von uns», sagt Feldmann. Technisch ist das Modell simpel: Alle Einkommen fliessen auf ein gemeinsames Konto, mit dem Guthaben begleicht die Gemeinschaft laufende Rechnungen: Krankenkassenprämien, Generalabonnemente der SBB, Telefongebühren, Yogastunden.

Gelebte Solidarität ist für mich der zentrale Aspekt dieses Projekts.

Lena Feldmann

Und auch die Bedürfnisse der drei kleinen Kinder, die im vergangenen Jahr die Gemeinschaft erweitert haben, werden über das Konto finanziert. Zudem besitzen alle eine eigene Bankkarte, mit der sie jederzeit Einkäufe tätigen und Geld beziehen können. Wer eine Ausgabe plant, die 400 Franken übersteigt, muss das zuvor anmelden. Quittungen, Abrechnungen und Budgets gibt es nicht – aber ein Sparkonto und eine goldene Regel: Bedürfnisse sind nicht verhandelbar. «Uns ist wichtig, dass niemand zurückstecken muss», sagt Lena Feldmann. Denn Asketen leben hier keine. Auch für ein Abendessen im Restaurant, eine Reise nach Istanbul oder ein Wochenende im Wellnesshotel steht das Geld auf dem Konto zur Ver­fügung – wenn es reicht.

Sarah Wüthrich sitzt nach ihrem Einkauf in einem Café und erzählt von den Geldsorgen, die während vieler Jahre an ihr nagten. Von den kräftezehrenden Nebenjobs, mit denen sie ihr Studium finanzieren musste. «Zum ersten Mal in meinem Leben sind meine Existenzängste in den Hintergrund gerückt», sagt Wüthrich. Und das, obwohl sie seit einem halben Jahr Mutter einer kleinen Tochter ist und derzeit selber kein Geld verdient. «Dieses Füreinanderdasein berührt mich tief.» Und sie freut sich schon auf die Zeit nach dem Studium, wenn auch sie finanziell für andere sorgen kann. Doch verpflichtet ist sie zu nichts. Jede und jeder kann jederzeit aus der Gemeinschaft austreten.

Synergien und Solidarität
Einmal im Monat treffen sich die Mitbewohnerinnen und -be­wohner zur Plenumssitzung im Rittersaal neben dem grossen ­Ka­chel­ofen. Hier besprechen sie grös­sere Ausgaben – etwa für ­einen Urlaub, Zahnarztbehandlungen oder einen neuen Computer – und den aktuellen Konto­stand. Durchschnittlich liegen zu Beginn des Monats rund 20'000 Franken auf dem Konto: so viel, wie zuvor keiner von ihnen je zur Verfügung hatte. Doch verteilt auf alle sieben und die drei Kinder ist es wenig. Rechnerisch lebt die Gemeinschaft an der Armutsgrenze. Wirklich arm fühlt sich aber niemand von ihnen. «Wir können viel Geld sparen, indem wir gemeinsam leben, Synergien nutzen, Kühlschrank, Auto und Konsumgüter teilen», sagt Lena Feldmann.

Die gemeinsame Ökonomie ist für mich ein Stück richtigeres Leben im Falschen.

Jannik Böhm

Philippe Wietlisbach ist einer der Grossverdiener unter den Bewohnern. Er arbeitet als Lehrer an einer Mittelschule in Biel. Zu Beginn der gemeinsamen Ökonomie war er selber noch Student. Jetzt finanziert er mit seinem Einkommen die drei Kinder mit, die nicht seine eigenen sind, und subventioniert das Leben der Kleinverdiener in der Gruppe. Als er sich vor einigen Monaten einen eigenen Gleitschirm kaufen wollte, fehlte dafür das Geld. Jetzt spart die Gemeinschaft darauf, dass er den Schirm noch vor dem Frühling erwerben kann. «Das sind Momente, wo ich mich schon manchmal frage: Wäre es nicht einfacher, wenn ich einfach für mich schaue?

Doch es sind flüchtige Zweifel. Denn was Wietlisbach von der Gemeinschaft erhalte, sei wertvoller als unbeschränkte Konsummöglichkeiten. «Ich erlebe hier eine unglaubliche Solidarität. Und die Sicherheit, dass andere für mich sorgen, wenn es bei mir einmal knapp wird.»

Seit eineinhalb Jahren lebt die zehnköpfige Gemeinschaft das Prinzip der Gemeinsamen Ökonomie.

Eineinhalb Jahre sind vergangen, seit die Gemeinschaft ihre gemeinsame Ökonomie begonnen hat. Im Umfeld schütteln noch immer viele den Kopf, in manchen Familien sorgt die Lebensform für hitzige Diskussionen. Und auch die Bewohnerinnen und Bewohner sind immer wieder neu gefordert: Sarah Wüthrich fühlt sich in gewissen Momenten schuldig, weil sie finanziell nichts zur Gemeinschaft beiträgt. Lena Feldmann ärgert sich über Philippe Wietlisbachs Parkbussen. Und der nervt sich über die Haare im Abfluss.

Doch die befürchteten Grundsatzdiskussionen blieben aus, die Existenzängste schwinden. «Geld hat in meinem Leben noch nie eine so kleine Rolle gespielt wie heute», sagt Feldmann. «Aus dem Experiment ist Normalität geworden.» Nun möchte die Gemeinschaft weiterwachsen und ist auf der Suche nach einem grösseren Zuhause in der Region Bern, das sie als Genossenschaft kaufen kann. Denn in einem Punkt sind sich alle einig: Ihr Modell hat Zukunft. 

Name: Jannik Böhm (30)

Jannik Böhm

Ausbildung und Tätigkeit: Sexualpädagoge, Politologe
Weitere Beschäftigungen: politischer Aktivismus, Tauchen
Arbeitspensum: 60%

Hauptaufgabe in der Gemeinschaft: kleinere und grössere Bauvorhaben, Betreuung der Website: www.unserhausprojekt.ch
Eigene Kinder: Pina Runa (10 Monate)

«Die gemeinsame Ökonomie ändert zwar nicht die Welt, aber sehr wohl meine eigene Lebensrealität. Das solidarische Miteinander in der Gruppe nimmt mir sämtliche Existenzängste.»

Name: Sarah Widmer (30)

Sarah Widmer


Ausbildung und Tätigkeit: freischaffende Sängerin und Gesangspädagogin
Weitere Beschäftigungen: Mitarbeiterin im Schulbesuchsteam von Public Eye (ehemals «Erklärung von Bern»)
Arbeitspensum: ca. 60%

Hauptaufgaben in der Gemeinschaft: Einkäufe, Veranstaltungen und Gartenpflege
Eigene Kinder: Emilia (6 Monate)

«Mir gefällt, dass Geld und Geldverdienen in meinem Alltag an Wichtigkeit verlieren. Ich definiere den Wert meiner Arbeit nicht nur über die monetäre Entschädigung.»

Name: Christoph Trummer (39)

Christoph Trummer

Ausbildung und Tätigkeit: Lehrer; Musiker und politischer Leiter im Verband Sonart – Musikschaffende Schweiz
Weitere Beschäftigungen: Veranstalter einer offenen Bühne, Kolumnist beim «Frutigländer»
Arbeitspensum: ca. 80%

Hauptaufgaben in der Gemeinschaft: Multimediageräte, Suche nach einem neuen Zuhause, Entsorgung
Eigene Kinder: Emilia (6 Monate)

«Unsere steile Lernkurve ist mir viel wert, denn ich mag es spannend im Leben. Obwohl das meine erste WG ist, kann ich mir keine sinnvollere Lebensform mehr vorstellen, besonders als junge Familie.»

Name: Lena Feldmann (30)

Lena Feldmann

Ausbildung und Tätigkeit: Sozialarbeiterin
Weitere Beschäftigungen: Schneidern, Gärtnern
Arbeitspensum: 60%

Hauptaufgaben in der Gemeinschaft: Gartenpflege, Organisatorisches und Suche nach einem neuen Zuhause für die Gemeinschaft
Eigene Kinder: Pina Runa (10 Monate)

Name: Raffael Wüthrich (32)

Raffael Wüthrich

Ausbildung und Tätigkeit: Journalist und Organisationskommunikator; Projektleiter Repair Cafés und Medienarbeit für die Vollgeld-Initiative.
Weitere Beschäftigungen: Gemüseanbau und Keyboarder bei Major B.
Arbeitspensum: 80%

Hauptaufgaben in der Gemeinschaft: Gartenpflege, Kontakt mit der Verwaltung, Suche nach einer geeigneten Liegenschaft
Eigene Kinder: Sanna Sophia (9 Monate)

«Viele Menschen sehen sich gezwungen, etwas zu tun, was ihr Konto auffüllt. Oft ist es nicht das, was sie gerne tun würden. Mit der gemeinsamen Kasse schenken wir uns gegenseitig ein Grundeinkommen, damit wir ein bisschen freier denken, handeln und arbeiten können.»

Name: Sarah Wüthrich (30)

Sarah Wüthrich

Ausbildung und Tätigkeit: Studium Theologie
Weitere Beschäftigungen: Trauungen, Yoga, Schwimmen, Lesen und Schreiben
Arbeitspensum: 140% (Mutter, Studentin)

Hauptaufgabe in der Gemeinschaft: Versorgung der Gemeinschaft mit Lebensmitteln
Eigene Kinder: Sanna Sophia (9 Monate)

«Ich habe mich für die gemeinsame Ökonomie entschieden, weil ich es ungerecht finde, dass die Lohnschere in unserer Gesellschaft immer extremer auseinandergeht – zugunsten derer, die bereits viel Geld haben, während es bei denen fehlt, die es dringend nötig hätten.»

Name: Philippe Wietlisbach (32)

Philippe Wietlisbach

Ausbildung und Tätigkeit: BA in sozialer Arbeit; Lehrer in Biel
Weitere Beschäftigungen: Fliegen, Gleitschirmfliegen
Arbeitspensum: 80%

Hauptaufgaben in der Gemeinschaft: Handwerkliches und Kulinarisches
Eigene Kinder: keine

«‹Zäme geits geng besser›: Ich konsumiere weniger nutzlose Dinge, die einem kurzfristig das Gefühl von Glück vermitteln und danach in einer Ecke ­landen und nicht mehr ­gebraucht werden. Drei kleine Kinder zu Hause zu haben, ist aber nicht immer einfach.»

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