04. Januar 2018

Alternierende Obhut: Ein Kind, zwei Zuhause

Seit einem Jahr muss die alternierende Obhut geprüft werden, wenn ein Elternteil bei einer Trennung das wünscht. Wie das gehen kann, zeigt das Beispiel von Nadja Böller und Marko Nedeljković und ihrem Sohn Darjan.

Darjans Stofftier «Panda» bleibt manchmal bei Darjans Mama und erzählt ihm später, was er während seiner Abwesenheit erlebt hat.
Darjans Stofftier «Panda» bleibt manchmal bei Darjans Mama und erzählt ihm später, was er während seiner Abwesenheit erlebt hat.
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In der Turnhalle der Kantonsschule Baden AG herrscht Hochbetrieb. Kinder in bunten T-Shirts wuseln herum, Lehrer und Eltern bahnen sich dazwischen ihre Wege, rufen Namen, suchen Kinder. Mittendrin Nadja Böller (38) und Marko Nedeljković (38). Sie haben gerade ihren Sohn Darjan (9) gesichtet und winken ihn zu sich heran. Eine Umarmung von Papi, ein Lächeln von der Mutter, ein paar Worte, und Darjan verschwindet wieder in der Menge. Er hat im Rahmen von Sporthort gleich eine Aufführung, unten in der Turnhalle. Mami und Papi werden gemeinsam von der Tribüne aus zuschauen.

Nadja Böller und Marko Nedeljković sind schon lange kein Paar mehr, aber sie kümmern sich gemeinsam um ihren Sohn. Was die beiden seit Darjans Geburt selbstverständlich leben, nennt sich heute «alternierende Obhut». Dieses Modell sieht vor, dass das Kind abwechslungsweise mal beim Vater, mal bei der Mutter lebt, wenn die Eltern geschieden oder getrennt sind.

Keine Seltenheit: Die getrennten Eltern sind zu dritt mit dem gemeinsamen Sohn unterwegs.

Seit dem 1. Januar 2017 muss – wenn der Vater oder die Mutter das wünscht – ein ­Gericht bei einer Scheidung oder Trennung prüfen, ob die alternierende Obhut angebracht ist. Alternierende Obhut, auch Wechselmodell genannt, bedeutet, dass die Kinder getrennter oder geschiedener Eltern abwechselnd bei jedem Elternteilwohnen. Die Kinder sind bei jedem Elternteil zu Hause, Vater und Mutter teilen sich die Verantwortung im Alltag.

In der Praxis kann alles ganz einfach sein

Voraussetzung ist das gemeinsame Sorgerecht. Noch gibt es keine Angaben, wie oft Gerichte die alternierende Obhut bereits verordnet haben. «Auch nach einem Jahr sind viele Fragen ungeklärt», sagt Jonas Schweighauser (52), Rechtsanwalt und Professor für Familienrecht, «insbesondere die Berechnung des Unterhalts, aber auch die Frage, wann eine Mutter wieder eigenes Geld verdienen muss» (Interview Seite 15). Am meisten diskutiert werde die Betreuungsfrage, denn nicht alle Mütter seien bereit, die Kinder ohne Weiteres vermehrt beim Vater zu lassen. Und: Unverheiratete Trennungseltern machten vermehrt von ihrem Recht auf Unterhalt Gebrauch.

Böller und Nedeljković brauchten kein Gerichtsurteil für ihre Entscheidung. Sie waren bereits getrennt, als sie erfuhren, dass Darjan unterwegs war. Heiraten war keine Option, Abtreiben auch nicht. «Und ich wusste, dass ich auf keinen Fall ein Wochenend-Daddy sein wollte», sagt Nedeljković. Blieb also noch das Wechselmodell. «Wir hatten keinen Namen für unser Arrangement», sagt Böller, «es war einfach unsere Lösung, eine sehr pragmatische.» Zunächst lebten die Eltern mit dem Baby noch ein paar Monate in der gemeinsamen Wohnung. Der Kindsvater unterzeichnete die Vaterschaftsanerkennung, das gemeinsame Sorge­recht wurde schriftlich festgehalten – mehr war dank des gemeinsamen Wohnsitzes nicht nötig. Als Nedeljković sich eine eigene Wohnung nahm, war bereits alles geregelt: Vater und Mutter teilten sich Darjans Betreuung sowie alle Kosten, die für das Kind anfielen – Miete, Betreuung, Anschaffungen. Böller bezog die Kinderzulagen und zahlte dafür die Krankenkasse.

«Das läuft seit neun Jahren gut so», sagt die Mutter. Heute leben Vater und Mutter in Wettingen AG sechs Fussminuten voneinander entfernt, in der Mitte liegt die Schule. Darjan wohnt jeweils Mittwoch bis Samstag bei seinem Vater, die anderen Tage bei seiner Mutter. Sie arbeitet Teilzeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg AG, der Vater ist selbständiger Tai-Chi-Lehrer. Er kann es so einrichten, dass er ganze Nachmittage seinem Sohn widmen kann. Freitags gehen die beiden gemeinsam ins Karate. Manchmal essen alle drei zusammen oder besuchen gemeinsam Schulanlässe.

Völlig normal und selbstverständlich für Darjans Eltern: Sie besuchen gemeinsam eine Schulaufführung ihres Sohnes.

Nadja Böller ist sicher: «Darjan verbringt mehr Zeit mit seinem Vater als viele andere Kinder.» Sie könne sich derweil sorglos auf ihre Arbeit konzentrieren oder ihre Freizeit geniessen. «Ich weiss ja, dass Darjan bestens aufgehoben ist.» Vom gegenseitigen Vertrauen sei das Arrangement getragen, sagt Marko Nedeljković. Und Nadja Böller fügt an: «Es gibt keinen Groll zwischen uns. Wir gönnen einander Freiräume.» Beide streiten nicht gern, das wäre ihnen schlicht zu anstrengend.

Was auch hilft: die berufliche Selbständigkeit des Kindsvaters und der flexible Arbeitgeber der Mutter, der Home-Office-Tage erlaubt. Manchmal ist die Flexibilität der Eltern gefragt: Wenn ausserordentliche Arbeitstage anfallen oder Wochenendpläne sich ändern. Schulferien teilen sie hälftig auf, und wenn Darjan krank ist, betreut ihn der Elternteil, bei dem er nach Plan ist. «Da wir beide Teilzeit arbeiten und flexible Jobs haben, geht das gut», sagt Böller. Ausserdem sind da auch noch Grosseltern, Freunde, Kinderferienprogramme und -lager. Letztere seien gerade für Darjan als Einzelkind eine tolle Sache, sagt seine Mutter.

In diesem Modell hat sehr vieles Platz

Seit drei Jahren lebt Nadja Böllers heutiger Partner mit ihr und Darjan zusammen. «Das Gefüge hat sich dadurch eigentlich nicht gross verändert», sagt sie. Marko Nedeljković gesteht: «Zu Beginn hat das bei mir die eine oder andere Verunsicherung ausgelöst. Es galt auszuloten, was stimmig war und was nicht.» Heute weiss er: Diese Konstellation ist eine Bereicherung. «Das liegt auch daran, dass ich mich in meiner Vaterrolle nie bedroht oder eingeschränkt fühle.»

Stets im Gespräch und in Kontakt: Marko Nedeljković und Nadja Böller.

Nedeljković ist sicher: Auch eine neue Partnerin, Wohnortswechsel, beruf­liche Veränderungen – das alles hat Platz im Arrangement.«Man findet Lösungen», sagt die Mutter und nickt.

Nach neun Jahren wissen alle drei, welches die Herausforderungen sind. «Man muss aufpassen, dass man dem Kind nicht zu viele Wechsel zumutet», sagt Nadja Böller etwa. Es ist ihnen deshalb wichtig, sich wenn immer möglich an den Plan zu halten und nicht jede Woche anders zu gestalten. Darjan hat sich angewöhnt, sich das Programm der einzelnen Wochentage gut zu merken. «Sonst stehe ich bei Mama vor der Tür», sagt er, «und Papa wartet bei sich zu Hause auf mich.» Abgesehen davon sieht er im Wechselmodell nur Vorteile: «So hab ich zwei Zimmer, ist doch cool.»

Ursprünglich, sagen die getrennten Eltern rückblickend, hätten sie in erster Linie einen Weg gesucht, die überraschende Elternschaft in ihr Leben zu integrieren. Aber es war für sie auch immer klar, dass es auch Darjan gut gehe, wenn die Eltern zufrieden seien.

Nadja Böller weiss, dass ihr Sohn auch bei dessen Vater bestens aufgehoben ist.

«Der Erfolg unseres Arrangements basiert auf gegenseitiger Wertschätzung», ist Nadja Böller überzeugt. Und deshalb, sagt Marko Nedeljković, sei Darjan einfach nur eine riesige Freude. Manchmal, wenn er Fremden von seinem Sohn erzähle, erwähne er auch Nadja. Wer das sei, wollten manche dann wissen. Nadja, antworte er jeweils, das sei seine Erziehungspartnerin.

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Jonas Schweighauser (52) ist Rechtsanwalt und Professor für Familienrecht.