23. September 2013

«Ein Kind kommt nicht für die Eltern zur Welt»

Er erklärt uns, was Babys brauchen, setzt sich für Scheidungskinder ein und fordert unermüdlich eine kinderfreundlichere Gesellschaft. Nun nimmt Remo Largo schulischen Erfolg unter die Lupe und fordert: Noten und Prüfungen gehören abgeschafft.

Remo Largo
Für Remo Largo sind Kinder ein wichtiger Teil unserer 
Lebensqualität.

Remo Largo, in Ihrem neuen Buch befassen Sie sich mit dem schulischen Erfolg von Kindern. Was ist Schulerfolg? Wenn ein Jugendlicher ins Gymi kommt?

Nein. Die Schule ist dann erfolgreich, wenn möglichst jedes Kind seine Fähigkeiten ausbilden kann. Erfolg kann auch Sekundar- oder Realschule bedeuten, je nachdem, welche Begabungen ein Kind hat. Der Gymi-Eintritt ist heute oft das Resultat eines Förderwahns. In gewissen Quartieren der Stadt Zürich gehen bis zu 90 Prozent der Sechstklässler ins Lernstudio, was die Eltern mehrere Tausend Franken kosten kann. Die Schüler lernen dort zwar, wie man die Prüfungsfragen löst – klüger werden sie dadurch aber nicht. Das hat mit erfolgreichem Lernen nichts zu tun. Aus demselben Grund bringen auch Nachhilfestunden nichts.

Wann lernt denn ein Kind erfolgreich?

Erstens, wenn es den Stoff nicht nur auswendig lernt, sondern nach ein paar Monaten oder Jahren noch beherrscht. Zweitens: Richtiges Lernen ist immer entwicklungsgerecht. Das heisst, neuer Stoff muss am Entwicklungsstand eines Kindes anknüpfen. Drittens: Nachhaltiges Lernen geht nur über Erfahrungen.

Was heisst nachhaltig konkret?

Masseinheiten zum Beispiel können Schüler auswendig lernen, oder man kann so vorgehen wie einst eine Lehrerin von mir: Jeder Schüler musste einen Stecken von einem Meter Länge mitbringen und diesen 1000 Mal hintereinander auf einer Strasse ablegen. Seither weiss ich genau, was ein Kilometer ist.

Haben wir die Zeit für solche Lehrmethoden in unserem Schulsystem?

Die Zeit kann nicht das Kriterium sein, wenn alles das, was man mit anderen Methoden in der gleichen Zeit sonst lernt, wieder vergessen geht. Wir kommen nicht drum herum, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Stundenplan entsprechend einzuschränken. Kommt dazu, dass in einer ersten Klasse Kinder mit einem Entwicklungsstand zwischen fünfeinhalb und achteinhalb Jahren sitzen. Jedes will individuell gefördert werden. Sonst sind die einen gelangweilt und andere verstehen nur Bahnhof.

Können unsere Schulen diese Unterschiede auffangen?

Das ist möglich, hängt aber sehr von den Lehrern ab. Die «Hattie»-Studie, die ich in meinem neuen Buch oft zitiere, zeigt: Lehrer tragen 30 Prozent zum Lernerfolg bei. Prüfungen und Noten erschweren ihnen aber das individuelle Fördern. Die «Hattie»-Studie zeigt auch: Auswendiglernen und Hausaufgaben verbessern den Lernerfolg nicht.

Warum nicht?

Weil sie nur zu kurzfristigen Resultaten führen. Die PISA-Studien hingegen sind auf nachhaltiges Lernen ausgelegt. Darum war es ein Schock vor zwölf Jahren, als wir feststellen mussten: Die Schweiz ist nur gutes Mittelmass. 17 Prozent der Schüler stehen nach neun Schuljahren beim Lesen auf der Stufe von Viert- oder Fünftklässlern. Mich ärgert, dass da nichts passiert, obwohl das schon lange bekannt ist. Diese Kinder könnten weit mehr leisten, nur müsste der Grundstein dafür früher gelegt werden.

Wann und wo?

Im Vorschulalter, in einer Krippe. Nehmen wir mal das Fach Deutsch. Der Kanton Zürich gibt jährlich bis zu 100 Millionen Franken für Hilfslektionen in Deutsch aus. Dieses Geld und was man sonst in sonderpädagogische Massnahmen buttert, würde man besser in die Krippen stecken. Kinder, nicht nur aus Migrations-, sondern auch aus Schweizer Familien, die ungenügend gefördert werden können, sollten Krippen besuchen dürfen. Dort lernen sie Deutsch, werden sozialisiert und sind dann bereit für die Schule.

Viele Eltern finden, das Kleinkind sei zu Hause besser aufgehoben.

Das ist leider nicht mehr so. Studien zeigen eindeutig: Fünfjährige Krippenkinder sind weiter in der Entwicklung als jene, die allein zu Hause aufwachsen. Die Gleichaltrigen und die Erfahrungen in der Krippe kann keine Mutter ersetzen. Die ersten Lebensjahre sind überaus wichtig.

Aber diese Diskussion führen wir schon lange.

Nein, wir reden schon lange über die Bedürfnisse der erwerbstätigen Mütter – und das zu Recht. Jetzt müssen wir aber auch darüber reden, was es braucht, damit sich Kinder gut entwickeln können.

Im Moment muss unser Schulsystem mit den Kindern klarkommen, die wir haben. Das heisst mit der Schere zwischen leistungsstarken und schwachen Kindern.

Die Gretchenfrage ist hier: Kann man anders Schule geben, als wir es jetzt tun? Die Antwort ist: Ja. Darum bin ich für die freie Schulwahl. Das Monopol der Volksschule ist nicht mehr zeitgemäss. Eltern, die mit der öffentlichen Schule zufrieden sind, sollen ihre Kinder dorthin schicken. Die anderen Eltern sollen eine Alternative haben – und auch jene Lehrer, die anders Schule geben möchten. Dann wäre die Verantwortung dort, wo sie hingehört: Bei den Eltern und den Lehrern.

Die freie Schulwahl wurde in verschiedenen Kantonen an der Urne abgelehnt.

Was ich mir wünsche: Schulen, die genauso finanziell unterstützt werden wie die Volksschule. Sie dürfen aber kein zusätzliches Geld annehmen, damit keine elitären Schulen entstehen. Und jede Schule muss auch schwache Schüler aufnehmen.

Falls wir eines Tages frei wählen könnten: Wie erkennt man eine gute Schule?

Es sind jene, die vertrauensvolle Beziehungen zwischen Schülern, Lehrern und Eltern herstellen können – das ist eine Grundvoraussetzung, damit Schüler lernen. Ein Vertrag mit den Eltern, wie er zur Zeit diskutiert wird, ist nicht vertrauensbildend. Dafür gibt es Lehrer, welche die Eltern zu Hause besuchen, das finde ich optimal. Wenn man an einem Küchentisch gesessen hat, weiss man, mit was für einer Familie man es zu tun hat, woher ein Kind kommt. Und die Eltern fühlen sich ernst genommen.

Viele Eltern, sagen Sie im Buch, haben diffuse Ängste in Bezug auf den Nachwuchs.

Leider. Sie haben grosse Angst, dass es in Zukunft mit dem Wohlstand bergab geht. Also versuchen sie, ihr Kind in eine möglichst gute Position zu bringen. Kommt dazu: 80 Prozent der Kinder sind Wunschkinder, 50 Prozent Einzelkinder. Dadurch wird ein Kind für die Eltern unendlich kostbar, das erzeugt immensen Druck auf Schüler und Lehrer.

Und die wissen alle: Ein Sek-A-Schüler hat bessere Chancen auf eine Lehrstelle als ein Sek-C-Schüler.

Darum sollte es keine Noten mehr geben. Dann muss sich ein Lehrer automatisch damit befassen, wo der einzelne Schüler steht. Er kann im Elterngespräch nicht auf Noten zurückgreifen, sondern muss zusammen mit den Eltern herausfinden, wo das Kind steht. Zum Beispiel, indem er fragt: «Was denken Sie, bis wohin versteht Ihr Sohn die Zahlen?» In solchen Fragen werden sich Eltern und Lehrer immer einig. Wenn aber der Lehrer sagt «Ihr Kind hat eine Rechenschwäche», ist das doch eine Abwertung.

Also ein gutes Kind hat gute Noten und ein schlechtes Kind schlechte Noten?

So empfinden es die Eltern. Besser würde man auf die Eigenheiten des Kindes eingehen. Als Arzt hatte ich nie Probleme mit Eltern, wenn ich mit ihnen zusammen versucht habe herauszufinden, wie ihr Kind ist. Eltern können eigentlich mit allem umgehen, was den Nachwuchs betrifft, aber nicht damit, dass er ein negatives Label wie Rechen- oder Leseschwäche bekommt.

Im Moment bringen aber unsere Kinder Zeugnisse nach Hause. Wie können Eltern mit schlechten Noten umgehen?

Indem sie dem Kind sagen, dass es zwar in Mathe schwach ist, dafür aber andere Stärken hat.

Wenn alle anderen Schüler bessere Noten haben, brauchen Eltern viel Selbstbewusstsein, um zu sagen «meines kann dafür gut singen».

Wir haben etwa eine halbe Million Menschen in der Schweiz, die nicht gut rechnen können. Ich habe auch eine Tochter, die Mühe mit Rechnen hatte. Jedes Kind will rechnen lernen, aber nur bis zu dem Punkt, zu dem es fähig ist. Das müssen wir endlich akzeptieren, nur das ist kindgerecht. Übrigens, auch viele Lehrer haben Teilleistungsschwächen. Ich würde sagen, fünf bis zehn Prozent von ihnen haben Legasthenie. Die sagen das aber niemandem – leider. Es würde Eltern und Kinder beruhigen zu sehen, dass man es trotz solcher Schwächen zu etwas bringen kann.

Jetzt wissen wir, dass einiges nicht so gut läuft für Kinder in der Schweiz. Gibt es auch gute Nachrichten?

Oh ja! Was in den letzten 50 Jahren passiert ist, ist wahrscheinlich einmalig in der Menschheitsgeschichte: Die Tradition der patriarchalen, autoritären Erziehung wird immer mehr durch eine kindorientierte Erziehung abgelöst. Das liegt auch daran, dass Frauen sich emanzipiert und die Männer bildungsmässig überholt haben. Zusammen mit dem neuen Erziehungsstil verändert das die Gesellschaft positiv.

Sie haben drei erwachsene Töchter. Würden Sie heute, nach allen Ihren Erfahrungen, etwas anders machen in der Erziehung?

Auf jeden Fall. Eltern sind ja immer im Zeitgeist gefangen. Ich habe vieles gelernt und die Angst verloren, dass aus den Kindern nichts wird, wenn wir Eltern sie nicht dauernd antreiben. Heute weiss ich: Wenn es den Kindern auf der Beziehungsebene gut geht und sie die Erfahrungen machen können, die sie für ihre Entwicklung brauchen, kommt es gut. Ängste haben alle Eltern, das ist normal. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht.

Geben Sie Ihren Kindern Erziehungstipps?

Meine Töchter und ich sprechen über ihre Kinder, klar. Von Ratschlägen halte ich nichts. Auch in meinen Büchern versuche ich immer, verständlich zu machen, was für Wesen Kinder sind. Ich bin überzeugt, dass die Eltern daraus selber die richtigen Schlüsse ziehen.

Ihre Bücher «Babyjahre» und «Kinderjahre» sind Longseller und für viele Eltern wie Bibeln. Kommt der Erfolg davon, dass Sie keine Ratschläge erteilen?

Das ist sicher ein Faktor. Ratschläge ermüden einfach. Was ich von der Leserschaft immer wieder höre: Es beruhigt, zu lesen, wie unterschiedlich Kinder sind. Ich bin ja nicht der erste mit dieser Botschaft, aber ich habe dazu anschauliche Daten geliefert. Eltern sind enorm froh, wenn ich sage: Ich kenne Buben und Mädchen, die sind zweieinhalb Jahre alt und können lesen, und andere haben noch mit zehn Jahren Mühe damit. Jedes Kind ist eben ein Unikat.

Das betonen Sie schon seit Jahrzehnten. Nun werden Sie im November 70 und könnten sich eigentlich ein wenig zurücklehnen.

(Lächelt) Das sagt meine Frau auch.

Stattdessen schreiben Sie immer noch Bücher und geben Interviews. Was treibt Sie an?

Einerseits eine grosse Neugier. Vor allem aber habe ich immer noch Freude an Kindern, das ist einfach so. Zudem nervt es mich grausam, wenn man mit den Kleinen nicht adäquat umgeht. Das beschäftigt mich wahnsinnig und ich sage immer «bitte ein bisschen mehr Demut». Ein Kind kommt nicht für die Eltern zur Welt. Es ist nicht da, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu dem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Es darin zu unterstützen, ist unsere Aufgabe.

Treibt Sie vielleicht auch die Angst um, dass sich in der Schweiz zu wenig Menschen für die Anliegen der Kinder einsetzen?

Was mir Sorgen macht: Die Wertschätzung und die Stellung des Kindes in unserer Gesellschaft sind nicht hoch. Viele Mütter und Väter haben Mühe mit dem Spagat zwischen Beruf und Familie, weil sie von Gesellschaft und Wirtschaft zu wenig unterstützt werden. Weil es so mühsam geworden ist, Eltern zu sein, sind in den letzten 40 Jahren in der Schweiz etwa 1,1 Millionen Kinder nicht zur Welt gekommen.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen eine positivere Haltung dem Leben gegenüber, und zum Leben gehören Kinder. Wir sollten Freude haben an ihnen und sie als wichtigen Teil der Lebensqualität anschauen – und nicht als Last, die mit anderen Tätigkeiten. konkurriert

Fotograf: Andreas Eggenberger

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