12. März 2020

Ein junger Basler schafft den Durchbruch

Sehnsucht nach «Harry Potter»? Die Fortsetzung des globalen Fantasy-Hits ist derzeit in Hamburg auf der Bühne zu sehen. Mathias Reiser ist der einzige Schweizer im Ensemble und spielt gleich eine der Hauptrollen: Scorpius Malfoy, den besten Freund von Harry Potters Sohn.

Mathias Reiser
Mathias Reiser im Foyer des Harry-Potter-Theaters in Hamburg

«Ach jaaa?!» Scorpius Malfoys Stimme klingt leicht gepresst und ehrlich entsetzt. Er hat gerade realisiert, dass sein bester Freund Albus Potter wild entschlossen ist, den Helden zu spielen. Und absolut bereit ist, dafür notfalls ihre beiden Leben aufs Spiel zu setzen. Mathias Reiser spielt den empörten Zauberschüler mit weit aufgerissenen Augen und sichtlichem Vergnügen – und dann ist sein Einsatz in der Probe auf der Bühne des Hamburger Harry-Potter-Theaters auch schon vorbei.

Reiser, den alle hier nur Matti nennen, ist der einzige Schweizer im Ensemble von «Harry Potter und das verwunschene Kind» . Scorpius Malfoy, Sohn von Harrys Erzfeind Draco, ist eine der beiden Hauptrollen. Und dank des jugendlichen Aussehens und seines ansteckenden Enthusiasmus geht der 25-Jährige auch problemlos als Teenager durch.

Der Basler war im vergangenen Jahr gerade in der Schlussphase seiner Schauspiel- und Musicalausbildung an der Universität der Künste in Berlin, als ihm seine Agentur vorschlug, sich in Hamburg für eine der Hauptrollen im neuen «Harry Potter»-Stück zu bewerben, das seit 2016 die Theatersäle im angelsächsischen Raum füllt und nun erstmals für ein deutschsprachiges Publikum adaptiert worden ist.

«Als Kind habe ich die Filme und Bücher verschlungen», erzählt Reiser. «Nachdem ich die ersten drei Filme gesehen hatte, wollte ich nicht auf den nächsten warten, also habe ich halt weitergelesen. Ich weiss noch, dass wir in Irland in den Ferien waren und alle draussen spielten. Komm doch raus, sagten die anderen Kinder, aber ich fand, nein, schon gut – und las stattdessen ein Potter-Buch nach dem anderen. Es war einfach so spannend.»

Unverhofft zur Hauptrolle

Ein eingefleischter Fan war er aber nicht, deshalb hatte er das neue Theaterstück zwar wahrgenommen, aber zunächst nicht für sich in Betracht gezogen. Dennoch folgte er dem Rat seiner Agentur und bewarb sich für die Rollen des Albus Potter und des Scorpius Malfoy. «Es gab mehrere Casting-Runden, und ich kam zu meiner Überraschung immer weiter.» Im Spätsommer 2019 erhielt Reiser den Anruf mit der Zusage für Scorpius. «Ich konnte es fast nicht glauben», sagt er lachend und strahlt bei der Erinnerung an den grossen Moment. «Es war wirklich mega.»

Fast noch mehr aus dem Häuschen waren allerdings einige seiner Basler Freunde. «Ich realisierte erst da, dass darunter auch Potter-Fans sind.» Sie werden nun nach und nach alle nach Hamburg reisen, um ihn auf der Bühne zu erleben. Seine Eltern kamen bereits im Februar zur ersten Voraufführung und sind mächtig stolz.

Reiser ist mit einem Schweizer Vater, einer deutschen Mutter und zwei älteren Brüdern in Basel aufgewachsen. Den Eltern fiel schon früh auf, dass ihr Sohn ein musikalisches Gehör hat. Er begann mit Geigenunterricht, dann kamen Gesang, Klavier und nach der Matur ein Vorkurs für Jazzgesang dazu. Schliesslich entdeckte er in einem Workshop der Musical Factory Luzern seine Leidenschaft fürs Musical. «Ich liebe die Verbindung von Gesang und Schauspiel, den Tanz musste ich mir allerdings erst hart erarbeiten, darunter Ballett, Jazztanz, Steppen, Akrobatik.»

Er bewarb sich in Wien und Berlin für eine fundierte Ausbildung – und erhielt Zusagen aus beiden Städten. «Aber Berlin schien mir innovativer, experimenteller, aufregender.» Zu Beginn fühlte sich der damals 21-Jährige von der riesigen Stadt überfordert. «Es war alles so weitläufig und anstrengend.»

Aber mittlerweile liebt er es dort: «Berlin ist schmutzig, künstlerisch und offen für alles und jeden.» Nicht nur hatte er dort während seiner Ausbildung die ersten Bühnenengagements – darunter als Romeo in einer verspielten, modernisierten Version am hauseigenen Theater seiner Uni –, er lernte während der Ausbildung auch seine Freundin kennen. Sophia Euskirchen ist ebenfalls in der Theaterwelt aktiv und spielt derzeit an der Neuköllner Oper in Berlin.

«Das passt ganz gut so», sagt Reiser: «Wenn sie frei hat, kommt sie nach Hamburg, wenn ich frei habe, fahre ich nach Berlin.» Dort teilen sich die beiden aufstrebenden Bühnentalente noch immer eine Wohnung, derweil Reisers Unterkunft in Hamburg noch viel Arbeit benötigt. «Ich habe zwar eine Wohnung gefunden, die muss aber erst mal generalrenoviert werden – und ich habe gerade viel Stress mit den Malern. Aber bis zum Sommer ist hoffentlich alles fertig.»

Eindrückliche Spezialeffekte

Sein Vertrag als Scorpius läuft vorerst zwei Jahre. Die Hamburger Organisatoren hoffen allerdings auf eine deutlich längere Spielzeit. «Harry Potter und das verwunschene Kind» muss drei Jahre lang vor vollem Haus laufen, um nur die 42 Millionen Euro einzuspielen, die es gekostet hat, das technisch enorm aufwendige Stück nach Hamburg zu holen und das «Mehr! Theater am Großmarkt» dafür umzubauen.

Mathias Reiser hat sich inzwischen gut in seine Rolle eingelebt. «Scorpius hat ein reines, warmes Herz und kämpft damit, dass er als Dracos Sohn ständig des Bösen verdächtigt wird. Deshalb ist er eher introvertiert, manchmal sogar leicht depressiv. Aber wenn man ihn nimmt, wie er ist, und ihm vertraut, dann blüht er richtig auf. Und das zu spielen, ist megaschön.» Reiser sieht auch durchaus charakterliche Parallelen: «Ich bin mittlerweile fast genauso organisiert und diszipliniert wie Scorpius. Früher war ich das nicht so, aber mit der Ausbildung hat sich das unweigerlich entwickelt, es geht gar nicht anders.»

Mathias Reiser in der Maske
Mathias Reiser in der Maske, wo er für seine Rolle eine blonde Perücke bekommt.

Die ungewöhnlich vielen Voraufführungen mit Publikum vor der eigentlichen Premiere, die kürzlich wegen des Corona-Virus um ein halbes Jahr in den Oktober verschoben wurde, haben ihm zudem geholfen, sich die Figur anzueignen. «Es hat sich viel verändert seit dem allerersten Auftritt. Ich habe immer wieder Neues ausprobiert, um zu sehen wie sich das anfühlt und wie das Publikum reagiert. Bei jedem Auftritt wurde mir klarer, wieso ich in dieser Rolle was wie mache.» Und eine gewisse Flexibilität will er sich auch weiterhin erhalten. «Es soll ja nicht einfach pure Routine werden, das Stück und die Rolle sollen lebendig bleiben.»

Eine Besonderheit ist auch die überraschend realistisch wirkende Magie auf der Bühne. Einiges wird mithilfe von Spezialeffekten und Beleuchtung erreicht, aber die Schauspieler tragen ebenfalls dazu bei. «Es ist hochkompliziert, die Tricks so darzustellen, dass sie funktionieren. Wir haben alles von Zaubertrickexperten gelernt und intensiv daran gearbeitet, dass es ‹echt› wirkt.»

Und was ist im Oktober 2021, wenn der Vertrag entweder ausläuft oder verlängert wird? Reiser überlegt einen Moment und zuckt dann mit den Schultern. «Das sehen wir, wenn es so weit ist.» Klar ist: Mit dieser Rolle hat er den Durchbruch in der Theaterwelt geschafft. Dass er dafür nach Deutschland kommen musste, scheint ihm unvermeidlich. «Es gibt hier viel mehr Ausbildungsmöglichkeiten, Bühnen und gute Muscial-Jobs – da kann die Schweiz einfach nicht mithalten.» Dennoch würde er sich sehr freuen, künftig auch in der alten Heimat auf der Bühne zu stehen, etwa bei den Thunersee-Festspielen. Und er kehrt auch immer wieder gerne in den Ferien nach Basel heim, um Familie und Freunde zu treffen.

Ohne Ehrgeiz geht es nicht

Aber seine Zukunft sieht er ganz klar in Deutschland. «Da gibt es mehr als genug Möglichkeiten.» Wieso hat er geschafft, wovon viele vergeblich träumen? «Die richtige Kombination aus Talent und Förderung», vermutet er. «Ausserdem brauchts eine Prise Glück und einen riesigen Ehrgeiz, sich stets zu verbessern – und der kommt letztlich vom Spass, den ich bei all dem habe.»

Ohne Zweifel nicht geschadet haben auch sein gutes Aussehen, seine zugängliche, fröhliche Art und seine offensichtliche Spielfreude. «Ich bin überzeugt, dass ich auch in zehn Jahren mit Schauspiel, Tanz oder Gesang zu tun haben werde», sagt Reiser, «entweder auf oder hinter der Bühne. Und falls sich mal eine Möglichkeit beim Film ergibt, würde ich also auch nicht Nein sagen.»

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