01. November 2018

Ein Garten für Mensch und Tier

Ihren verwunschenen Garten von 5000 Quadratmetern teilt Ingrid Ritter gern: mit wildfremden Gästen, angekündigten Besuchern, aber auch mit vielen Tieren. Sogar Hirsche naschen mit Vergnügen bei ihr. 

Ingrid Ritter bietet auch Workshops an, in denen man flechten lernt.
Ingrid Ritter bietet auch Workshops an, in denen man flechten lernt.

Wer Ingrid Ritter in ihrem Garten besucht, sollte reichlich Zeit mitbringen: Bäume, Blumen, Büsche, Wiesen und Gemüse nehmen ganze 5000 Quadratmeter ein – fast so viel wie ein Fussballfeld. Diese 50 Aren zu begehen, dauert ein Weilchen. Kommt hinzu: Es gibt viel zu sehen. Viel zu berühren, zu probieren. Ein wenig zu studieren und viel zu geniessen. Gerade an diesen letzten warmen Tagen im Jahr, wenn die Sonne den Garten in goldenes Licht taucht und noch ein paar Trauben an der Hauswand ihren süssen Duft verströmen.

Der Garten ist offen, im wahren und im übertragenen Sinn. Aber der Weiher ist aus Sicherheitsgründen eingezäunt
Der Garten ist offen, im wahren und im übertragenen Sinn. Aber der Weiher ist aus Sicherheitsgründen eingezäunt.

Auf einem Rundgang passiert man Ulmen, Obstbäume und Brennnesselrabatten, ein eingefasstes Beet mit Federkohl, einen Weiher, eine Kräuterschnecke, die in Regenbogenfarben erscheint, wenn alle Gewächse darin blühen, ein wogendes lilafarbenes Meer von Herbstastern, ganze Büsche mit leuchtend roten Hagebutten, wilde Wicken, ein hellgrünes Gewächs, das aussieht wie... wie etwas, das man noch nie gesehen hat. An den filigranen Trieben hängen Früchte, quietschgrün, kegelförmig und etwa so lang wie eine Essiggurke. Gurke als Stichwort ist nicht schlecht. «Inkagurken», klärt Ingrid Ritter auf und pflückt eine der Früchte, «oder auch Hörnchenkürbis.» Es stellt sich heraus: Sie sind knackig, schmecken zart süss-säuerlich und sind unheimlich erfrischend.

Safran ist das neuste Projekt von Ingrid Ritter. Jetzt sind die Herbstkrokusse aufgeblüht und die Fäden erntereif.
Safran ist das neuste Projekt von Ingrid Ritter. Jetzt sind die Herbstkrokusse aufgeblüht und die Fäden erntereif.

Die 61-jährige Hobbygärtnerin hat gern Gäste in ­ihrem Demeter-Garten. Sie mag es sehr zu zeigen, was da wächst und blüht, duftet oder vor sich hin welkt und was besonders gern gefressen wird – von Vögeln, die ihren Garten besuchen, aber auch von Füchsen, Dachsen und sogar Hirschen: Der Garten, an einem sanft abfallenden Hang gelegen, befindet sich zwar mitten im Bündner Weiler Cumpadials, doch das winzige Dorf selber ist in weite, grüne Matten eingebettet und von dichten Wäldern beschützt. Da kann sich schon mal das eine oder andere Tierchen in einen Garten verirren.

Manchmal ists ein Kindergarten

Da also, wo sich Fuchs und Hirsch gute Nacht sagen, hat die gebürtige Baslerin den Flecken Erde gefunden, an dem sie viele ihrer Interessen vereinen kann: Pflanzen säen, pflegen, ernten und schneiden ist nur ein Teil davon. Hinzu kommt das Verarbeiten von Früchten wie Johannis- und Wildbeeren, Trauben, Misteln oder Äpfeln, aber auch von Weideruten oder verblühten Blumen.

Ingrid Ritter öffnet ihren Garten gern für Gäste: Im Frühling und Sommer darf einmal pro Woche jeder kommen und sich umschauen, immer mittwochs von 10 bis 14 Uhr.

Hagebutten, aber auch Karden, Felsenbirnen oder Weideruten verarbeitet Ingrid Ritter zu Dekorationen.
Hagebutten, aber auch Karden, Felsenbirnen oder Weideruten verarbeitet Ingrid Ritter zu Dekorationen.

Auf Anmeldung können Besucher das ganze Jahr hindurch hereinschauen. Dann führt die ausgebildete Bäuerin und Gartentherapeutin durch ihr Reich und beantwortet Fragen wie: Warum liegt da Wolle auf dem Beet? Das ist Dünger, Mulch und Schneckenschutz in einem. Was sind das für pinselartige weisse Knäuel an diesem Busch? Es sind Samenstände einer verblühten Clematis. Und steht da etwa ein Pfirsichbaum, hier oben, auf 900 Metern? Ja, tatsächlich, denn es ist die mediterrane Ecke, vom Hang geschützt und von einer besonnten Wand gewärmt. Wer mag, kann in einem Workshop lernen, wie man aus Weidenruten Gefässe flicht, mit Johanniskrautblüten heilendes Öl herstellt oder Zieräpfel und Karden zu Dekorationen verarbeitet. Und dann die Kinder! Ingrid Ritter lächelt. Kinder lässt sie besonders gern in ihren Garten. «Was ich ihnen am liebsten beibringe, ist das Verweilen», sagt Ritter. Stehen bleiben, schauen, neugierig werden. Riechen, lauschen, gern mit geschlossenen Augen.

Auf den ersten Blick kaum zu erkennen: verblühte Clematis
Auf den ersten Blick kaum zu erkennen: verblühte Clematis

Ihre Hoffnung: ansteckende Gartenlust

Ingrid Ritter ist Teil eines Projekts mit dem Namen Schaugarten. Sie und zurzeit acht weitere Bündner Frauen wollen damit wieder das Interesse am Gärtnern entfachen, Zusammenhänge in der Natur greifbar machen und demonstrieren, wie viel Genuss ein Garten mit sich bringt. «Ein paar eigene Beete scheinen einigen Menschen zu viel Mühsal am Ende des Tages», sagt Ingrid Ritter. Darum engagiert sie sich hier: um zu zeigen, dass das Betätigen im Grünen so viel mehr Lust als Last ist. Nicht, dass sie eine Beschäftigung gesucht hätte. Als Religionslehrerin und Betreuerin von traumatisierten Familien ist sie schon gut ausgelastet. Daheim kümmert sie sich um das Haus und den Garten.

Aus dem Garten und allem, was mit ihm zu tun hat, schöpft Ingrid Ritter Kraft – auch wenn es sie viel Zeit kostet.
Aus dem Garten und allem, was mit ihm zu tun hat, schöpft Ingrid Ritter Kraft – auch wenn es sie viel Zeit kostet.

Hier bietet sie auch betreutes, therapeutisches Arbeiten an. Und weiter oben über dem Dorf hilft sie hie und da ihrer Tochter, die dort einen Bauernhof betreibt. Woher sie die Zeit nimmt für alles? «Ich stehe zwischen vier und fünf Uhr morgens auf», sagt Ritter. Das gäbe lange, strenge Tage, aber irgendwie könne sie nicht anders. Wenn in ein paar Wochen der Garten eingewintert ist, gehts im Haus weiter. Dort flicht sie Kränze, taucht Pflanzenteile in Wachs, um daraus weitere Dekorationen zu formen. Oder sie färbt Wolle ein, um sie auch gleich zu Garn zu spinnen. Was nach viel Arbeit klingt, ist für sie auch eine Energiequelle. «Aus diesen Dingen schöpfe ich Kraft», sagt Ingrid Ritter.

Schaugarten der Bündner Landfrauen

Ingrid Ritter und ihr Garten

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