20. Juni 2018

Ein Garten als lebendiges Chaos

In Regula Gysels Garten leben Hunderte von Insekten und Pflanzen. Ein Lebensraum ganz im Sinne von «Hof+»: Das neue Projekt soll die Artenvielfalt auf IP-Suisse-Bauernhöfen fördern. In der Migros sind Produkte von diesen Höfen unter dem Label «TerraSuisse» erhältlich.

Regula Gysel und Markus Jenny
Gespräch unter Gartenexperten: Markus Jenny und Regula Gysel

Mitten im Klettgau, diesem Landstrich bei Schaffhausen, liegt ein Tummelplatz für Insekten, Vögel, Igel, Reptilien und Feldhasen. Die Rede ist nicht von einem Zoo für Kleintiere, sondern von Regula Gysels Garten. Der befindet sich, grosszügig angelegt, vor ihrem Bauernhaus und beheimatet neben Tieren auch 100 Kräutersorten.

Vor 20 Jahren zog Regula Gysel mit ihrem Mann Bernhard auf den Klettgauerhof in Wilchingen, rund 15 Kilometer westlich von Schaffhausen gelegen. Ihre drei Kinder wuchsen hier auf, und gemeinsam bewirtschaften sie das weitläufige Land um den Hof. Auf den Feldern wachsen Getreide, Zuckerrüben, Sonnenblumen und andere Ackerkulturen.

Garten Klettgauerhof in Wilchingen
Die Heimat von vielen Kleintieren. Der Klettgauerhof bei Wilchingen SH.

Produziert wird bei Gysels nach den Richtlinien der IP-Suisse. Die Bauernvereinigung, deren Produkte es bei der Migros unter dem Label «TerraSuisse» zu kaufen gibt, steht für eine umweltschonende und tierfreundliche Herstellung von Lebensmitteln und für die Förderung der Biodiversität. Bauer Bernhard Gysel legte auf seinen Feldern dafür Wildblumenflächen für brütende Vögel an, zog Hecken als Unterschlupf für Kleintiere hoch und verzichtet auf diesen Flächen auf Dünger.

Die Förderung der Biodiversität soll sich in Zukunft nicht bloss auf landwirtschaftliche Nutzflächen beschränken, sondern auch Siedlungsräume und Bauernhöfe erfassen. Zusammen mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach ruft die IP-Suisse deshalb das Programm «Hof+» ins Leben.

Bauernhöfe bieten mit ihren grossen Scheunen und einem oft grosszügigen Umschwung ideale Lebensvoraussetzungen für zahlreiche Lebewesen. «Bereits als wir das Modul Biodiversität für das Kulturland entwickelten, kam uns die Idee, das Hofgelände miteinzubeziehen», erklärt Markus Jenny, Projektleiter bei der Vogelwarte Sempach.

Bienen Haus im Garten
Das Heim der Bienen. Unzählige Arten finden darin Unterschlupf. 

Im Gegensatz zum Förderprogramm auf den Feldern, an das Direktzahlungen gebunden sind, ist ein Engagement für «Hof+» freiwillig. Es gibt einen Leitfaden mit Grundanforderungen und 26 Einzelmassnahmen. Verlangt werden darin unter anderem ein Herbizidverbot im Garten, Nistkästen für Turmfalken oder Schleiereulen, dazu Wasserstellen, Steinhaufen, Trockenmauern und Nisthilfen etwa für Wildbienen. 12 Bauernhöfe beteiligten sich an der nun endenden Testphase. 

Regula Gysels Garten erfüllte zahlreiche «Hof+»-Anforderungen bereits vor dieser Testphase – was aussergewöhnlich ist. «Einzig den Teich haben wir etwas vergrössert.» Als sie von «Hof+» hörte, war sie sofort mit von der Partie. Sie ist mit einem grossen Garten aufgewachsen, ihre Mutter war leidenschaftliche Gärtnerin.

Kräuter Garten im Klettgauerhof in Wilchingen
Das Herzstück des Gartens: 100 Kräutersorten in Reih und Glied.

Als Kind pflegte sie ihre eigenen kleinen Gärtchen, war immer dabei, wenn die Mutter Unkraut jätete oder Sträucher schnitt. «Als wir den Hof übernahmen, kamen diese Kindheitserinnerungen wieder hoch, und ich begann, hier meinen eigenen Garten anzulegen. Einfach etwas grösser als damals.» Aus dem Hobby wurde auch bei Regula Gysel eine Leidenschaft, der sie mittlerweile zwei bis drei Halbtage pro Woche widmet. Das nötige Wissen hat sie sich selbst angeeignet Kurse besucht, Bücher gelesen oder Google gefragt.

Das Herzstück ihres Gartens grenzt direkt ans Ackerland: ein Kräutergarten mit ungefähr 100 verschiedenen Kräutersorten. Von Klassikern wie Salbei oder Dill bis zu eher speziellen Sorten wie Koriander oder Pfefferkraut ist alles dabei. Neben Kräutern wachsen vor allem einheimische Pflanzen auf dem Hof. Es gibt Hecken, kleine Stein- und Asthaufen und Schalen, die als Wasserbad für Vögel dienen.

Vieles ist nicht feinsäuberlich geordnet, sondern eher chaotisch strukturiert. Der Garten wirkt wild, ist aber keine Wildnis. Brutkästen hängen an der Hausfassade, Nistkästen für Wildbienen an der Scheunenmauer. «Für mich ist ein schöner Garten ein lebendiger Garten. Ein Garten, der nicht nur mir dient, sondern auch den zahlreichen Insekten und anderen Tieren nützt», so Regula Gysel.

Entstanden ist so ein Lebensraum, der immer mehr Bewohner anzieht. Die Vogelpopulation vergrössert sich, mehr Bienen- und Insektenarten bevölkern den Hof. Die «Hof+»-Anforderungen greifen, und der Garten verdeutlicht, wie einfache Massnahmen richtig angewendet einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt haben.

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