28. Juni 2018

Ein Film in zwei Versionen

«All the Money in the World» ist ein spannender Kidnapping-Thriller, der erst noch auf einer wahren Geschichte beruht. Aber fast noch interessanter ist seine schwierige Entstehungsgeschichte.

«All the Money in the World»
Milliardärsenkel John Paul Getty III. (Charlie Plummer) im Gefängnis seiner Entführer, irgendwo in Süditalien (Bilder: Impuls)
Lesezeit 3 Minuten

Der Film war eigentlich fertig, als Ende Oktober vergangenen Jahres der Skandal losbrach: Kevin Spacey («House of Cards», «American Beauty»), der eine der Hauptfiguren in «All the Money in the World» spielte, wurde von immer mehr jungen Männern beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Regisseur Ridley Scott ( «Alien» , «Gladiator») befürchtete, sein neuer Film könnte wegen des Skandals unter die Räder geraten und zog die Reissleine: Er entschied, Spacey aus dem Film komplett zu entfernen und dessen Szenen mit Christopher Plummer («A Beautiful Mind», «Star Trek VI – The Undiscovered Country») neu zu drehen – und dies so schnell, dass das Startdatum an Weihnachten 2017 eingehalten werden konnte.

Der nächste Skandal folgte sogleich: Da Spacey in ziemlich vielen Szenen war, mussten auch andere Schauspieler nochmals antraben, darunter die Hauptdarsteller Mark Wahlberg («Entourage», «Boogie Nights») und Michelle Williams («Brokeback Mountain», «The Greatest Showman»). Williams erhielt dafür 80$ pro Tag – Wahlberg zwar auch, aber zusätzlich noch 1,5 Millionen, weil sein Agent clever verhandelt hatte. Um ein grösseres PR-Desaster zu vermeiden, spendete Wahlberg am Ende 2 Millionen an den «Time’s Up»-Fonds, der sexuelle Belästigung und Lohndiskrepanzen in Hollywood bekämpft. Insgesamt soll der Nachdreh 10 Millionen Dollar gekostet haben.

Spannend ist auch ein Vergleich der beiden Trailer, denn der mit Spacey war schon veröffentlicht, als der Skandal losbrach. Später wurde dann einer mit Plummer nachgereicht:

Bei all dem könnte man fast vergessen, wie gut und spannend der Thriller ist, der auf realen Ereignissen beruht. Es geht um das Kidnapping von John Paul Getty III. (Charlie Plummer, mit Christopher nicht verwandt), der 1973 in Rom von der ‘Ndrangheta entführt und irgendwo auf dem Land festgehalten wurde. Die Kidnapper verlangten ein Lösegeld von 17 Millionen Dollar, in der Annahme, sein Grossvater Jean Paul Getty (Plummer), damals der reichste Mann der Welt, werde schon zahlen. Doch der Öl-Tycoon weigerte sich: «Ich habe 14 Enkel, und wenn ich nur einen Penny Lösegeld bezahlte, habe ich 14 gekidnappte Enkel.»

Der Film erzählt von den Bemühungen von Gettys III. Mutter (Williams), ihren Schwiegervater zu überzeugen, doch noch zu zahlen. Dieser heuert immerhin einen Spezialisten an (Wahlberg), der mit ihr in Italien versucht, mit den Kidnappern zu verhandeln. Derweil diese ihr Opfer zwar anständig behandeln, aber immer ungeduldiger werden.

Öl-Tycoon J. Paul Getty (Christopher Plummer) im Gespräch mit Fletcher Chase (Mark Wahlberg)
Öl-Tycoon J. Paul Getty (Christopher Plummer) im Gespräch mit Fletcher Chase (Mark Wahlberg), dessen Verhandlungskünste ihm viel Geld sparen sollen.

Das alles ist auch dann noch spannend, wenn man weiss, wie die Sache am Ende ausging – und dass sich Regisseur Scott einige dramaturgische Freiheiten herausgenommen hat. Der Film schwelgt zudem nicht nur im wilden Look der 1970er-Jahre, sondern gibt einen Einblick in die schwierige Familiendynamik einer der reichsten Familien der Welt. Der offenbar äusserst geizige Patriarch J. Paul Getty hatte fünf Ehefrauen, sechs Kinder und zahllose weitere Nachkommen – das enorme Vermögen brachte aber kaum jemandem viel Glück.

Wäre der Film mit Kevin Spacey noch besser gewesen? Diese Frage kann wohl nur Ridley Scott beantworten, der als einziger die erste Version des Films gesehen haben dürfte. Und ob man es eine gute Idee findet, die Kunst zu zensieren, wenn der Künstler sich verwerflich verhält, muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Die Plummer-Version funktioniert jedenfalls bestens.


«All the Money in the World» gibts bei Ex Libris auf DVD und Bluray


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