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23. Januar 2017

Ein Esel zum Mieten und Wandern

Warum eilen, wenn es auch mit Weile geht: Eselin Ottavia lehrte unsere Redaktorin auf einer fünftägigen Tour durch die Abruzzen die Kunst innezuhalten.

Ottavia und Andrea unterwegs im Städtchen Fontecchio.
Ottavia und Andrea unterwegs im Städtchen Fontecchio Städtchen.

Ottavia rammt die Vorderhufe in den Boden. Sie macht auf Stillstand. Schon wieder. Kein Wank. Seit uns ihre Besitzerin Saskia Steigleder (35) vor 30 Minuten alleine gelassen hat, haben wir höchstens 300 Meter zurückgelegt. Mann! Wenn das so weitergeht, werden wir erst beim Eindunkeln im Rifugio ankommen.

Der Esel trägt mein Gepäck, und ich kann die Einsamkeit geniessen, ohne ganz alleine zu sein. So hatte ich mir das vorgestellt, als ich die fünftägige Eselwanderung in den Abruzzen buchte. Und klar: Esel gelten als störrisch – aber stand auf der Website nicht, dass mich ein speziell fürs Wandern ausgebildeter Esel begleiten würde?

Das erste Stück Weg ist eine echte Geduldsprobe:300 Meter in 30 Minuten...
Das erste Stück Weg ist eine echte Geduldsprobe: 300 Meter in 30 Minuten ...

Zudem habe ich den Abschnitt «Eselstreik – was nun?» in der Informationsmappe besonders genau gelesen. Die letzte halbe Stunde habe ich es mit der sogenannten Geduldsprobe probiert: «Das Seil straff ziehen, sodass es dem Esel unbequem ist, und konsequent konstanten Zug halten.» Das könne dann durchaus einige Minuten dauern.

«Sobald der Esel den kleinsten Schritt vorwärts macht, sofort locker lassen.» Meine Geduld wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Vor allem, weil Ottavia jeweils bloss drei Schritte macht, um dann erneut stehen zu bleiben – und das ganze Prozedere von vorne beginnt.

Bei der Einführung im Eselsatteln hat mir Besitzerin Saskia die Eselin Ottavia als besonders geeignet für das Wandern in trauter Zweisamkeit angepriesen: Sie sei eine Leiteselin, die gerne auch alleine auf Wanderschaft ginge, während andere Esel die Herde nur in einer Gruppe verlassen würden. Saskia Steigleder lebt in Goriano Valli, mitten im Regionalpark Sirente-Velino und besitzt rund 30 Esel. Zehn davon schickt sie von Anfang Mai bis Ende Oktober mit Gästen auf Wanderschaft.

Viel Abwechslung und Idyll

Die gebürtige Deutsche kam vor rund zehn Jahren für ein Umweltprojekt in die Abruzzen, verliebte sich in einen Italiener, heiratete und hatte 2008 die Idee mit dem Eseltrekking. Sie arbeitete eine Route aus, suchte an jedem Etappenort nach Unterkünften und erstellte eine Infomappe mit Wegbeschreibung und einer Bedienungsanleitung für den Esel.

Mit einem Esel macht man immer wieder mal Pause.
Mit einem Esel macht man immer wieder mal Pause.


Funktioniert alles nach Plan, werden Ottavia und ich jede Nacht an einem anderen Ort verbringen. Wer Abwechslung mag, könnte dabei nicht besser bedient sein: In der Auswahl befindet sich eine unbewartete Hütte an einem einsamen See, ein Bed and Breakfast in der Wehrmauer eines mittelalterlichen Städtchens, ein Agriturismo in einem Bergdorf und zum Abschluss ein Hotel mit Pool.

Auch die Wegbeschreibung klingt vielversprechend. Da heisst es etwa: «Sie kommen zu einer antiken römischen Brücke. Vor der Brücke ist noch ein Stück der alten Römerstrasse mit Fahrspuren zu erkennen. Überqueren Sie den Fluss.» Oder: «Bei der kleinen Bergkirche San Erasmo können Sie sich und dem Esel eine Pause gönnen. Von hier aus sehen Sie an klaren Tagen alle hohen Gipfel der Region: Wenn Sie vor der Kirchentür stehen, haben Sie den Monte Sirente vor sich, die Majella links von Ihnen und den Gran Sasso rechts. Weiter geht es auf dem Weg, der von der Kirchentür geradeaus Richtung Sirente führt.»

Mutprobe: Als Wüstentiere haben Esel Angst vor Wasser. Ottavia lässt sich problemlos über die Brücke führen.
Mutprobe: Als Wüstentiere haben Esel Angst vor Wasser. Ottavia lässt sich problemlos über die Brücke führen.


Schön. Momentan stehen wir aber noch im Wald, und es geht einfach nicht vorwärts. Ist dieses Tier tatsächlich stur und dumm wie ein Esel? Esel sind alles andere als dumm. Dies sagen zumindest Tierforscher, die sich mit dem speziellen Charakter der Langohren auseinandergesetzt haben. Ihre Theorie: Esel sind optimal angepasst an das Leben in steinigen Bergwüsten. Wären sie scheu wie Pferde, hätten sie dort nicht lange überlebt. Darum sind sie im Gegensatz zu anderen Equiden nicht mit einem Fluchtinstinkt ausgestattet, sondern mit Intelligenz. Droht Gefahr, bleiben sie erst mal stehen, verarbeiten die Information und versuchen, eine energiesparende und sichere Lösung für das Problem zu finden.

Zweifel an der Dummheit

Auch der britische Hochschullehrer Andy Merrifield (56) ist vom Scharfsinn der Grautiere überzeugt. Nach einem Karriereknick beschloss er, Anfang der Nullerjahre auf eine Eselwanderung durch die Auvergne in Frankreich aufzubrechen. Über seine Erfahrungen schrieb er einen Bestseller mit dem Titel «Die Weisheit der Esel. Ruhe finden in einer chaotischen Welt.»

Wie im Bilderbuch: Ottavia und Andrea unterwegs durch die engen Gassen des mittelalterlichen Städtchens Fontecchio
Wie im Bilderbuch: Ottavia und Andrea unterwegs durch die engen Gassen des mittelalterlichen Städtchens Fontecchio.


Ich zweifle stark am Urteil der Experten. Was ich noch nicht weiss: In fünf Tagen werde auch ich überzeugt sein, dass Esel zu Unrecht Dummheit nachgesagt wird. Ich werde mich erinnern, wie sich meine Ottavia in den engen Gassen von Fontecchio mit den Satteltaschen in den Plastiknetzen einer Baustelle verhedderte und einfach stehen blieb und wartete, bis ich sie davon befreite. Wie sie in Caporciano während der Nacht das Tor ihres Geheges öffnete und mich morgens mit einem spöttischen Blick begrüsste. Und im Rückblick werde ich auch wissen, dass es Ottavias Cleverness war, die das Vorankommen am ersten Tag erschwerte.

Warum sollte sie sich diesem steilen Pfad hochkämpfen, wenn vielleicht andere Möglichkeiten bestehen? Vielleicht gibt dieser neue Mensch schon bald entnervt auf. Und überhaupt: Vielleicht weiss sich der gar nicht durchzusetzen. Täusche ich mich, oder sehen diese leicht abgewinkelten langen Ohren tatsächlich wie das V des Victory-Zeichens aus?

Die Einsamkeit in den Abruzzen geniessen und – dank Ottavia – doch nicht ganz alleine sein.
Die Einsamkeit in den Abruzzen geniessen und – dank Ottavia – doch nicht ganz alleine sein.


Ha, nicht mit mir! Ich kann lesen, und in der Anleitung steht für den Fall, dass die Geduldsprobe nicht funktioniert: «Wenn das nicht hilft, dann mit einem langen, dünnen Zweig leicht auf den Hintern tätscheln (nicht schlagen!!!).» Kaum habe ich einen Haselzweig in der Hand, geht es vorwärts. Schnell sind wir zwar noch immer nicht. Denn Ottavia braucht im steilen Gelände immer wieder eine Pause. Hat sich ihr Atem beruhigt, setzt sie sich allerdings anders als zuvor von selbst wieder in Bewegung.

Gemächlichkeit und kleine Machtkämpfe

Dankbar für ihre Kooperation, passe ich mich ihrem Rhythmus an. Würde ich den Berg alleine erklimmen, würde ich doppelt so schnell vorankommen. Doch wozu? Ich wäre alleine und müsste einen schweren Rucksack tragen. Unterwegs mit Ottavia bin ich gezwungen, mich in Geduld zu üben, mich ihrem Tempo anzupassen, mich auf ihre Art, die Dinge zu tun, einzulassen. Ein Stop-and-go-Verfahren, ein ständiger Wechsel zwischen Gehen und Stehen.

Die Dinge laufen anders, wenn man mit einem Esel unterwegs ist. Bestsellerautor Merrifield beschreibt das mit folgenden Worten: «Geduld verwandelt sich in einen Tagtraum, der sanft hin- und herschaukelt, wie die Wiege eines Babys oder ein Segelboot in einem windstillen Meer. Er bietet das Geschenk, den Rhythmus präziser Schritte zu geniessen, gemächlicher auszuschreiten und dennoch weiter voranzukommen, den Augenblick wie einen kostbaren Schatz zu hüten, ihn zu verlängern, ihn auszukosten in seiner ganzen Fülle ...»

Ein Eselmoment: Begegnung mit Guiseppe (93), der einst selber einen Esel besass.
Ein Eselmoment: Begegnung mit Guiseppe (93), der einst selber einen Esel besass.


Ein besonders kostbarer Moment ist für mich die Begegnung mit Giuseppe (93). Er sitzt in Fontecchio auf der Bank vor seinem Haus und winkt uns zu sich rüber, um Ottavia die Stirn zu kraulen. Er erzählt mir, dass er einst selbst einen Esel besass, zusammen mit zehn Schafen. Wie er im Sommer mit seinen Tieren auf der Hochebene im Hirtendorf lebte. Und dass damals fast jeder im Dorf einen Esel als Lasttier hielt.

Ottavias Aufgabe ist es, mein Gepäck zu tragen. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass sie genügend Gras und Wasser erhält. Alle paar Stunden machen wir eine Pause, damit sie grasen kann. Hin und wieder gibt es einen kleinen Machtkampf, wenn Ottavia am Wegrand einen besonders leckeren Bissen erspäht. Dann streckt sie den Hals, und ich kann sie nur mit viel Kraft vom Grün ihrer Wahl fernhalten.

Am Abend des vierten Tages binde ich Ottavia nach der Ankunft im Etappenziel am langen Seil an und will mich zum Hotel aufmachen. Sie futtert zufrieden. Alles voller Klee und Löwenzahn. Wenn ein Esel sich das Paradies vorstellt, dann so. Kaum habe ich mich einige Schritte entfernt, erklingt ein klägliches I-Aah. Als ich zurückschaue, sehe ich, dass Ottavia mir folgen will.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Ignacio Coccia / Contrasto

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