27. Juli 2018

Ein einig Volk von Freistilgärtnern

Mitten im Städtchen Bremgarten ist innert weniger Monate eine grün-bunte Oase aus dem Boden geschossen. Der Freistilgarten ist Werk und Treffpunkt einer Gruppe von Idealisten.

Markus und Tochter Jael lieben es, gemeinsam im Garten zu werkeln.
Markus und Tochter Jael lieben es, gemeinsam im «Freistilgarten» zu werkeln.
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Lorine möchte einmal Pädagogin werden, zum Beispiel mit Tieren. «Oder mit Pflanzen!», sagt die Elfjährige. Da ist sie ja genau am richtigen Ort gelandet, nämlich im Freistilgarten von Bremgarten AG. Während Lorine erzählt, wie gern sie Setzlinge pflanzt und Gurken isst, streift ihr Vater Martin (43) durch die üppig bewachsenen Beete und schneidet da einen Salat und dort ein paar Kräuter für das Abendessen. Ob er gesät hat, was er erntet, interessiert hier keinen. Man nimmt, was man benötigt, denn der Freistilgarten ist ein Gemeinschaftsgarten. «Alles für alle» lautet das Motto beim Ernten. Und alle für alles bei der Arbeit.

Grosi Elsbeth am Giessen
Grosi Elsbeth ist eigentlich meistens frühmorgens im Garten. Am Mittwoch macht sie eine Ausnahme, da findet die «Vision im Dom» statt.

Es ist kurz vor fünf Uhr an einem heissen Nachmittag im Juli. Nach und nach trudeln die Freistilgärtner ein: Männer, Frauen und Kinder im Alter von drei Wochen bis 68 Jahre. Die meisten fliehen vor der brütenden Hitze direkt in den Dom, ein grosses Schatten spendendes Zelt, das auch als Rankgerüst dient, für Feuer-, Elster- und andere Stangenbohnen und weitere Gewächse.

Ein Garten von null auf hundert

Ein Freund der Gemeinschaftsgärtner hat das Zelt aus Bambusstangen und Stoffplanen gebaut. Im Gegenzug kommt er manchmal vorbei und schneidet sich ein wenig Pfefferminze ab. Am Fuss des Doms wachsen Kürbispflanzen, deren Tentakel bis ins Zelt hineingreifen und bereits fussballgrosse gelbe Früchte tragen.

Kürbis Marke «Gelber Deutscher Zentner»
Schon bald bereit, von einem Gemeinschaftsgärtner in die Pfanne gehauen zu werden: Kürbis Marke «Gelber Deutscher Zentner»

Unter der Kuppel reicht Elsbeth (68) – von allen Grosi genannt – selbstgebackene Guetsli herum aus Couscous, Tofu und einer Zucchetti, die ihr Sohn Markus (39) am Vortag keine zehn Meter entfernt geerntet hat. Kaum zu glauben, dass hier erst seit April ein Garten besteht. Mittlerweile ist zwischen Freilandtomaten, Amaranth und Minze, Mangold, Sellerie und blühenden Kartoffelpflanzen fast kein Durchkommen mehr.

Gemeinschaftsgärtner Norbert
Norbert freut sich über das rege Interesse am Gemeinschaftsgarten.

Dann kommt Norbert (54). Er begrüsst die Anwesenden mit Umarmungen: «Hoi Güts, tschau Daniel» – hier sind selbstverständlich alle per Du, teilweise kennt man nicht mal die Nachnamen der Mitgärtner. Norbert platziert schwungvoll ein paar Setzlinge zwischen den Batiktüchern im Zelt: Geschenkte Ausschussware von Gärtnereien. Der umtriebige Hobbygärtner hat den Freistilgarten ins Leben gerufen. Im Frühjahr vereinbarte er mit dem Grundeigentümer des brachliegenden Baulandes eine Pacht für vorerst drei Jahre, mit dem Ziel, hier einen naturnahen Garten zu schaffen.

Mirjam pflanzt Petersilie.
Noch im März war hier eine verwilderte Wiese. Jetzt findet Mirjam (41) knapp noch ein Plätzchen für die geschenkte Petersilie.

Die Fläche mitten in der Stadt ungenutzt zu lassen, ging Norbert gegen den Strich. Er liebt die Natur und die Freiheit, Privatbesitz ist ihm suspekt. «Hier war nichts als wilde Wiese», sagt er und macht mit den Armen weit ausholende Bewegungen, «Wiese, Brombeeren und Hundehäufchen.» Nach dem Roden hat man die Brombeerwurzeln mit Vlies bedeckt. Auf den restlichen Boden kam Karton und über die ganze Fläche eine 15 Zentimeter dicke Schicht Humus, ein Geschenk der Gemeinde Wohlen AG. «Drei Lastwagenladungen waren das» sagt Norbert. Ein Bauer kam mit seiner Egge vorbei und zog Furchen, das Forstamt spendierte mehrere Kubik Holzschnitzel, dann wurde gesät und gepflanzt. Rolf (35) fügt an: «Aber vorher haben wir zwei Tage lang Erde geschaufelt und auf dem Gelände verteilt.»

Rolf und Sohn bemalen einen Holzzaun im Freistilgarten.
Rolf kommt regelmässig mit seiner Frau und den Kindern in den Freistilgarten, einfach zum Sein und Geniessen.

Rolf ist Sozialpädagoge und wohnt gleich nebenan, wo er und seine Frau einen eigenen Garten haben. Dennoch kommen sie mit den beiden Kindern gern hierher. «Einfach wegen des Zusammenseins und um gemeinsam etwas zu bewegen», sagt er und malt weisse Muster auf den farbigen Holzzaun, der den Garten von der Strasse abgrenzt. Neben ihm ist auch Daniel (39) am Pinseln. «Ich bin eigentlich kein Gartentyp», sagt er fröhlich. Aber sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit anderen Familien etwas zu machen, das sei megalässig.

Kefen
Kefen, direkt ab Strauch: eine feine Sache.

Von Beruf Primarlehrer und ansonsten Allrounder, beobachtete Daniel zunächst fasziniert, wie hier eine Oase entstand. Dann fragte er über den Zaun hinweg, ob er auch mittun dürfe. Seither kommen sie etwa alle zwei Wochen vorbei: Er, seine Frau Sandra (38) und die drei Kinder Nando (8), Sino (5) und Nia (3). Hier lassen sie die Kleinen an Salbei schnuppern und zeigen ihnen, wie Blindschleichen aussehen.

Auch Freiheit muss organisiert sein


Diese Art Zuwachs ist genau im Sinn des Projekts. «Der Garten ist für alle offen», sagt Norbert. Pflichten gebe es keine. Dennoch werden die Früchte gemeinschaftlich geteilt. Alle, auch Passanten, sollen sich frei im Garten bewegen können. «Geschehen lassen und schauen», sagt der Initiant mit breitem Lächeln.

Kind am Biotop
Zieht Kinder magisch an: das Biotop mitten im Garten

Um ihn herum stapfen Kinder barfuss durch die Beete und stochern mit Stecken im Biotop. Es wird geschwatzt, gemampft, gezankt. Ein paar wenige Dinge, räumt Norbert dann ein, müsse man schon regeln. Deshalb hängt jetzt am bunt bemalten Brennholzhäuschen ein Ämtliplan für den wöchentlichen Wässerungsdienst.


Um ein wenig Zukunftsplanung geht es schliesslich auch im Freistilgarten. Um 18.30 Uhr versammeln sich dort alle zur «Vision im Dom». Ein paar organisatorische Dinge sind zu besprechen: Es gab eine Klage wegen der Bauten auf dem Areal. «Also werden wir jetzt eine nachträgliche Baueingabe schreiben», erklärt Norbert. Dann wird diskutiert, ob man den Holztisch und die dazugehörenden Stühle annehmen will, die eine Frau aus der Nachbarschaft am Nachmittag gratis angeboten hat. Man ist unschlüssig.

Gärtner im Zelt
Zusammenkunft im Zelt: «Vision im Dom» heisst das hier.

«Muss man heute giessen?», fragt jemand in die Runde. Einhellige Antwort: nein. «Sonst verwöhnen wir die Pflanzen nur» sagt jemand. Und dann ist noch kurz die Rede von der bevorstehenden Gründung eines Vereins. Verein für naturnahe Gemeinschaftsgärten soll er heissen, und am 1. August soll er gegründet werden. Das passt ja bestens.

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