06. Januar 2020

Ein echter Wintergarten

Viele Hobbygärtner überlassen ihr Fleckchen Erde jetzt sich selbst. Nicht so Cathrin Michael: Ihr Garten ist im Winter ein fast genauso beliebter Treffpunkt wie im Sommer.

Nicole Giger (links), Fabian Wegmüller und Cathrin Michael wärmen sich schon mal am Feuer, bis das Chili bereit ist.
Nicole Giger (links), Fabian Wegmüller und Cathrin Michael wärmen sich schon mal am Feuer, bis das Chili bereit ist.

«Bitte, lieber Gott, mach, dass es der Garten dort drüben ist.» Das ging Cathrin Michael durch den Kopf, als sie das Areal der Familiengärten Susenberg in Zürich zum ersten Mal betrat, um eine frei gewordene Parzelle zu besichtigen. Sie sah ein am Steilhang gelegenes Areal, gross, terrassenartig angelegt und ziemlich grün – besonders vor lauter Unkraut. Vor allem aber erblickte die 36-jährige Foodtexterin das Häuschen, das über allem thronte. Sie wusste auf der Stelle: Das wollte sie haben. Wenige Wochen später gehörte es ihr und ihrer Freundin Piera Lüthi.

Das ist ein halbes Jahr her, und Cathrin Michael ist immer noch voll ungläubiger Freude über den Glücksfall. «Es waren im Sommer so megaschöne Tage hier», sagt sie, «wir grillierten oft mit Freunden oder sassen abends bei einem Glas Wein beisammen.» Ebenfalls im Sommer haben die beiden Frauen das Häuschen innen renoviert: entrümpelt, den alten Laminatboden herausgerissen und alles weiss gestrichen.

Cathrin Michael (rechts) und Nicole Giger haben schon bei den Vorbereitungen im Gartenhäuschen Spass.
Cathrin Michael (rechts) und Nicole Giger haben schon bei den Vorbereitungen im Gartenhäuschen Spass.

Frische Kräuter gleich vor der Tür

In ihren weissen vier Wänden sitzt Cathrin Michael nun und rüstet Gemüse. Inzwischen ist es um die zehn Grad kühl – drinnen. Das hält die Hobbygärtnerin nicht davon ab, Freunde in ihren Garten einzuladen und zu bekochen. Heute gibt es ein Chili sin Carne, also ein Chili ohne Fleisch. Dazugesellt hat sich eine Freundin: Nicole Giger (33), ihres Zeichens Foodbloggerin und Buchautorin. Die beiden haben soeben zusammen mit einer weiteren Freundin die Foodagentur Kollektif gegründet.

Im Gartenhäuschen schälen und würfeln sie jetzt Butternusskürbis und Zwiebeln, messen schwarze und gelbe Linsen ab und stellen die weiteren Zutaten für den Eintopf bereit: Büchsen mit weissen Bohnen und solche mit Pelati, Salz und getrocknete Gartenkräuter vom Sommer. Auf dem Gasherd daneben kocht das Wasser für einen Punsch. Dafür verwendet Michael selbstgemachten Holunder- und gekauften Quittensirup.

Frische Kräuter können praktisch direkt vor der Hüslitür geerntet werden.
Frische Kräuter können praktisch direkt vor der Hüslitür geerntet werden.

Der Chili, finden die beiden Köchinnen, würde auch ein paar frische Kräuter vertragen. Michael braucht dafür nur ein paar Schritte den Hang hinunterzugehen. Auf dem Weg zum Salbei kommt sie an weiteren Gewächsen vorbei, die sie innehalten lassen: viele Farne, Zitronenthymian, ein Zitronenbäumchen («Ui, das muss ich ja bald reinnehmen!»), ein Hagenbuttenstrauch mit knallroten Früchten («so schön!»). Eine kniehohe Pflanze lässt die Neogärtnerin kurz stutzen: «Was ist denn das?» Bei näherer Betrachtung der kleinen kugelförmigen Früchte schlussfolgert sie: «Es muss ein Rosenkohl sein.» Ein Geschenk ihres Vorgängers quasi und eine schöne Überraschung

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Mit der «gärtnerischen Seite des Gärtnerns» sei sie noch nicht so vertraut, gesteht Cathrin Michael. «Piera und ich sind totale Newbies». Immerhin kann eine weitere Freundin Tipps liefern; sie macht gerade eine Gärtnerinnenlehre. Die erste Saison sei ohnehin mehr dem Genuss gewidmet gewesen als dem Jäten, sagt Cathrin Michael. Das konnten sich die Neupächterinnen noch leisten, zumal sie im Frühling einen reichlich verwilderten Garten übernommen hatten.

Im untersten Teil des Schrebergartens haben die Pächterinnen eine einfache Outdoor-Kochstelle gebaut
Im untersten Teil des Schrebergartens haben die Pächterinnen eine einfache Outdoor-Kochstelle gebaut.

Nun aber ist der Welpenschutz vorbei, und im neuen Jahr müssen sich auch Cathrin und ihre Mitpächterin den gestrengen Regeln des Familiengartenvereins fügen – und oft jäten. Immerhin wird damit Platz frei für die zahlreichen Saat- und Pflanzpläne, die bereits in Cathrin Michael keimen: Jede Menge Pfingstrosen will sie in den Garten holen und als logische Folge ihres Berufs natürlich eine ganze Reihe von Essbarem: einen Obstbaum, Rucola und andere Salate, Hanf, Radiesli, Süsskartoffeln, Zwiebeln und viele Kräuter.

Je später, desto schöner

Mit einem Büschel Salbei kehrt Michael ins Häuschen zurück. Die Kräuter kommen zusammen mit den anderen Zutaten in einen gusseisernen Topf. Damit gehts hinunter in den Garten, diesmal in die unterste Etage, sozusagen. Dort haben die Schrebergärtnerinnen im Herbst eine Vertiefung in den Boden gegraben und die Kuhle mit feuerfesten Schamottsteinen ausgelegt. Ein Grillrost darüber, und schon war die Outdoor-Kochstelle fertig.

Im untersten Teil des Schrebergartens haben die Pächterinnen eine einfache Outdoor-Kochstelle gebaut
Den Sitzplatz unter der Pergola beleuchtet Cathrin Michael mit batterie- oder solarbetriebenen Lämpchengirlanden und Windlichtern.

Hier entfacht Cathrin Michael nun ein Feuer und stellt den Chili auf den Rost darüber. Während es vor sich hin blubbert, ist Zeit für den Apéro. Bläuliche Dämmerung legt sich über das Areal und hüllt karge Büsche und üppige Unkräuter in gnädiges Halbdunkel. Von weit unten blinzelt die Stadt herauf. Oben in ihrem Refugium zündet Cathrin Michael ein paar Lichter an: batteriebetriebene Leuchtgirlanden und Kerzen drinnen, solarbetriebene Lämpli und Windlichter draussen unter der Pergola – Strom gibt es hier keinen. Nicole Gigers Freund Fabian Wegmüller ist gerade eingetroffen, müde von einem strengen Arbeitstag und reif für ein deftiges Essen. Zuerst wärmen sich alle drei am Punsch.

Während der Eintopf über dem Feuer gart, genehmigen sich die Köchinnen einen Apero.
Während der Eintopf über dem Feuer gart, genehmigen sich die Köchinnen einen Apero.

Das ist für Cathrin Michael einer der Lieblingsmomente in ihrem Leben. «Am glücklichsten bin ich, wenn ich Feuer mache und darauf koche», sagt sie, «oder wenn ich Schoggikuchen esse und dazu ein Glas Rotwein trinke.» Und beides am liebsten im Garten natürlich.

Blogs: 
Cathrin Michael: gnuesse.ch
Nicole Giger: magsfrisch.com

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