12. November 2019

Ein Dorf kämpft um seine Schule

Mürren ist ein Bilderbuchziel für weitgereiste Touristen, doch gleichzeitig beklagen die Bewohner einen herben Verlust an Infrastruktur und fürchten den Wegzug junger Familien. Denn der Kindergarten wurde bereits geschlossen.

Vor dem Schulhaus von Mürren: Daniela Zurbuchen mit Alina und Fiona, Roger Taugwalder (hinten), Belinda Bühler mit Henri und Fynn
Bangen um ihr Schuhlhaus: (v. l.) Daniela Zurbuchen mit Alina und Fiona, Roger Taugwalder (hinten), Belinda Bühler mit Henri und Fynn.
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Ein Pärchen aus Asien fotografiert sich mit einem Selfiestick in allen möglichen Posen vor einem besonders prächtigen Chalet in der Ortsmitte von Mürren BE. Der Spätsommer protzt. Das Licht ist golden. Die Geranien auf dem Fenstersims sind ordentlich drapiert. Das weitgereiste Paar ist glücklich. Die beiden wissen, sie haben hier im Berner Oberland ein Bilderbuchsujet gefunden. Doch das Idyll hat selbst hier, wo man mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau lebt, Risse bekommen.

Seit diesem Schuljahr findet der Grossteil des Unterrichts im zehn Kilometer entfernten Lauterbrunnen statt. Auch die Kindergärtler und Primarschüler der 1. und 2. Klasse müssen für den Vormittagsunterricht ins Tal. Im Flachland wäre das keine Entfernung, aber von hier oben dauert die Reise von Tür zu Tür für die meisten Kinder eine knappe Stunde. Zuerst müssen sie mit der Schilthornbahn via Gimmelwald nach Stechelberg hinunter und danach mit dem Postauto bis Lauterbrunnen. Es ist ein Weg, den die Kinder, vor allem auf der Rückfahrt, gemeinsam mit asiatischen Touristen, Gleitschirmpiloten und Wanderern hinter sich bringen.

Kinder im Bus von Mürren nach Lauterbrunnen
Auf dem Schulweg: Lehrerin Sophia Gertsch begleitet Kinder nach Lauterbrunnen.

Als die Schliessung der einzigen Schule im Dorf im vergangenen Dezember bekannt wurde, waren die Einwohner schockiert. Vor einigen Jahren musste man sich bereits damit abfinden, dass die Dritt- bis Sechstklässler ins Tal pendeln müssen. Doch wenigstens die Kleinsten konnten noch die Schule im Dorf besuchen. Einige Eltern gründeten die Interessengemeinschaft «IG Pro Schule Mürren/Gimmelwald». Etliche Schreiben, in denen der Erhalt des Schulstandorts Mürren gefordert wurde, erreichten schliesslich, dass wenigstens der Nachmittagsunterricht weiterhin in Mürren stattfindet. «Mit dieser Lösung kann ein minimaler Schulbetrieb in Mürren angeboten werden, ohne dass die Gesamtschule darunter leidet», hiess es seitens des Gemeinderats.

 Trotz Babybooms Angst vor Wegzug

Ausserdem soll wieder ein Kindergarten geführt werden, sobald es genügend Kinder gibt. Dennoch muss der Nachwuchs jeden Morgen ins Tal pendeln. Für viele Betroffene ist das inakzeptabel. Ihr erklärtes Ziel: Zumindest der Kindergarten muss ab dem Schuljahr 2021/2022 wieder im Dorf sein. Derzeit fehlt dafür noch mindestens ein Kind.

Daniela Zurbuchen sitzt in der Küche ihres Bauernhauses in Gimmelwald. Ihre zwei Monate alte Tochter Alina schläft in ihrem Arm. Die beiden älteren Mädchen, Fiona (7) und Selina (5), spielen draussen auf dem Hof. Gimmelwald liegt 300 Meter tiefer als Mürren und ebenfalls auf einer Terrasse. Durch die Seilbahn ist der Ort mit Stechelberg und Mürren verbunden. In Gimmelwald gibt es seit 2010 kein Schulhaus mehr. Die Kinder sind stets mit der Luftseilbahn nach Mürren in die Schule gefahren. «Es war ein Schock, als wir erfuhren, dass auch die Schule in Mürren geschlossen werden sollte», sagt Zurbuchen, die im Kampf gegen die Schliessung zum Sprachrohr der IG wurde.

Im Schuljahr 2023/2024 würden laut aktueller Prognose 20 Kinder aus Mürren und Gimmelwald die Basisstufe besuchen; davon 14 Kinder im Kindergarten. «Mürren und Gimmelwald erleben gerade einen Babyboom. Die kommenden Jahrgänge sind stark.» Viele im Dorf befürchteten aber, dass junge Familien wegziehen und erst recht keine zuziehen würden, wenn es kein Schulangebot mehr für die Kleinsten gäbe, sagt Zurbuchen. «Was haben wir als Standort denn noch zu bieten, wenn schon vierjährige Kinder ins Tal pendeln müssen?»

Daniela Zurbuchen, IG Pro Schule Mürren/Gimmelwald
«Ein Dorf ohne Kinder ist ein totes Dorf.» Daniela Zurbuchen, IG Pro Schule Mürren/Gimmelwald

Schon vor der Bekanntgabe der Schliessung der Schule von Mürren hat eine Genossenschaft, die sich vor allem aus Dorfbewohnern zusammensetzt, das alte Schulhaus in Gimmelwald gekauft. Dort befindet sich auch die Gemeindestube. Der letzte öffentliche Raum des Dorfs. «Diesen wollten wir uns bewahren.» Über der Gemeindestube sind drei moderne Wohnungen für junge Familien geplant. Der Umbau beginnt im kommenden Frühling. «Da war die Schulschliessung ein Schlag ins Gesicht. Wir planen, kämpfen und investieren, um unser Dorf am Leben zu erhalten. Und dann wird uns so unsere Zukunft genommen. Ein Dorf ohne Kinder ist ein totes Dorf.» Die IG und die Genossenschaft arbeiten eng mit den Zweitwohnungsbesitzern zusammen. «Wir erhoffen uns dadurch neue Impulse von aussen», sagt Zurbuchen.

Kinder vor dem Schulhaus von Lauterbrunnen
Ankunft in Lauterbrunnen: Sophia Gertsch (r.) und die Kinder vor der Schule

Schulleiter verteidigt die Lösung

500 Höhenmeter weiter unten im Talboden sitzt Rolf Possel vor einer Tasse Kaffee in seinem Büro. Er ist der Schulleiter der Gemeinde Lauterbrunnen, zu der auch Mürren und Gimmelwald gehören. Possel hat den begleiteten Transport der acht Schulkinder aus Mürren organisiert. Das sei aufwendig gewesen. Und auch eine teure Angelegenheit. Die Gemeinde trägt die Kosten für die Seilbahn- und Busverbindungen der Kinder. Und auch die Begleitpersonen werden entschädigt. Die Kosten trägt die Gemeinde. Dies sind laut Possel um die 12 000 Franken Mehrkosten pro Schuljahr.

«Wir haben darauf geachtet, dass die Schule nicht zu früh beginnt und nicht zu spät endet, damit die Kinder nicht zu Unzeiten aus dem Bett müssen und rechtzeitig zum Mittagessen wieder zu Hause sind.» Dafür haben die Erst- und Zweitklässler aus den besagten Dörfern an zwei Nachmittagen Unterricht anstatt nur an einem. So kommen sie auf die gleiche Anzahl Lektionen wie die anderen Kinder.

Rolf Possel, Schulleiter von Lauterbrunnen
«In Mürren gibt es oft nur ein bis zwei Kinder pro Jahrgang.» Rolf Possel, Schulleiter von Lauterbrunnen

Der gebürtige Deutsche ist davon überzeugt, dass die Zusammenlegung der Schulstandorte in Lauterbrunnen das Niveau und die Qualität des Unterrichts anheben wird. «Somit können wir unsere Kräfte unten im Tal bündeln.» Zudem sei der Austausch mit Gleichaltrigen wichtig. «In Mürren gibt es aber oft nur gerade mal ein bis zwei Kinder pro Jahrgang.» Er könne verstehen, dass es für die Eltern schwer sei: «Ich halte unsere Lösung aber weiterhin für ein attraktives Angebot. Sobald es genug Kinder gibt, werden wir prüfen, ob wir in Mürren wieder ein Kindergartenangebot einrichten können.» Zwei Elternpaare haben bei der Schulleitung einen Antrag gestellt, damit ihre Kinder den gesamten Unterricht in Lauterbrunnen besuchen können. Den Antrag hat die Bildungskommission der Gemeinde bewilligt.

Oben in Mürren ziehen auch am Nachmittag Scharen von Touristen ihre Runde durch das Dorf. Dem Tourismus im Berner Oberland geht es gut. Auch Mürren kann einen Aufschwung verzeichnen. Bei den Logiernächten gab es in der Saison 2017/18 eine Zunahme von fünf Prozent. Davon können andere Destinationen nur träumen.

Umso mehr fühlt sich der Mürrener Roger Taugwalder, der das Hotel Alpina in zweiten Generation führt, vor den Kopf gestossen. Der 38-Jährige ist zweifach betroffen. Zum einen fällt es ihm ohne Schule schwerer, qualifiziertes Personal für seinen Betrieb zu finden. «Dass die Kinder ins Tal pendeln müssen, schreckt die Leute ab.» Zum anderen muss sein fünfeinhalbjähriger Sohn Jamie nun ebenfalls pendeln.

Roger Taugwalder, Hotelier vom Alpina in Mürren
«Wir halten das Dorf am Leben und holen so Touristen in die Gegend.» Roger Taugwalder, Hotelier vom Alpina in Mürren

«Ich fühle mich nicht ernst genommen», sagt Taugwalder. «Wir arbeiten hart für den Tourismus, stellen Blumen auf die Fensterbänke, halten das Dorf am Leben und holen so auch Gäste in die Region.» Der Hotelier hätte sich mehr Flexibilität und Entgegenkommen von der Gemeinde gewünscht. «Wir empfangen hier immer mehr Gäste, verlieren aber immer mehr an Infrastruktur.» Die Bäckerei, der Metzer, die Bank – alle haben ihre Geschäfte geschlossen. «Wenn ich nicht durch meinen Betrieb an den Ort gebunden wäre, hätte auch ich Mürren verlassen. Obwohl ich das Leben hier oben eigentlich mag.»

Einige Strassen weiter ist auch Belinda Bühler mit der Entwicklung nicht glücklich. Ihre Familie betreibt das Sportgeschäft Stäger-Sport, die 30-Jährige ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. «Ich habe es als Privileg empfunden, hier oben den Unterricht zu besuchen. Wir waren nur drei Kinder in meinem Jahrgang und haben uns eben auch öfters mit den Älteren zusammengetan. In kleinen Klassen konnte der Lehrer sehr gut auf uns eingehen.»

Computer sollen die Schulen retten

Ihr älterer Sohn Fynn wird im nächsten Frühling vier Jahre alt. Er ist das einzige Kind in seinem Jahrgang. Bühlers wollen ihn länger zu Hause behalten und ihn erst ein Jahr später in den Kindergarten schicken. «Er ist eher schüchtern und zurückhaltend. Ich hätte kein gutes Gefühl, wenn ich ihm diesen Weg zumuten würde. Was wäre denn, wenn er mal krank wird und ich ihn nicht gleich holen kann?» Hier oben in Mürren sei man an die Seilbahn gebunden. «Man kann nicht einfach ins Auto springen und hinunterfahren», sagt die zweifache Mutter. Obschon die Begleitung auf dem Schulweg gut organisiert sei, findet Belinda Bühler, dass die Gemeinde und die Schule an den Kindern vorbeigedacht haben. «Die individuellen Persönlichkeiten der Kinder wurden nicht berücksichtigt.»

Belinda Bühler, Mürren
«In kleinen Klassen konnte der Lehrer gut auf uns eingehen.» Belinda Bühler, arbeitet bei Stäger-Sport in Mürren

Für Thomas Egger, Nationalrat und Direktor der Schweizer Arbeitsgemeinschaft für Berggebiete (SAB), ist eine Schulschliessung einer der schmerzlichsten Eingriffe für eine Gemeinde, «das wirkt wie ein Todesstoss». Ein Dorf verliere einen Teil seiner Identität. «Zudem ist es sehr schwierig, eine Schule wiederzueröffnen, wenn sie einmal geschlossen ist.» Egger, der die Schulschliessungen in entlegenen Regionen schon länger mit Besorgnis beobachtet, sieht ein Potenzial in der Digitalisierung. Er hat deshalb im Nationalrat die Motion «Impulsprogramm Digitalisierung an den Schulen» eingereicht. «Als Idee könnte man eine Art Coworking Space für Schüler in entlegenen Regionen einrichten.» Die Schüler wären über die Computer mit dem Lehrpersonal unten im Tal verbunden. «Dann müssten sie nicht jeden Tag pendeln, die Schule könnte erhalten bleiben, und das Dorf würde nicht an Attraktivität verlieren.»

Bald wird die Sonne untergehen. Aus der Schilthornbahn steigt eine asiatische Reisegruppe. Sie schlagen den Weg zum Dorfkern ein. Begeistert ­zücken die Touristen vor den Chalets ihre Selfiesticks.

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