14. September 2015

Einmal Cowgirl in Arizona sein

Zwischen Staub, Kakteen und Pferdemist: MM-Redaktorin Silja Kornacher lernte in der Wüste Arizonas, wie man das Lasso schwingt und was bei einem Klapperschlangenangriff zu tun ist.

Journalistin Silja Kornacher
Yippie-yay! Silja Kornacher schwingt das Lasso auf dem Übungspferd. (Bilder: Silja Kornacher & Barbara Hobi)

Die Flagge Arizonas besteht aus 13 Sonnenstrahlen und steht für die einzigartigen Sonnenuntergänge des Grand-Canyon-Staats. Tatsächlich bietet sich abends in Scottsdale, eine Autostunde von der Hauptstadt Phoenix entfernt, ein besonderes Spektakel: Die karge Steinlandschaft ist rot eingefärbt, die hohen Kakteen bilden die Skyline, und das Geröll verschluckt den roten Feuerball, begleitet von nichts als Stille und Grillengezirpe. Auch Arizona hat Gebirge, nur erinnert das mehr an das Zuhause der Familie Feuerstein. Als hätte ein mächtiger Riese die Steinbrocken durch die Gegend gestreut, bestehen die Berge aus aufeinandergestapelten Steinbrocken.

Der allgegenwärtige Kaktus

Das Wahrzeichen Arizonas wiederum ziert das Autokennzeichen: der Saguaro-Kaktus, der schon mal so gross wie ein Haus werden kann. Downtown Scottsdale wird einem sofort eine Limonade aus Prickly Pear angeboten, der Kaktusfrucht. Auch der Margherita im Hotel Four Seasons ist mit Kaktusfrucht angereichert. Und wo sind die Cowboys des Wilden Westens? Heute nennen sie sich Wrangler. Das Vieh treiben sie höchstens noch für eine Rodeo-Show zusammen. Sie packen auf den Ranches mit an, füttern Tiere, satteln Pferde, flicken Zäune und halten die Touristen zusammen.

So zum Beispiel Dennis (61), grauer Schnauzer, schwarzer Hut, ordentlich gebügeltes Hemd, Bluejeans. Er arbeitet seit 35 Jahren im Cowboy-College, wo Arizona-Besucher für ein paar Tage in die Welt der Cowboys eintauchen können, in Baracken schlafen, den ganzen Tag reiten, das Lasso schwingen und abends am Lagerfeuer sitzen. Ganz Cowboy 2.0 trägt Dennis statt Pistole im Holster das Smartphone in der Gürtelhalterung. «Wenn du wütend auf die Welt bist, verbringe zwei Minuten auf dem Pferd, und du bist es nicht mehr», sagt er.

Westernsattel sind schwer
Howdy-Ruck: Westernsattel sind ganz schön schwer.


Im Cowboy-College sind auch Cowgirls willkommen: So absolviere ich heute einen Tag Bootcamp und muss erst lernen, wie man ein Pferd richtig striegelt, sattelt und halftert. Etwas ratlos stehe ich auf dem Vorplatz zwischen Pferdeboxen und Sattelraum, die Sonne brennt vom Himmel. Das letzte Mal sass ich als 12-Jährige auf einem Pferd, und welcher Gurt durch welche Schnalle kommt, will mir nicht mehr in den Sinn. Dennis schwingt lässig den schweren Sattel auf das Pferd und zeigt mir sein Klappmesser: «Falls das Pferd scheut, kann ich das Halfter jederzeit durchschneiden.»

Elaine (34), eine stämmige Blondine mit einer eingängigen Stimme, will mir das Wesen des Pferds näherbringen und bestellt mich dafür in eine kreisförmige Reitarena. Vorher muss sie aber das Hängebauchschwein verjagen. «Miron, hau ab, wir müssen arbeiten!», sagt Elaine. Das Hängebauchschwein fresse die Klapperschlangen, sagt Elaine, ignoriert meinen ungläubigen Blick und schnalzt mit der Zunge. Das Pferd trabt artig im Kreis. «Reiten ist der gefährlichste Sport der Welt», sagt Elaine. Ich schlucke leer. «Pferde sind nicht besonders schlau. Das Hirn eines Pferdes passt locker in deine Hand. Glaub mir, ich habe eines seziert», sagt Elaine. Elaine hat ein paar Semester Veterinärmedizin studiert und ist auf der Ranch auch Hufschmiedin und Tierärztin. «Ich kümmere mich um alles Tote oder Sterbende», sagt sie.

Artenreichtum in der Wüste

Die mexikanischen Arbeiter sitzen in der Sonne und hören Radio, die Hunde raufen, Vögel zwitschern, und ein Esel wiehert. Ein Jeep braust auf den Hof, der Sand stäubt. Ein Mann steigt aus. Ein Kunde, der sein Pferd hier untergestellt hat, erklärt Dennis. «Irgendwelche Anzeichen von Schlangen heute?», fragt der Mann. Dennis schüttelt den Kopf. Er sieht mein skeptisches Gesicht und versucht mich zu beruhigen: «Wenn du deine erste Klapperschlange triffst, wirst du es merken.» Danke dafür.
«Welche Tiere gibt es denn sonst noch hier in der Wüste?», frage ich Dennis. Er zuckt mit den Schultern. «Rotluchse, Schwarzbären, Berglöwen, Kojoten, Adler …» Er tätschelt dem kleinsten Hund den Kopf. «Auf den müssen wir aufpassen, sonst holen ihn die Kojoten.»

Zeena möchte nicht, wie ich will

Nach dem Putzen, Halftern und Satteln geht es los mit Reiten. Nach Elaines Einführung habe ich etwas Respekt. Ich steige auf Zeena, eine sanftmütige schwarze Stute, halte mich am Knauf des Westernsattels fest und bin froh, dass ich einen geliehenen Cowboyhut gegen die sengende Sonne und ein Bandanatuch als Staubschutz trage. Dennis bemerkt, dass ich schon schwitze. «Willkommen in Arizona! Im Sommer sind wir froh, wenn es endlich Nacht wird», sagt er. Als ich losreite, fragt Dennis: «Hast du auch dein Testament geschrieben?» Ganz schön frech, dieser Wrangler. Die einführende Reitstunde läuft tatsächlich nicht ganz so wie erhofft. Zeena möchte einfach nicht da hin, wo ich hin will. Elaine ermahnt mich, nicht zu zimperlich mit der faulen Zeena umzugehen: «Kick her like you mean it!» («Trete sie und meine es auch!») Ich drücke meine Stiefelabsätze in den Pferdebauch und hoffe, dass es sich anfühlt, als würde ich es meinen.

Später zeigt mir Elaine, wie man ein Lasso richtig schwingt. «Stell dir vor, du wirfst dir einen Umhang über die Schulter», erklärt sie. «Dann schwing das Lasso vor dem Kopf und wirf es wie einen Baseball ab, sodass es wie ein P liegt.» Natürlich weiss ich als Schweizer Mädel nicht, wie man einen Baseball wirft. Und das Lasso liegt auch nicht wie ein P. Aber immerhin schaffe ich es nach zwei Stunden hartem Training und etlichen Verknotungen, vom Übungspferd aus Stahl ein auf einer Schiene fahrendes Übungskälbchen einzufangen. Ich bin stolz wie Oskar.

Die Rache des Kaktus

Zum Schluss des Cowgirl-Bootcamps kommt der Teil, der Spass macht: Ein Ritt durch die Wüste, im Schritt und Trab durch die Kakteenlandschaft. Zu den Saguaro-Kakteen hat Cowgirl Elaine auch eine Räubergeschichte parat: «Hier hat mal ein Mann rumgeballert und einen Kaktus getroffen. Der fiel um und erschlug den Blödmann.» Das passiert in Arizona also, wenn man sich mit einem Kaktus anlegt. Survival of the fittest.

Ab und zu kommt der Hund hinkend zurück, weil er sich einen Stachel eingefangen hat. Er geht mit hängender Zunge im Schatten meines Pferdes. «Gutes Zeichen», kommentiert Elaine. «Ein altes Coybow-Sprichwort sagt: Wenn nicht einmal ein Hund in deinem Schatten sitzen will, kann man dir nicht trauen.»
Mit dem zweistündigen Ausritt ist für mich ein alter Mädchentraum in Erfüllung gegangen: mit Hut und Hemd, das Zügel lässig in einer Hand, durch den wilden Westen reiten. Als ich absteige, schlingere ich wie nach dem Schlittschuhlaufen und denke: Ich kann nie wieder in meinem Leben normal gehen.

Reiten gilt hier als Abenteuer

Ganz normal gehe ich die nächsten Tage auch nicht. Mich plagt höllischer Muskelkater. Die Hacken zeigen nach aussen, die Schritte sind breit, damit sich die schmerzenden Schenkel nicht unnötig berühren. Ich habe die typischen O-Beine eines Cowgirls. Da hilft nur eines: sofort wieder aufs Pferd. Auf der White Stallion Ranch, einer Gästeranch weiter im Süden bei Tucson, gibt es täglich bis zu sechs Gelegenheiten dazu. Hier gilt das Reiten nicht als «gefährlichster Sport der Welt», sondern als «Abenteuer», wie in grossen Lettern auf dem Gatter steht.

Auf der White Stallion Ranch mache ich mit meiner ersten Klapperschlange Bekanntschaft. Aber nicht in freier Wildbahn: Sie liegt zusammengerollt in einem Glasbehälter und ist Teil einer abendlichen Show über Wüstentiere. Der Showman, ein Koloss von einem Mann, zaubert Skorpione, Taranteln und Schlangen aus Behältern und stolziert mit ihnen auf der Hand herum, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt. Über Arizonas Klapperschlange hat er Folgendes zu sagen: «Wenn ihr gebissen werdet, versucht nicht, sie zu töten, bringt auch nicht ihren Kopf ins Krankenhaus, um den Leuten zu beweisen, welche Rasse es war. Sie behandeln euch eh mit dem gleichen Gegengift.»

Wie im Wilden Westen

Die White Stallion Ranch, eine von Arizonas rund 12 Gäste-Ranches, bietet alles, was man sich unter einem Ort im Wilden Westen vorstellt: In der staubigen Einfahrt steht ein Windrad, dahinter die Rodeo-Arena und eine kleine Westernstadt, vor dem Büro wehen die Landesflaggen aller Gäste im Wind: Hauptsächlich England, Frankreich und die USA sind vertreten. Hier gibt es erschwingliche Ranch-Zimmer im Haciendastil direkt angrenzend an die Pferdekoppel. Das Abendessen wird kollektiv neben dem riesigen Grill eingenommen, jeder kennt sich hier mit Vornamen, die Eigentümer drehen selbst die Spare-Ribs um.

Abgesehen von abendlichen Wüstentiershows oder Linedancekursen stehen hier Reitferien im Vordergrund. Fortgeschrittene nehmen nachmittags am «Group rattle» teil, einem Teamevent, bei dem man galoppierend Rinder eintreibt. Wer auf den schnellen Ausritt mit Galopp und Trab möchte, muss erst vor dem Wrangler in der Arena seine Reitkünste unter Beweis stellen.
Für die Feinschmecker auf der Ranch gibt es den Wein-Käse-Ritt, für die harten Typen und angehenden Cowgirls wie mich den Bier-Cheetos-Ritt, bei dem man nach einer Stunde gemütlichen Ausritts im Schritttempo inmitten von Stachelsträuchern und Felsbrocken auf Picknicktischen Chips futtert und seine müden Glieder ausstreckt.

Berufswunsch Cowboy?

Dass beim Bier-Ritt nur weibliche Reiter dabei sind, liegt wohl an Wrangler Jonathan (24), einem langhaarigen Dunklen mit indianischen Gesichtszügen. Er trägt typische Fransenchaps aus Leder, aus denen er in der Pause fachmännisch mit einer Zange die Kaktusstacheln zieht. Die Ladys aus New Jersey, zwei dreifache Mütter, die ein verlängertes Wochenende auf der Ranch verbringen, fragen Jonathan Löcher in den Bauch. Sie wollen wissen, ob er schon als Kind davon geträumt hat, Cowboy zu werden. «Nope. Wollte ich nicht. Zum Reiten kam ich erst als Teenager», sagt er und zeigt mir seine strahlend weissen Zähne. Jonathan hat griechische Wurzeln und kommt auch aus New Jersey, ein Selfmade-Cowboy also. Als Jonathans Pferd beim Nachhauseritt wegen eines dornigen Zweigs scheut, bändigt er es gekonnt mit ein paar Zügelgriffen.

Während er lässig auf dem Sattel herumrutscht, um die Gruppe im Blick zu behalten, erzählt er vom kräftezehrenden Alltag eines Wranglers: wenig Schlaf und Privatsphäre, immer auf den Beinen, immer dreckig. Dafür hat er auf dem Pferderücken die Zeit seines Lebens, und Frauen lernt er auch jede Menge kennen, sagt er und schmunzelt.

Dem «Tumbleweed» zuschauen


Alles in Arizona gleicht einer Filmkulisse für einen Western: verlassene Tankstellen, grasende Rinder, rote Felsen, Steppengräser und Kakteen in allen Formen. Wer sich ein Mal wie John Wayne höchstpersönlich fühlen will, sollte der Tombstone Monument Ranch einen Besuch abstatten. Sie liegt wenige Kilometer neben der alten Goldgräberstadt Tombstone, der Stadt «too tough to die», zu zäh zum Sterben. Das Städtchen ist mittlerweile ganz auf Touristen ausgerichtet: Stündlich werden Schiessereien nachgestellt, in den Souvenirläden kauft man Cowboystiefel oder Schmuck aus Goldgräberzeiten oder lässt ein nostalgisches Foto am Saloon-Tresen schiessen.
Nach einer holprigen Autofahrt durch die raue Wüste ragt plötzlich die Gästeranch wie eine Original- Western-Stadt aus dem Staub. Hier wohnen die Touristen in der Post, in der Zeitungsredaktion oder wie ich im «Bordell». Vor dem Zimmer steht ein gemütlicher Schaukelstuhl, von dem aus man die vorbeireitenden Gäste beobachten kann.

Viel ist hier ja nicht los, aber ein bisschen Einsamkeit gehört zur Cowgirl-Erfahrung wohl doch dazu. Ich sitze in meinem Schaukelstuhl, schaue dem «Tumbleweed» zu, den Sträuchern, die über den Wüstenboden rollen, und summe die Melodie von «Spiel mir das Lied vom Tod». Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Geröll. Was bleibt, sind die Umrisse der Kakteen in der Dämmerung.

Diese Reportage wurde von Kaus Media Services und dem Arizona Office of Tourism unterstützt.

Bilder: Silja Kornacher

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