08. April 2019

Ein Bissen meiner Stadt

Bänz Friedli fragt sich, was das mit dem Böögg soll. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Messe-Weggen vom Quartierbeck
Wegen der Messe-Weggen trauere ich der Züspa nach.

O doch, man kann in einer neuen Stadt heimisch werden. So heimisch, dass man Fremden den Weg zu weisen vermag. Dass einem Winkel und Stimmungen vertraut sind, Cafés einen anheimeln, Marktstände, ein Coiffeurgeschäft, versteckt in einem Hinterhof. Und ein Sportplatz. Derjenige, auf dem man die beiden einzigen Tore seiner Karriere erzielt hat. Wobei «Karriere» ein zu grosses Wort ist. Aber immerhin: Seit einundzwanzig Jahren spiele ich in der neuen Stadt schon im selben Fussballklub – länger, als ich dem Turnverein meiner Kindheit angehörte, in dem ich es immerhin zum Leiter der Jugendriege, Redaktor der Vereinsnachrichten und Conférencier am bunten Abend gebracht habe. Sowie zum Hochspringer,Mittelstreckenläufer und Barrenturner am Eidgenössischen Turnfest – Winterthur 1984.

Doch, man wird heimisch in der neuen Stadt. Wenn man auch manches nie loswird: Meinen Dialekt habe ich behalten, den Berner Young Boys bin ich treu geblieben und dem SC Langnau sowieso. Und manches befremdet einen am neuen Ort noch nach vielen Jahren: Zum Beispiel, wenn erwachsene Männer – und zwar ausschliesslich Männer – in bunten Uniformen um einen brennenden Scheiterhaufen reiten, auf dessen Spitze ein Schneemann explodieren soll, und über die Dauer vom Entfachen des Feuers bis zum Augenblick, da die Figur ihren Kopf verliert, können sie am Lokalfernsehen dann stundenlang werweissen.

Mir erscheint der Brauch mit dem «Böögg» etwa so albern, wie es anderen albern erscheinen mag, an einem bitterkalten Novembermorgen in aller Herrgottsfrüh aufzustehen, um Zwiebeln zu kaufen, und sich später am Tag gegenseitig mit Plastikhämmerchen zu traktieren. An den «Zibelemärit» indes habe ich kindliche Erinnerungen, in so etwas muss man wohl hineingeboren sein. Ehrfurcht hatte ich als kleiner Bub vor der «Konfettischlacht», ja: Angst. Erst später erwachte die Lust darauf. Und blieb mir geläufig wie einem Genfer die «Escalade», einer Thunerin der «Fulehung», den Menschen im Lötschental die «Tschäggättä» und den Ausserrhodern die Silvesterchläuse. Kümmern einen Traditionen demnach nur da, wo man aufgewachsen ist? O nein! Der Züspa trauere ich nach. Nicht der Messe an sich, ich war ein einziges Mal dort. Aber stets zur Züspa-Zeit hatte unser Quartierbeck Messe-Weggen im Angebot, in einer süssen Variante und einer salzigen mit Speck. Sooo fein waren die! Wenn ich reinbiss, war das … «mein Zürich». Weshalb jedoch meine alte Stadt an ihrem wichtigsten Fest den Einzug des Winters feiert, derweil die neue den Sommer beschwört – dahinter bin ich noch nicht gekommen.

Bänz Friedli live: 11. 4. Rubigen BE, 16.–20. 4. Luzern

Die Hörkolumne (MP3)

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