28. April 2014

Ein Bauernhof wird versteigert

Bruno Furrer ist Gantrufer und manchmal Seelsorger der Bauern. Seit 40 Jahren versteigert er das Hab und Gut von Landwirtschaftsbetrieben - und leidet oft mit.

Gantrufer Bruno Furrer
Gantrufer Bruno Furrer lautstarkt im EInsatz auf dem Vorplatz eines Bauernhofs.

Wenn die Arbeit von Gantrufer Bruno Furrer (62) beginnt, endet nicht selten eine bäuerliche Existenz. So auch an diesem Samstag in Finsterwald im luzernischen Entlebuch. 45 Jahre lang hat Bauer Rudolf Haas mit seiner Frau auf dem gut fünf Hektaren grossen Hof den Betrieb geführt. Doch jetzt, mit 70 Jahren, ist Schluss. Und weil niemand den Hof übernehmen will, wird sein ganzes Hab und Gut versteigert. Fünf Stunden wird Furrer brauchen, um die Maschinen, die zwölf Stück Vieh, ja selbst kleinste Gerätschaften und Werkzeuge an den Mann zu bringen. Dann wird Haas einen leeren Stall vorfinden, eine leere Scheune. Und davor, merkt man, hat der Bauer ein wenig Angst. «Morgen habe ich nichts mehr», sagt er.

Furrer weiss, dass solche Tage für die Bauern nicht einfach sind. Trotzdem: Einmal habe ihm jemand gesagt, dass er der Totengräber der Landwirte sei. Das wollte Furrer nicht auf sich sitzen lassen. «Ich bin kein Totengräber. Ich gebe den Bauern Hoffnung. Dank mir können sie mit einem guten Batzen in einen neuen Lebensabschnitt starten.»

Ein guter Gantrufer ist auch ein wenig Entertainer

Seit über 40 Jahren ist Furrer als Gantrufer tätig. Zusammen mit seiner Frau Rita fährt er zur Gant oder versteigert auch Gewerbebetriebe oder Antiquitäten. Schon sein Vater übte diesen Beruf aus. So kam es, dass er bereits mit 21 Jahren die erste Steigerung leitete. «Das war perfekt. In jungen Jahren geht man noch unbeschwert an die Dinge heran. Dann kommen die Sprüche lockerer über die Lippen», sagt Furrer. Sprüche machen einen guten Gantrufer aus. Denn dieser ist auch ein wenig Entertainer. Nur wenn die Stimmung gut ist, sind die Leute in Kauflaune, weiss Furrer.

Auch im Entlebuch nutzt Furrer seine Erfahrung und Schlagfertigkeit, um die Leute mit einem flotten Spruch zum Lachen zu bringen. Es ist mittlerweile 10 Uhr morgens, die ersten Bierflaschen sind geöffnet, die Kafi-Schnaps zusammengemischt, und Furrer ist für die Steigerung bereit. Im Stakkato feuert er die Gebote ab: «700 Franken sind geboten, 750 dort hinten, machen wir 800? 850 hier vorne. 850 zum Ersten, zum Zweiten und, niemand mehr als 850? Zum Dritten.» Und schon ist die prächtige Trychle verkauft. Bei einem antiken Beil nimmt Furrer den Bieter auf den Arm: «Das wirst du wahrscheinlich dein Leben lang nie brauchen.» Das Publikum lacht. Es herrscht Volksfeststimmung. Ein Festzelt wurde aufgestellt, später spielt eine Ländlerkapelle auf.

«Für einen Gantrufer bin ich manchmal zu emotional»

Ein gutes Ambiente ist für eine Gant wichtig. Schliesslich möchte Furrer möglichst viel zu einem möglichst hohen Preis verkaufen. Wie hoch sein Anteil ist, will er nicht sagen. Die Maschinen hat er am Morgen mit dem Bauern geschätzt. «Ich schaue, dass der Preis fair bleibt. Ein guter Gantrufer lockt die Leute aus der Reserve, er setzt sie aber nicht unter Druck.» Trotzdem seien für ihn jene Steigerungen am Schönsten, welche die Erwartungen des Bauern erfüllen. «Wenn ich dann noch einige Zehntausend Franken darüber bin, kann ich zufrieden sein.»

Doch manche Steigerungen lassen Bruno Furrer traurig zurück, selbst wenn er ein gutes Ergebnis erzielt hat. Dann, wenn einer jungen Familie zum Beispiel durch einen Unfall der Vater genommen wurde. «Das geht mir sehr nahe», sagt er. Und selbst nach etwa 2500 Steigerungen in den letzten Jahrzehnten lassen ihn solche Dramen auch zu Hause nicht los. «Das ist wohl meine grösste Schwäche. Für einen Gantrufer bin ich manchmal etwas zu emotional.» Um die negativen Gedanken loszuwerden, spult er dann am liebsten einige Kilometer auf seinem Rennrad ab oder hilft dem Schwiegersohn auf dem Bauernhof, der in Mosen im Kanton Luzern liegt.

Anwesende beobachten die Arbeit von Gantrufer Furrer interessiert.

Diesmal, im Entlebuch, scheint es eine gute Auktion zu werden. Die kleinen Geräte wie Viehhüter, Laubbläser oder auch prächtige Kuhglocken in allen Grössen gehen locker weg. Bauer Haas kann aber noch nicht so richtig aufatmen. Denn er weiss: Das Wichtigste steht erst am Nachmittag an. Dann kommen nämlich die grossen Maschinen und – viel bedeutender – sein geliebtes Original Braunvieh unter den Hammer.

Die Sorgen von Haas sind nicht ganz unbegründet, wie sich am Nachmittag zeigt. Zwar können die meisten Maschinen zu einem guten Preis verkauft werden, doch der grösste Posten, der erst einjährige Traktor, findet keinen Käufer. Da hilft es auch nicht, dass Furrer seine ganze Erfahrung einbringt, um den Preis in die Höhe zu treiben. Bei 45'000 Franken will niemand mehr mitbieten. Mindestens 50'000 hätte Haas aber erwartet. So hoch ist die Offerte eines Händlers, der nicht an der Gant anwesend ist. Furrer gibt niemandem den Zuschlag. «Das kann vorkommen», sagt er. «Doch allzu häufig sollte das nicht passieren.»

Der Bauer versteckt sich im Stall

Anders sieht es bei den Kühen aus. Furrer, der auch an Viehauktionen als Versteigerer tätig ist und über Fachwissen verfügt, prophezeite gute Gebote für die Tiere. Original Braunvieh ist eine selten gewordene Rasse, und die Händler reisen wegen ihr aus der ganzen Schweiz an. Tatsächlich erzielen die Tiere Spitzenpreise. Manche Kuh wird für 4000 Franken verkauft. Von all dem bekommt Bauer Haas nichts mit. Er versteckt sich im Stall. Er kann nicht mit ansehen, wie seine Kühe, um die er sich jahrelang gekümmert hat, verkauft werden. Erst als das letzte Gebot für die letzte Kuh gefallen ist, traut er sich wieder aus dem Stall. Ob er mit der Gant zufrieden ist? «Ja», sagt Haas. «Ich hoffe, die Kühe kommen an einen guten Ort.» Wie es sich wohl anfühlt, wenn nichts mehr da ist? Haas überlegt. «Morgen kann ich wohl etwas länger schlafen», sagt er.

Optimistischer ist Bruno Furrer nach der Gant. «Ich denke, wir haben die Erwartungen übertroffen.» Wie lange er noch Gantrufer sein wird, weiss er nicht. Vielleicht wird die Familientradition gar weitergeführt. Priska, seine 29-jährige Tochter, hat ihn schon mehrmals auf eine Gant begleitet. So auch im Entlebuch. Interesse hätte die Floristin schon, sagt sie. Sie habe ja einen guten Lehrmeister. Den Mut, eine Versteigerung durchzuführen, hatte sie bis jetzt noch nicht. «Ich wäre stolz, wenn sie meine Nachfolgerin werden würde», sagt Furrer.

Bilder: Daniel Winkler

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