18. November 2019

Ehrlich währt länger

Bänz Friedli (54) hat unrecht getan. Hier findest du auch die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Tigertatzen
Echte Tigerspuren – oder gefälschte? Bänz Friedli will es nicht wissen.

Alles, was er über Sex wisse, erzählt Jüre gern, habe er vom Küchenfenster aus gelernt. Vis-à-vis, im dritten Stock, hauste nämlich ein Pärchen, das sich seiner Lust am liebsten unter der Dusche hingab, in allen Variationen. Die beiden wähnten sich unbeobachtet, durch ihr Badezimmerfenster konnte man raus-, nicht aber reinsehen. Bloss war es verkehrt montiert. Sie sahen nicht raus, Jüre ennet dem Strässchen aber sah ihre Verrenkungen ganz genau. War das nicht eine Win-win-Situation? Die beiden, inzwischen alte Eheleute, wissen bis heute nicht, dass sie beobachtet wurden. Und Jüre hat viel gelernt.

Vielleicht sollte man gar nicht immer alles erfahren. Wissen Sie noch, das verliebte Paar, das sich an einem maledivischen Strand das Ehegelübde gab? Weiss gewandet und blumengeschmückt am weiss gedeckten Tisch auf weissem Sand, im kühlenden Schatten der Palmwedel, einen Drink aus einer Kokosschale schlürfend … Die Ringe lagen in perlmuttbehafteten Muschelgehäusen bereit, der Zeremonienmeister, weiss gekleidet auch er, sprach in der lokalen Sprache Dhivehi salbungsvolle Worte. Wäre es nicht schöner, die Liebenden hätten sich auf ewig an den Bildern laben können, wie sie zuletzt einen Baum pflanzten? Ein Filmchen des Gelübdes landete aber im Web, und jemand übersetzte, dass der «Priester» die beiden als «ungläubige Schweine» beschimpft und aufs Übelste geschmäht, ihnen missratene Kinder und alles Unglück der Welt gewünscht hatte. Die teure Traumhochzeit – entzaubert.

Wie gern bleibe ich im Glauben, dass wir im Dschungel Nepals, auf Elefanten reitend und im Jeep durchs Unterholz fahrend, dem Tiger stets ganz nah auf der Spur waren! Sahen wir ihn nicht sogar hinter einem Baum verschwinden? Jedenfalls stiessen wir dauernd auf frische Tigertatzenabdrücke. Ob die ein Angestellter des Nationalparks kurz zuvor mittels Holzstempel im feuchten Boden angebracht hatte? Ich will es nicht wissen.

Nur einmal war mir sofort klar, übers Ohr gehauen worden zu sein. Sommer 1984. Unsere Maturaklasse, Kernfach Zeichnen, auf Abschlussreise in Neapel. Fünf Taxis brauchte es, um uns vom Bahnhof zum Archäologischen Nationalmuseum an der Piazza Museo zu chauffieren. Bestimmt eine Fahrt von nur wenigen Minuten. Doch die fünf Chauffeure, in stummer Übereinkunft, fuhren uns im Konvoi via Umfahrungsautobahn rund um die Stadt, eine halbe Stunde lang. Es kostete viele Tausend Lire. Gestern erst habe ich die Strecke zur Stosszeit auf Google Maps gecheckt. Der kürzeste Weg führt tatsächlich über die Umfahrungsautobahn und dauert 28 Minuten. 35 Jahre lang tat ich Neapels ehrlichen Taxifahrern unrecht.

Die Hörkolumne herunterladen (MP3)

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