16. Juli 2018

Effektive Altruisten leben, um zu geben

Sie wollen in ihrem Leben so viel Gutes tun wie möglich: Die Effektiven Altruisten. Keine Einschränkung, sondern ein grosses Glück, finden drei Schweizer Mitglieder der globalen Bewegung.

Wie viel Gutes ist gut genug?
Eine Frage, die sich die Effektiven Altruisten immer wieder stellen müssen.

Wenn Ende Monat ein paar Franken übrig bleiben, kann man sie für die nächsten Ferien zur Seite legen – oder spenden. Letzteres tun viele häufig Ende Jahr, wenn Spendenaufrufe in den Briefkasten flattern und ihnen die Weihnachtszeit das Herz öffnet.

Vor allem diese Aufrufe würden dafür sorgen, dass Menschen spenden, sagt Georg von Schnurbein, Direktor des Center for Philanthropy Studies in Basel. Den meisten genüge dabei bereits der Akt des Spendens, «weil sie dadurch ein gutes Gefühl erhalten, den sogenannten Warm-glow-Effekt». Was mit ihrer Spende genau passiert, sei für die Mehrheit weniger wichtig, sagt von Schnurbein.

Anders ist das bei den Mitgliedern des Effektiven Altruismus (EA), einer weltweit aktiven Gemeinschaft, zu der auch Noémie Zurlinden gehört. Bei der 27-Jährigen landen gedruckte Spendenaufrufe direkt im Altpapier. «Ich spende nicht zufällig oder nach Gefühl, sondern gezielt und rational dort, wo ich mit meinem Geld möglichst viel Gutes tun kann.»

Bevor sie spendet, besucht sie jeweils Websites wie Givewell.org , auf denen Spendenorganisationen bewertet werden: Je transparenter diese ihr Geld einsetzen und je wirkungsvoller sie sind, desto höher fällt die Bewertung aus. Noémie Zurlinden hat im vergangenen Jahr an Give Directly gespendet, eine Organisation, die Direktzahlungen an Bedürftige in Kenia leistet. Ab und zu spendet Zurlinden auch an Sentience Politics , eine politische Denkfabrik, die sich für alle empfindsamen Wesen und vor allem für Tierrechte einsetzt.

Noémie Zurlinden wurde als Studentin von einer Freundin an ein Treffen von EA-Anhängern mitgenommen. Bis dahin kannte sie die Gemeinschaft nicht, obwohl sie im Thema längst zu Hause war: «Ich wollte schon immer die Welt verbessern», sagt sie. Doch erst am EA-Treffen habe sie erfahren, wie das am sinnvollsten gehe.

Während des Studiums der Volkswirtschaftslehre fehlte ihr oft das Geld zum Spenden. Inzwischen doktoriert sie im Bereich Entwicklungsökonomie und spendet etwa zehn Prozent ihres Einkommens. «Mit dem Rest führe ich ein einfaches Leben, ohne mich einschränken zu müssen.»

Es gebe viele Arten, den Effektiven Altruismus zu leben. «Die Frage ist eher, was einschränken heisst: Ich reise gern, brauche aber keine Luxusferien.» Da der Lebensstandard in der Schweiz sehr hoch sei, müsse man sich kaum einschränken, um Geld spenden zu können, sagt sie. «Wir sind schliesslich die wohlhabendsten Menschen auf diesem Planeten.»

Nichts tun ist keine Lösung

Mit 14 las Meret Schneider «Dialektik der Aufklärung» von Max Horkheimer und Theodor Adorno. «Der Satz ‹Es gibt kein richtiges Leben im falschen› hat mich sehr beschäftigt», sagt die heute 25-Jährige. Die Annahme, dass man sowieso nichts tun könne gegen die Armut auf der Welt, wollte sie nicht akzeptieren und nahm sich vor, dagegen anzukämpfen.

Mit 16 gründete sie die Grünen Zürich Oberland mit. Sie hat Umweltwissenschaften, Linguistik und Publizistik studiert und schliesslich bei der politischen Denkfabrik Sentience Politics als Kampagnenleiterin angefangen. Erst dort ist sie mit dem Effektiven Altruismus in Kontakt gekommen, obwohl sie schon länger nach dessen Regeln gelebt hat.

Im Gegensatz zu anderen EA-Mitgliedern spendet Meret Schneider nur einen kleinen Teil ihres Lohns, monatlich etwa 200 Franken, an verschiedene Organisationen. «Dabei handle ich nicht streng nach dem Effektiven Altruismus, sondern spende dort, wo in meinen Augen gerade am dringendsten Geld benötigt wird.» Das kann ein Gnadenhof für Tiere sein oder eine Kampagne von Greenpeace.

Statt zu spenden, zahlt sich Meret Schneider einen sehr tiefen Lohn aus. Sie ist inzwischen Geschäftsleiterin von Sentience Politics. «Ich hätte auch Börsen-Traderin werden und damit mehr Geld verdienen können. Aber meine Fähigkeiten nutze ich besser als politische Kampagnenleiterin.»

Meret Schneider ist leidenschaftliche Langstreckenläuferin. Bewegung ist ihr wichtig, Besitz hingegen gar nicht: «Dafür habe ich mich nie interessiert. Ich kaufe auch keine Kleidung, alles, was ich trage, habe ich geerbt.» Wenn sie Freunden ein Geschenk mitbringt, gibt sie dafür nur
wenig Geld aus: «Ich kann gut kochen und schenke darum gern Pestosaucen, Konfis oder Biskuits.»

Auf Flugreisen verzichtet sie, aber nicht auf die Ferien: «Man muss sich schon auch etwas gönnen. Aber ich verbringe meine Ferien bewusst und ohne Luxus.» Zum Beispiel geht sie
gern in den Bergen wandern. Meret Schneider findet es wichtig, dass man bei der Karrierewahl seine Fähigkeiten und Interessen berücksichtigt. «Niemand kann langfristig etwas tun, das keinen Spass macht.»

Bereits gibt es Berufsberatung nach den Grundsätzen des Effektiven Altruismus. Die Organisation 80'000 Hours bietet dazu einen Leitfaden an, die Stiftung für Effektiven Altruismus zeigt mögliche Berufswege auf, und auf Facebook gibt es Stellenbörsen für Effektive Altruisten.

Laut dem australischen Philosophen und Ethiker Peter Singer, einem prominenten Vertreter des Effektiven Altruismus, ist es wichtig, sich selbst nicht zu vergessen. Man solle möglichst viel Gutes tun, jedoch auch auf das eigene Glück achtgeben, nur so könne man maximale Hilfe leisten.

Glücklich mit kleinen Dingen

«Viele verbinden logisches Denken mit emotionaler Kälte. Dabei passt es perfekt mit Emotionen zusammen», findet Jonas Müller, ebenfalls ein überzeugter EA-Anhänger. Der 31-jährige Softwareentwickler hatte schon immer das Bedürfnis, anderen zu helfen. «Ich glaube nicht, dass mich das anders macht. Jeder hilft doch irgendjemand.»

Hingegen begrenzt er seine Unterstützung nicht auf sein direktes Umfeld, sondern schliesst alle Bedürftigen ein. Als er nach dem Studium in Schweden bei einer Non-Profit-Organisation für Medienfreiheit arbeitete, glaubte er, bereits sehr viel Gutes zu tun. «Das tat ich auch, Medienfreiheit ist etwas Wichtiges.»

Er las dann aber Peter Singers Buch «Leben retten» und realisierte, dass er mit seinen Fähigkeiten noch viel mehr bewirken könnte. Als sein Vertrag in Schweden auslief, erhielt er mehrere Jobangebote, darunter ein ziemlich lukratives aus der Schweiz. «Mir wurde bewusst, dass ich mit diesem Gehalt sehr viel mehr Gutes tun kann als bisher, weil ich mehr spenden kann.»

Das Prinzip, einen gut dotierten Job anzunehmen, um möglichst viel zu spenden, heisst im EA-Jargon «Earning to give» – verdienen, um zu geben.

So zog Jonas Müller vor einigen Jahren in die Schweiz, seither hat er seinen Spendenbetrag konstant erhöht. «Im Moment sind es etwa 55 bis 60 Prozent meines Gehalts. Ich habe mir das nicht als Ziel gesetzt, es ist einfach das, was übrig bleibt.» Allerdings hat er seinen Lebensstil seit dem Studium auch nur leicht geändert und lebt bescheiden.

Trotzdem: Er geht in die Ferien und leistet sich Dinge, die ihm wichtig sind. «Aber ich kaufe mir nie Überflüssiges.» Studien hätten gezeigt, dass jeder Mensch ein bestimmtes Glücksniveau habe. Bei jeder Anschaffung nehme das Glücksgefühl kurz zu, pendle sich danach aber wieder auf dem bisherigen Niveau ein. «Statt einer teuren Anschaffung kaufe ich mir öfters kleine Dinge, das macht mich am Ende glücklicher.» Eine Glace zum Beispiel oder ein spezielles Bier.

Jonas Müller spendet sein Geld vor allem an zwei Organisationen: an die Stiftung für Effektiven Altruismus , damit ihre Ansätze in der Welt kommuniziert werden, und an die Animal Charity Evaluators , die gemeinnützige Organisationen evaluieren, die sich für das Tierwohl einsetzen.

So wenig Ressourcen wie möglich verbrauchen und so viel wie möglich spenden: Damit geben sich die Effektiven Altruisten aber noch nicht zufrieden. Die meisten essen kein Fleisch oder achten zumindest auf einen bewussten Konsum: «Ein Freund erklärte mir mal, es sei doch eigentlich wahnsinnig, Tiere leiden zu lassen, obwohl wir nicht auf Fleisch angewiesen sind», sagt Meret Schneider. Seither ernährt sie sich vegan.

Noémie Zurlinden will nicht ausschliessen, später einmal Kinder zu haben. Obwohl
andere EA-Anhänger für sich entschieden haben, keine Kinder zu bekommen, und mit dem Geld, das ein Kind kostet, Menschen zu retten. «Aber ich glaube nicht, dass ich nur wegen des Effektiven Altruismus’ auf Kinder verzichten könnte. Wenn man dadurch unglücklich wird, ist das nicht sinnvoll.»

Auch Jonas Müller sieht es so: «Wenn man Kinder möchte, um glücklich zu sein, ist es nur richtig, auch welche zu haben.» Meret Schneider möchte keinen eigenen Nachwuchs. «Es gibt so viele Kinder auf dieser Welt, die ein Zuhause bräuchten. Wenn überhaupt, dann würde ich adoptieren.»

Die wichtigsten Probleme anpacken

Die EA-Bewegung ist stark gewachsen, heute zählen Menschen aus aller Welt und allen Gesellschaftsschichten dazu. Mit der Prominenz und Beliebtheit wächst aber auch die Kritik. Verfechter radikaler Ansichten argumentieren beispielsweise, dass es rationaler sei, körperlich stark behinderte Menschen sterben zu lassen, wenn sie dies wollten.

Denn mit dem Geld, das ihre Behandlung kosten würde, könne man vielen Bedürftigen helfen. «Ich glaube, dass solche Überlegungen nicht direkt etwas mit dem Effektiven Altruismus zu tun haben. Wir möchten den Menschen vor allem aufzeigen, was sie im Kleinen bewirken können», sagt Meret Schneider. Dieser Ansicht ist auch Noémie Zurlinden: «Solche Extrempositionen haben mit dem Effektiven Altruismus nichts zu tun.»

Spendenorganisationen bekämpften nur die Symptome, nicht aber die Ursachen der Armut, heisst es auch oft. Jonas Müller findet, dass dies nicht grundsätzlich so sei. Das beweise zum Beispiel die «Deworm the world»-Initiative . Sie unterstützt die Entwurmung von Kindern und sorgt somit dafür, dass diese regelmässig zur Schule gehen können. So wird der Bildungsstand erhöht, was langfristig eine stabilere Gesellschaft ermöglicht. «Eine so banale Sache wie eine Entwurmungstablette kann sehr grosse, langfristige Auswirkungen haben», sagt Jonas Müller.

Es sei egal, ob EA-Anhänger für Tierwohlorganisationen spenden oder ob sie gegen den Klimawandel kämpfen: Hauptsache, man identifiziere die wichtigsten Probleme, sagt Noémie Zurlinden. «Wir versuchen mit unserem Handeln, diejenigen Probleme anzupacken, die im öffentlichen und politischen Diskurs zu wenig Gehör finden.» Dass auch der EA nicht alle Probleme der Welt lösen kann, ist Jonas Müller klar. «Mir hilft der folgende Spruch: Niemand kann alle retten, aber jeder kann jemanden retten.» Der erste Schritt dazu ist eine bewusst getätigte Spende am Ende des Jahres.

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