18. September 2018

Eckart von Hirschhausen orientiert sich an Menschen mit Humor

Der deutsche Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen ist überzeugt, dass für jeden das Beste im zweiten Lebensabschnitt noch kommt. Deshalb hat er zusammen mit einem Freund ein Buch darüber geschrieben.

Eckart von Hirschhausen
Eckart von Hirschhausen weiss: Das Beste kommt noch. (BIld: Martin Leiss/Laif)

Eckart von Hirschhausen, Sie mussten sich neulich mit 51 Jahren Ihre erste Brille kaufen. Wie fühlen Sie sich?
Ich muss mich schon umgewöhnen. Die Brille ist der erste Hinweis darauf, dass die Gleitsicht in mein Leben kommt. Ich muss akzeptieren, dass mein Körper nicht mehr derselbe ist wie mit 20 Jahren.

Wie haben Sie sich beim Kauf gefühlt?
Der Verkäufer war ein Schlitzohr: Er versuchte, mir das schlechte Gefühl zu nehmen, indem er von einer Entspannungsbrille sprach und das Wort Gleitsichtbrille vermied. Mein Freund Tobias Esch, mit dem ich das neue Buch «Die bessere Hälfte» geschrieben habe, hat da eine andere Erfahrung gemacht. Sein Brillenverkäufer hat ihn total entmutigt; er teilte ihm mit, dass die menschliche Linse für ein Alter jenseits der 40 nicht gemacht sei. Aber wie alt sind Sie eigentlich? Das möchte ich immer wissen, wenn ich übers Älterwerden spreche.

Ich bin 24. Als Trost: Ich hatte schon immer eine Sehschwäche. Welche Symptome des Älterwerdens gibt es noch?
Ich habe es auch ein bisschen mit den Knien und dem Rücken, wie es sich gehört. Aber ich bin heilfroh, dass mich nichts Ernsthaftes plagt. Und ich konzentriere mich auf die Dinge, die besser werden. Vieles, was mir vor zehn Jahren noch sehr wichtig gewesen wäre, nehme ich nicht mehr so ernst.

Zum Beispiel?
Ich habe an meinem 50. Geburtstag entschieden, dass ich nichts mehr beweisen muss. Jetzt geht es in die bessere Hälfte, sagte ich mir. Jetzt ist es mein Ziel, die Freiheiten, die ich mir geschaffen habe, bewusster zu geniessen. Ich versuche nicht mehr, zu sein wie andere. Andere gibt es ja schon genug.

Wann beginnt denn die «bessere Hälfte»?
Wenn man erkennt, dass man mehr hinter sich hat, als noch vor einem liegt. Das ist erst mal bedrohlich, weil man mit Schrecken feststellt, dass das Leben nicht unendlich ist. Andererseits ist das der Moment, in dem man sagt: Wenn das Leben endlich ist, fange ich endlich an zu leben. Als junger Mensch denkt man, das eigentliche Leben komme noch. Wenn man den richtigen Job hat, das Haus gebaut, die Familie gegründet hat. Dann geht das Leben richtig los. Aber das Leben ist ja schon losgegangen. Deswegen glaube ich, dass der Charme in der Zeit zwischen 45 und 85 darin liegt, dass man persönlich reift und im besten Fall auch ein bisschen weise wird.

Ich zweifle noch ...
Da das nicht nur meine eigene Ansicht ist, habe ich mit Tobias das Buch geschrieben. Er ist ein Pionier in ganzheitlicher Allgemeinmedizin und Experte für die Neurobiologie des Glücks: Er hat sich jahrelang mit der Frage beschäftigt, wie Zufriedenheit und Glücksgefühle im Hirn entstehen. Unsere Thesen gründen auf wissenschaftlichen Daten.

Auf welchen denn?
Man hat herausgefunden, dass die Zufriedenheit im Laufe des Lebens der meisten Leute einer U-Kurve entspricht: Mit einer guten Portion Selbstüberschätzung geht man als Jugendlicher in die Welt hinaus. In der Lebensmitte kommt der Einsturz; es entsteht Stress, weil man das Erreichte verteidigen will. Danach tritt im besten Fall die Gelassenheit ein. Wenn man diese U-Kurve kennt, kann man schon in der Lebensmitte Stress vermeiden, weil man weiss, das das Bonbon noch kommt – nach dem Motto: Jetzt tut es kurz weh, aber danach wirds besser. Das ist unsere Botschaft an alle, die in der Rushhour des Lebens stecken, wenn sie kleine Kinder haben, ein Haus bauen und Karriere machen, die Eltern erkranken und sie selbst die ersten Zipperlein haben.

Ab wann geht es wieder bergauf?
Das ist natürlich unterschiedlich. Bei vielen zwischen 40 und 50. Bei mir äussert sich das so, dass ich nicht mehr wie ein Verrückter noch mehr Wissen sammeln muss. Ich habe verstanden, dass ich genug weiss, um etwas weiterzugeben. Jeder kann sich überlegen, was er anderen beibringen, was er pflanzen und was er leisten kann, um über sich hinauszuwachsen. Das muss nichts Öffentliches sein. Vielleicht liest man einem Kind vor oder hilft dem Nachbarn. Die Oma kümmert sich um ihre Enkel, gibt ihnen ihre Werte weiter. Das ist wichtig für alle Generationen.

Das Weitergeben macht zufrieden?
Genau. Ich habe einen Lehrauftrag für Sprache in der Medizin und geniesse die Vorlesungen. Das ist eine Freude, die mir heute mehr bedeutet als vor zehn Jahren. Diese Vorboten des Alters machen Lust auf mehr. Das ist unsere Grundidee:Denkt positiv!

Altersarmut, Schicksalsschläge oder Krankheit: Das sind doch reale Themen.
Es geht nicht darum, eine rosa Brille aufzusetzen und zu denken: Alles wird gut. Es gibt im Buch auch ernste Kapitel über Depressionen, Krebs und Schmerzen. Diese Themen sind Teil der Realität, aber nicht der überwiegende. Die Menschheit hat sich in den vergangenen Jahren einen Traum erfüllt: Heute werden wir älter als die Generationen vor uns. Das ist doch erst mal was Tolles.

Wir müssen begreifen, dass Älterwerden eine Chance ist.

Aber?
Man hört immer nur von demografischen Katastrophen. Die Schlagzeilen lauten: «Wohin mit all den Alten?» Wir müssen begreifen, dass Älterwerden eine Chance ist. Dann gehen wir auch anders damit um. Natürlich muss die Gesellschaft für Pflege sorgen und für die Integration älterer Menschen in die Gemeinschaft. Wir sind nicht naiv. Aber wir versuchen, eine Diskussion anzuschieben, die dem Zeitgeist widerspricht.

Der Zeitgeist lautet: nach der ewigen Jugend lechzen. Die Angst vor dem Altern ist also erklärbar – die Probleme sind lauter als die Senioren, die ihr Leben geniessen.
Das ist das Gleiche wie mit den Rechtspopulisten. Die sind auch keine Mehrheit, aber sie schreien lauter als alle anderen. Gegen diese Verzerrung wollen wir vorgehen.

Die Fakten in Ihrem Buch sprechen für sich: Die Chance, im Alter zufriedener zu sein, steht bei 10 zu 1.
Das lässt doch hoffen, oder? Natürlich nehmen mit 80, 85 die Einschränkungen zu. Aber vorher gibt es eine lange Periode, die es früher nicht gab: die Zeit nach der Pensionierung, die länger ist als die Pubertät, länger als die Ausbildungszeit. Sie gilt es zu gestalten – nicht schicksalhaft zu ertragen.

Wie verbringt man diese Zeit am besten?
Indem man sich auf sie vorbereitet. Es gibt Leute, die nicht über die Pensionierung hinausdenken. Man sollte sich früh fragen: Wer und was ist mir wichtig? Oft denken Menschen erst über ihre Prioritäten nach, wenn sie einen Herzinfarkt hatten oder an Krebs erkrankt sind: Mensch, was tue ich eigentlich mit meiner Zeit!? Das kann man sich auch schon früher fragen, ohne krank zu sein.

Ist man selbst schuld, wenn man im Alter nicht glücklicher ist?
Es gibt Menschen, die schon mit 20 und 30 nicht zufrieden waren, und solche, von denen wir viel über ein gelingendes Leben lernen können. Im Buch erzählen wir die Geschichte von Dagmar Marth, die mit Mitte 20 bei einem U-Bahn-Unfall Arme und Beine verloren hat. Inzwischen ist sie Beraterin für Menschen, denen eine Amputation bevorsteht. Sie hat aus dem Schicksalsschlag das Beste gemacht. Es ist ermutigend, mit Leuten zu sprechen, denen nicht alles in den Schoss gefallen ist. Wenn die ihr Leben meistern, kommen mir meine Gleitsichtprobleme plötzlich klein vor.

Das Älterwerden ist etwas, das wir positiver gestalten können:. Indem wir uns engagieren und um andere kümmern.

Alter ist, was man daraus macht?
Genau. Und man altert auch so, wie man lebt. Das Glück im Alter fällt nicht plötzlich vom Himmel. Das Älterwerden ist etwas, das wir positiver gestalten können, als die meisten es sich vorstellen. Indem wir uns engagieren und um andere kümmern.

Sie und Tobias Esch sind Ärzte. Sie wissen also bestens Bescheid über den Verfall des Körpers. Was ist die Aufgabe der Medizin in der zweiten Lebenshälfte?
Die Medizin hat sich angewöhnt, die Allmächtige zu spielen. Sie tut so, als sei das Alter eine Krankheit. Sie behandelt jeden Toten wie einen Betriebsunfall. Das ist für beide Seiten Unsinn: Die Ärzte können diesem Anspruch nicht gerecht werden, und die Patienten erwarten zu viel von der Medizin. Sie verpassen dadurch das, was wirklich wirkt, nämlich an ihrer Lebensweise zu schrauben. Wir erwarten von der Medizin oft Wunder. Und die Medizin bedient diese Erwartung, indem sie zu viel macht: zu viele Medikamente, zu viele Operationen. Die Rolle der Medizin muss sein, dass sie den Patienten keine Dinge aufdrückt, die sie nicht brauchen. Die Medizin soll die älteren Leute begleiten, mit ihnen gemeinsam Entscheide fällen. Wir nennen es so: die Leitplanken bilden. Man kann dafür sorgen, dass jemand nicht aus der Kurve fliegt.

Sie raten auch, vermehrt zu tanzen.
Das Tanzen trainiert den Körper und den Geist – und macht Spass. Zudem verbindet es die Menschen. Ärzte sollten den Patienten raten, einmal pro Woche zu tanzen, statt ihnen Ausdauersport zu verschreiben. Das krieg ich als Arzt ja selber nicht hin.

Was Sie auch empfehlen, sind Vorbilder.
Weil sie uns zu sich hinziehen. Unsere Vorbilder haben ein Leben gelebt, das dazu geführt hat, dass sie auch mit 80 Jahren noch neugierig, humorvoll und sinnorientiert sind. Wenn alle Leser des Migros-Magazins sich überlegen, wer eigentlich ihre Vorbilder sind, hat das einen massiven Einfluss darauf, welche Entscheidungen sie heute treffen.

Wer ist denn Ihr persönliches Vorbild?
Ich habe sehr viele Vorbilder, zehn davon findet man im Buch. Auch mein Vater zählt dazu. Während meine Mutter uns Kindern das soziale Vorbild war, steht mein Vater für das Wissen und das Lernen. Er hat mich geprägt – Humor zum Beispiel ist für ihn ein Lebens- und Überlebensprinzip.

Während meine Mutter das soziale Vorbild war, steht mein Vater für das Wissen und das Lernen.

Was hat Humor mit dem Altern zu tun?
Der Humor ist für mich ein Zeichen für persönliche Reife. Humor ist ein Lebenselixier, das uns mit Widersprüchen leben lässt. Man muss sich an Menschen orientieren, die Humor haben. Denn er ist ansteckend.

Hand aufs Herz: Wären Sie nicht gern wieder mal 24, würden die Nacht durchmachen und um fünf Uhr morgens mit Ihrer Freundin Spaghetti in der WG-Küche kochen?
(Lacht) Nein, denn das hatte ich ja. Und das hatte durchaus seinen Reiz. Inzwischen weiss ich, dass ich nichts verpasse, wenn ich um 24 Uhr statt um 3 Uhr nach Hause gehe. Die Jugend ist geprägt von der Angst, etwas zu verpassen. Mittlerweile verbringe ich lieber einen Abend daheim, als dass ich mich in eine Diskothek begebe, wo ich schreien muss, um ein Bier bestellen zu können, und ganze Sätze ausgeschlossen sind.

Dass das Beste noch kommt, ist also nicht etwas, das man sich in der Hängepartie der Lebensmitte einreden muss?
Das dachte ich zuerst auch. Aber es geht objektiv der Mehrheit so – und zwar kulturübergreifend. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Zufriedensein im Alter wahrscheinlich in uns angelegt ist. Ich finde: Wenn du 24 bist, sei gerne 24. Und wenn du 54 bist, sei doch mit Freude 54.

Im Bewusstsein, dass man mal 24 war.
Und Sie können mir glauben, dass ich das auch mal war.

Worauf freuen Sie sich? Wie wird Eckart von Hirschhausen mit 70 leben?
Ich freue mich auf die Erntezeit. Auf ein Gefühl, das mich dankbar und zufrieden macht. Es gibt den schönen Satz: Leben kann man nur vorwärts, verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Vor 20 Jahren wusste ich nicht, wo ich heute stehen würde. Genau so möchte ich mich überraschen lassen bei der Frage, was in 20 Jahren sein wird. 

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