22. August 2017

Dutti in Schweizer Holz

Das Bundesamt für Umwelt lässt zwanzig berühmte Schweizer in Holz nachbilden, das aus hiesigen Wäldern stammt. Nun ist die Figur von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler enthüllt worden. Aus zäher Eibe direkt vom Uetliberg.

Die Woodvetia-Holzfigur von Migros-Gründer Gottlieb «Dutti» Duttweiler.
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Die wichtigste Eigenschaft einer gelungenen Statue ist die Wiedererkennbarkeit für den Betrachter. Als sich der Zürcher Bildhauer Inigo Gheyselinck anschickte, Gottlieb Duttweiler zu verewigen, griff er deshalb auf ein weithin bekanntes Foto des Migros-Gründers zurück:

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler in den 1950er-Jahren (Bild: MBG-Archiv)

Hut und Stumpen helfen bei der Wiedererkennung, bergen aber auch Gefahren: Wegen der Zigarre zeigen die Mundwinkel nach unten, was dem Gesicht einen ziemlich grimmigen Ausdruck verleiht. «Eine kleine Ungenauigkeit und plötzlich sieht Dutti wie ein böser Gangster aus», sagt Gheyselinck lachend. Das ist nicht geschehen, der 36-jährige Künstler ist zufrieden mit der Figur, die heute im Park im Grünen in Rüschlikon enthüllt wird.

Duttweiler ist eine von insgesamt 20 Holzfiguren berühmter Schweizer Persönlichkeiten, die Gheyselinck im Rahmen der Kampagne «Woodvetia» im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt schnitzt. Ziel ist es, die Öffentlichkeit für die Bedeutung der heimischen Schweizer Wald- und Holzbranche zu sensibilisieren.

Schweizer Holz hat es aus Preisgründen schwer gegen die ausländische Konkurrenz. Eine funktionierende Waldbewirtschaftung ist aber wichtig für das Land: Einerseits hängen an der Wertschöpfungskette viele Arbeitsplätze, vom Forstbetrieb und der Sägerei bis zur Zimmerei und Schreinerei. Andererseits bindet ein junger und gepflegter Wald mehr CO2, säubert und speichert mehr Wasser, was wiederum vor Erdrutschen schützt.

Alle zwanzig «Woodvetia-Figuren» werden deshalb aus Schweizer Holz gefertigt. Darunter befindet sich etwa die Schriftstellerin Johanna Spyri (Maienfelder Waldföhre), Skispringer Simon Ammann (Toggenburger Fichte) und Eisenbahn-Pionier Alfred Escher (Zürcher Eiche). Der jeweilige Baum soll aus dem Raum stammen, wo die Persönlichkeit lebte, und seine Art etwas über sie aussagen. Das Holz für die Figur Gottlieb Duttweilers stammt vom Zürcher Uetliberg, und zwar von einer Eibe. «Duttweiler war eine sehr spezielle Persönlichkeit, und die Eibe ist auch eine sehr spezielle Holzart», sagt Holzfachmann Christian Bider. «Sehr dauerhaft, sehr zäh.»

Er war hartnäckig, listenreich und manchmal ziemlich angriffig.

Eigenschaften, die auch Publizist und Duttweiler-Biograf Karl Lüönd im Migros-Gründer erkennt: «Er war hartnäckig, listenreich und manchmal ziemlich angriffig. Und gleichzeitig jemand, der es sehr gut mit Menschen konnte, weil er die Menschen mochte.»

Inigo Gheyselinck arbeitet an der Ton-Vorlage. (Bild: Agentur Rod)

Mit diesen Informationen und anhand von Fotos erstellt Gheyselinck zunächst eine Ton-Vorlage vom Kopf Duttweilers. In dieser frühen Phase hat Ton gegenüber Holz einen entscheidenden Vorteil: «Man kann hinzufügen, man kann abtragen, was Holz eben nicht erlaubt. Das ist ein langes Spiel, eine Annäherung und letztlich eine Verstärkung jener charakterlichen Elemente, die eine Person wirklich ausmachen.»

Gescanntes 3D-Modell Duttweilers. (Bild: Agentur Rod)

Die fertige Ton-Vorlage wird anschliessend mit einem 3D-Scanner erfasst und digital weiter verfeinert. Für den Rumpf posiert ein Mann mit ähnlicher Postur und Kleidung und wird ebenfalls eingescannt. Nun kommt erstmals das Holz ins Spiel: Die Daten aus dem 3D-Scanner werden in eine CNC-Fräse eingespiesen, die in hunderten Durchläufen Stück um Stück aus den Holzblöcken abträgt. Allein der Kopf Duttweilers braucht zwölf Stunden.

Mit den Daten aus dem 3D-Scanner kann eine CNC-Fräse den Kopf Duttweilers aus dem Holzblock herausarbeiten. (Bild: Roger Hofstetter/MGB)

Das Holz für den Kopf ist aus mehreren Stücken zusammengeleimt, um Risse zu verhindern. Anders beim Rumpf, hier sind Verwerfungen durchaus erwünscht: «Holz hat eine Struktur, Maserungen, Verästelungen, die ihm ein Leben einhauchen», sagt Gheyselinck. «Jeder Baumstamm ist ein Unikat mit seiner eigenen Geschichte, ohne die eine Figur austauschbar wird.»

Inigo Gheyselinck verleiht Duttweiler den letzten Schliff. (Bild: Agentur Rod)

Nach der CNC-Fräse ist wieder Handarbeit angesagt. In seinem Atelier im aargauischen Turgi verleiht Gheyselinck der Figur den Feinschliff. Anschliessend werden Kopf und Rumpf zusammengefügt, verleimt und die ganze Figur zum Schutz mit Öl behandelt.

Die fertige Holzfigur Gottlieb Duttweilers (Bild: Agentur Rod)

Auch Migros-Chef Herbert Bolliger ist von der Dutti-Figur angetan: «Er hat immer sehr langfristig gedacht. Neben dem unternehmerischen Erfolg auch Verantwortung für die Gesamtgesellschaft wahrzunehmen, das machte ihn speziell.»

Der faszinierende Prozess von der Auswahl des Baums bis zur fertigen Figur im Making-of-Video:

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