12. Oktober 2017

Durchs wilde Diemtigtal

Eine kurzweilige Wanderung von Diemtigen vorbei am Ägelsee, über Feldmöser und die Rinderalp hinab nach Zwischenflüh.

Anstieg zur Alp Feldmöser
Im warmen Herbstlicht: der Anstieg zur Alp Feldmöser
Lesezeit 4 Minuten

Ich gehörte zu den Kindern, die schon ab dem mittleren Lesealter gerne Welt-, Europa- und Schweizer Karten studierten, auch von Orten, zu denen ich keinerlei Bezug hatte und ziemlich sicher war, nie dorthin zu gelangen. Halb bewusst, halb unbewusst machte ich mir von einer Landschaft am Pult oder auf dem Bett eine Vorstellung. Nie aber wäre ich so naiv gewesen zu behaupten, ohne Besuch vor Ort würde ich nun ein Gebiet kennen. Und doch: Es gab einen bestimmten Bezug dazu ...

Umso attraktiver wurde es in der Jugend und als Erwachsener, gefasste Vorstellungen mit der Realität zu konfrontieren. Dadurch verschwinden sie ja nicht, werden auch nicht weggewischt - aber natürlich verändern sie sich. Und das mitunter stark. Denn meistens kann ein Talverlauf auf der 1:25'000-Karte (heute online öfter 1:10'000) mit engen oder weiter aufeinanderfolgenden Höhenlinien oder angedeuteten Siedlungsformen nicht erklären, wie das Gebiet aussieht, steht man wirklich drin. Schon gar nicht zeigt es einem die schrittweisen Veränderungen von Ansichten und Eindrücken, wenn man es durchläuft oder -fährt.

Umso stärker freue ich mich jedes Mal, wenn ich die Gelegenheit erhalte, ein auf der Karte und ein paar wenigen Bildern gesehenes Gebiet zum ersten Mal richtig in Augenschein zu nehmen. Unerklärlich bleibt nur, weshalb es bei ein paar Regionen so lange gedauert hat. Mein jüngstes Beispiel ist das Diemtigtal: Was hörte man über 30 Jahre nicht von Fans über die schöne Wanderregion, mindestens so sehr auch über das Variantenskigebiet am Wiriehorn und manchen Nebenhörnern. Ich stellte mir das Haupttal und die Anhöhen bis fast 2000 Meter Höhe immer lieblich vor, erst ganz in der Höhe würde es spektakulär.

Schöner Irrtum! Die mit möglichst viel Abwechslung zusammengestellte Wanderung von Diemtigen – per Postauto bequem alle zwei Stunden von der BLS-Station Oey/Diemtigen erreichbar – nach Zwischenflüh erschliesst neben dem lieblichen Bärgli-Rücken oberhalb des Hauptorts und dem unscheinbaren Ägelsee überraschend dramatische Abschnitte. Und dies in kürzesten Abständen.

Route DIemtigen - Zwischenflüh

Die Route (rot), auch als PDF zum Download (1500 x 1000 px / © swisstopo)

Es beginnt schon mit dem zweiten Teil des Aufstiegs nach Feldmöser. Wiesen- und dichte Waldstücke folgen sich im nirgends sehr steilen Fussweg, sobald die Wanderroute das Strässchen verlassen hat. Oben zeigt sich ein irgendwie grosszügiger und doch enger Talkessel, den man nur gerne verlässt, weil ein paar Felszacken und schroffe Fluhen einen geradezu hinauf zur Rinderalp ziehen. Kurz vor Erreichen des höchsten Punkts (etwas unter 1700 m ü. M.) erlebt man mit der aus drei bis vier unterschiedlichen Perspektiven bestaunten Felsfront ob Barlouene eine Art Mini-Creux-du-Van, der zum dahinter in die Höhe schiessenden Niesen und dessen Nachbarn im Südwesten den idealen Kontrast bildet.

Das wars noch lange nicht! Will man nicht ein knapp stündiges Intermezzo zum Besteigen des Abendbergs (mit schwindelnder Aussicht ins Haupttal und bestem Panorama von Niesen bis Wiriehorn) einschalten, folgt der gemütliche Spaziergang Richtung Brüüscht. Hier lassen die Anhöhen am Fuss des Turne im Westen und der Abendberg-Rücken erstmals nach dem Ägelsee wieder an ein lieblich-geruhsam eingebettetes Berner Alpheimetli denken.
Doch beim Hof Obers Blaachli erblickt man nicht nur das hintere Diemtigtal mit stärker bewaldeten Hängen oder das idyllische Seitental am Narebach, sondern in erster Linie die Schlucht des Gandgrabe, durch die wir (wohl oder übel) gesetzten Schrittes hinabsteigen. Sie eröffnet den Blick auf mal abwechslungsreich bewachsene Böschungen, zwei spektakuläre Seitenwechsel im Tobel, gegen Ende trotz anhaltender Steilheit auch hübsche Alpweiden und stattliche Oberländer Höfe, die etwas weniger putzig als die Vorzeigeexemplare in und ob Diemtigen wirken.
Kurzum: Das regelmässig den Charakter wechselnde Berggebiet im Diemtig- und teils Simmental war jeden Kilometer Fussweg wert. Und vielleicht sollte ich bereits beginnen, auf der Karte den hinteren Teil des Diemtigtals zu studieren ...

Geeignet für Wanderer mit mittelmässiger Ausdauer
Höhepunkt: Aussicht bei Erreichen der Rinderalp auf die Barlouene-Felsen
Pause: Bärgli, bei Feldmöser, kurz vor oder bei Erreichen der Rinderalp
Dauer: 4 Std. 45 (Laufzeit ohne Pausen)
Höhenmeter (bergauf): 920 m

Trümpfe der Wanderung Diemtigen-Zwischenflüh

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