22. Februar 2016

Durch das Land der Ayatollahs

Wer beim Stichwort Iran nur an graue Bärte und religiöse Fundis denkt, liegt völlig falsch: Reisende treffen auf eine junge, gastfreundliche Bevölkerung und auf Zeugen einer historischen Hochkultur, die sorgsam gepflegt werden.

Teheran
Teheran ist berüchtigt für seine ewigen Verkehrsstaus: Blick auf den nördlichen Teil der iranischen Hauptstadt, samt Gebirge im Hintergrund.

Dicht gedrängt flanieren junge, modisch gekleidete Frauen durch die Gänge der «M-Zone» und beäugen das reichhaltige Angebot der lokalen Modedesignerszene. Es gibt Häppchen, im Hintergrund läuft Popmusik, ein paar Leute sitzen an der Bar und trinken Kaffee oder frisch gepresste Säfte. New York? Paris? Schanghai? Falsch: Teheran, Hauptstadt der Islamischen Republik Iran.

Mitten im Getümmel befinden sich Maryam (17), ihre Zwillingsschwestern Saba und Sofi (16) und der gemeinsame Freund Amir (23). Die Töchter eines wohlhabenden iranischen Industriellen sind hier, um das Angebot zu begutachten und ihre Mutter zu unterstützen, die seit einigen Jahren gemeinsam mit einer Freundin Kleidung für die moderne iranische Frau entwirft.

Der regelmässig stattfindende Mode-Event ist eine ideale Gelegenheit, die von teheranischen Frauen praktizierte Kunst des Gerade-noch- Kopftuch-Tragens zu bewundern: Ausserhalb der eigenen vier Wände ist das Kopftuch zwar Pflicht, viele nutzen es aber als Modeaccessoire und tragen es so weit hinten, dass es noch knapp hält und das Haar erst recht zur Geltung bringt. «Nobody cares», sagt Maryam.

Sie und ihre Schwestern haben sich ihre Kopfbedeckung erst montiert, als sie die heimische Wohnung im Norden von Teheran verlassen haben.

Verbote, die kaum einer beachtet

Maryam (Mitte) und ihre Zwillingsschwestern Saba und Sofi in der Familienwohnung im Norden Teherans
Maryam (Mitte) und ihre Zwillingsschwestern Saba und Sofi in der Familienwohnung im Norden Teherans.

Und sie sind ebenso trendy gekleidet wie ihr Freund Amir, der sie mit seinem SUV durch das konstante Verkehrschaos der Hauptstadt chauffiert. Sie alle sind in Teheran aufgewachsen, als Kinder gut situierter Eltern, denen es nie schwerfiel, die vielen Regeln und Verbote der Islamischen Republik zu umgehen.

Amir war sechs Jahre lang in London und hat dort Modedesign studiert. Seit ein paar Monaten ist er zurück und will am liebsten sofort wieder weg: «Ich finde es schrecklich hier, die Menschen haben keine Ahnung von der Welt und müssen mit all diesen Unfreiheiten leben.» Sobald er ein neues Studentenvisum hat, will er zurück nach London, dort seinen Master machen und einen Job finden.

Auch die drei Schwestern wissen, wie es im Westen zugeht. Sie waren schon oft auf Reisen und sind online mit der Welt verbunden. Die vielen vom Regime zensierten Websites lassen sich mittels Tricks auch im Iran problemlos abrufen. Auch die neusten Filme und Songs sind per Download jederzeit verfügbar. «Wir leben ganz gut hier», finden sie. Dennoch planen alle drei, nach der Schule in Europa zu studieren. Saba und Sofi zieht es nach Genf. Und für Maryam ist klar: Sie will in Europa bleiben. Saba hingegen will ganz sicher wieder zurück, Sofi weiss noch nicht so recht.

Ihr Vater, der im Direktorium einer weit verzweigten Import- Export-Firma sitzt, unterstützt ihre Pläne. «Wenn sie in Europa bleiben möchten, dann umso besser. Sie werden dort ein friedliches Leben führen können.» Er lässt seine Töchter jedoch nur zu dritt um die ­Häuser ziehen – und wird immer ein bisschen nervös, wenn Amir dabei ist. Denn offiziell dürfen unverheiratete Frauen und Männer nicht zusammen unterwegs sein. «Ich sage immer, sie sollen sich doch zu Hause treffen. Aber ab und zu wollen sie eben doch raus», sagt er seufzend. Bisher ist noch nie etwas passiert, theoretisch könnte es jedoch Kontrollen der Religionshüter geben. Und Ärger.

Pedram (26) hat das am eigenen Leib erlebt. Der IT- Student aus Shiraz war vor ein paar Jahren wie schon so oft an einer privaten Feier. Partys, Tanzen und Alkohol sind streng verboten. «Alle waren schon ziemlich betrunken, als plötzlich die Musik aufhörte und Uniformierte auftauchten. Wir rannten in alle Richtungen davon.» Pedram gelang die Flucht, aber einige seiner Freunde landeten für fünf Tage im Gefängnis. «Die Eltern kamen, alle mussten unterschreiben, dass sie es nie wieder tun werden.» Er lacht. «Haben sie brav gemacht – und es trotzdem wieder getan.» In 99 von 100 Fällen passiere ja nichts.

Khomeinis strenger Blick

Die Bilder der beiden Ayatollahs sind im Alltag allgegenwärtig: Der verstorbene Revolutionsführer Khomeini (links) und sein Nachfolger Chamenei, der aktuelle Oberste Geistliche und mächtigste Mann im Staat.
Die Bilder der beiden Ayatollahs sind im Alltag allgegenwärtig: Der verstorbene Revolutionsführer Khomeini (links) und sein Nachfolger Chamenei, der aktuelle Oberste Geistliche und mächtigste Mann im Staat.

Die Regeln der Islamischen Republik Iran sind streng, die Strafen drakonisch. Überall begegnet man den Bildern der Ayatollahs, fast immer im Doppel: der 1989 verstorbene Revolutionsführer Khomeini und sein 76-jähriger Nachfolger Chamenei. Während Letzterer meist wie ein gütiger Grossvater milde lächelnd aufs Volk schaut, hat Khomeini stets einen strengen Blick – gleichsam als ewige Mahnung, bloss nicht gegen die vielen Gebote zu verstossen.

Aber alle Iraner, mit denen man spricht, sind sich einig: In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert. Sozialleben und Alltag sind liberaler geworden; man kann weitgehend tun und lassen, was man will, solange man offiziell den Schein wahrt.

Politische oder mediale Kritik in der Öffentlichkeit hingegen bleibt ein grosses Risiko. Kaum jemand will sich deshalb mit Namen zitieren lassen. Trotzdem hoffen alle, dass der Atomvertrag zwischen dem Iran und den Westmächten eine Entspannung bringt – und die darbende Wirtschaft des Landes wieder beleben wird. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Kapital für Investitionen, und so gut die junge iranische Bevölkerung ausgebildet ist, anständige Jobs zu bekommen, ist schwierig.

Auf einen Aufschwung hofft nicht zuletzt auch die Tourismusbranche, die seit dem Ende der Ahmadinejad-Präsidentschaft bereits spürbar zugelegt hat. Zu den Höhepunkten jeder Iran-Reise gehören die Ruinen von Persepolis, etwa eine Stunde von Shiraz entfernt. Die Stadt, 520 v. Chr. von Dareios I. gegründet, war das Herz des Perserreichs, das sich auf dem Zenit seiner Macht im Westen bis Libyen und zum Balkan und im Osten bis Indien und China erstreckte. Aussergewöhnlich war dabei die religiöse und kulturelle Toleranz: Die Perser zwangen ihren Untertanen weder ihre Religion noch ihre Sitten auf, solange sie ihnen regelmässig Tribut zollten.

Ein Relief in der Ruinenstadt von Persepolis, vor 2500 Jahren das Zentrum des persischen Reichs.
Ein Relief in der Ruinenstadt von Persepolis, vor 2500 Jahren das Zentrum des persischen Reichs.

Die gut erhaltenen Fresken in Persepolis zeigen denn auch zahlreiche Vertreter des Vielvölkerreichs, wie sie mit diversen Gaben aus ihrer Heimat zum König kamen, um ihm die Ehre zu erweisen. Die verbliebenen Säulen und Wände lassen nur erahnen, wie prachtvoll die Stadt damals gewesen ist, mit welchem Staunen und welcher Ehrfurcht die Gäste sie besucht haben müssen. In den wenigen Souvernirläden am Rande der Ruinen wird jedoch ein Buch verkauft, «Persepolis Recreated» , in denen Historiker die Stadt rekonstruiert haben - wunderschöne Paläste mit hohen Wänden und Säulen aus dunklem Stein, verziert mit goldenen Fresken und anderen Farben. Die Pracht hielt ­jedoch nur 200 Jahre: 330 v. Chr. eroberte Alexander der Grosse die Stadt, raubte ihre Reichtümer und brannte sie ab.

Persepolis ist einer der wenigen verbliebenen Zeugen jener alten Hochkultur, auf die die Iraner heute noch stolz sind. Es ist auch der Ort, wo man die meisten Touristen trifft, meistens Europäer, aber auch ein paar Asiaten und Amerikaner – obwohl es verglichen mit den Besuchern von antiken Stätten in Griechenland oder Italien noch nicht viele sind. Dabei lässt sich das Land auch als Individualtourist problemlos bereisen: Ein grosser Teil der Leute spricht Englisch, und in den Städten ist vieles auch in englischer Sprache beschriftet.

«Seit 2014 haben wir spürbar mehr Gäste im Land», sagt Mohsen Hajisaeid (34), Vizepräsident des iranischen Reiseleiter-Verbands. Ihm ist es gelungen, die Konferenz des Weltverbands der Reiseleiter (WFTGA) im Januar 2017 nach Teheran zu holen. «Wir haben Singapur ausgestochen», erklärt er stolz. Er interpretiert die Wahl als Anerkennung, dass Iran ein aufstrebendes, sicheres Reiseland ist – nur müssen das auch die Touristen noch mitbekommen. «Wann immer in der Region etwas Negatives passiert – der Krieg gegen den IS, Anschläge in Afghanistan –, bekommen wir das zu spüren, obwohl wir gar nicht betroffen sind.»

1001 Nacht in Isfahan

Mohsen Hajisaeid, Vizepräsident des iranischen Reiseleiter-Verbands.
Mohsen Hajisaeid, Vizepräsident des iranischen Reiseleiter-Verbands.

Hajisaeid ist sich bewusst, dass der Iran im Ausland ein eher negatives Image als gefährliches Land voller religiöser Fundamentalisten hat. Tatsächlich sei es aber nicht nur sehr sicher und gut organisiert, auch die Religion habe im Alltag der grossen Mehrheit keine besondere Bedeutung. «Wir müssen daran arbeiten, dieses Image zu verbessern», sagt er. Die grosse WFTGA-Konferenz 2017 soll dazu beitragen.

Allerdings fehlt es im Land auch an einer touristischen Infrastruktur, räumt er unumwunden ein. Auch dafür hat wegen der erst vor kurzem aufgehobenen Sanktionen der Westmächte das Investitionskapital gefehlt. «In Isfahan haben wir nur gerade zwei Fünfsternehotels, und die sind schon jetzt dauernd ausgebucht.»

Auch wir bekommen nur noch mit Glück unsere Zimmer im «Abbasi»: Die ehemalige Karawanserei wurde vor 50 Jahren zu einem Luxushotel umgebaut, dessen orientalische Schönheit Assoziationen mit 1001 Nacht weckt. In die damalige Zeit zurückversetzt fühlt man sich auch an einigen anderen Orten in Isfahan. Herzstück ist der Naqsh-e Jahan («Abbild der Welt»), ein riesiger Platz im Stadtzentrum, der 1590 unter Schah Abbas I. erbaut wurde und heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Einen Besuch wert sind auch der Palast und die zwei Moscheen am Rande des Platzes; insbesondere die Masdsched-e Emam (Imam-Moschee, vor der Revolution: Königsmoschee) kann es mit seiner mächtigen Kuppel und seinen feinen, bunten Mosaiken und Verzierungen locker mit den schönsten der Welt aufnehmen.

Das prächtige Herz von Isfahan: Der Naqsh-e-Jahan-Platz gehört heute zum Unesco-Weltkulturerbe.
Das prächtige Herz von Isfahan: Der Naqsh-e-Jahan-Platz gehört heute zum Unesco-Weltkulturerbe.

In den Arkaden rund um die fast neun Hektar grosse Fläche befinden sich zahllose Touristenläden, die übergangslos in den Basar münden, wo auch die Einheimischen ihre Einkäufe erledigen. Wer sich Zeit nimmt und bis zum Eindunkeln flaniert, wird regelmässig angesprochen – meist nicht, weil man etwas kaufen soll, sondern weil die Leute neugierig sind, Englisch üben möchten oder wissen wollen, wie Europa mit all den Flüchtlingen klarkommt. Die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen gegenüber Fremden ist enorm.

Das hat auch Trudi Falamaki so erlebt. Die quirlige 81-jährige Bündnerin lebt seit 1969 in Teheran und hat mit ihrem Mann, einem pensionierten Architekturprofessor der Universität Teheran, zwei Söhne grossgezogen. Kennengelernt haben sich die beiden 1957 in Italien, lebten zunächst auch dort und zogen dann in den Iran, der unter Schah Reza Pahlavi sehr westlich orientiert war. «Man konnte damals sehr gut hier leben», sagt sie. Aber dann kam die islamische Revolution und danach der lange Krieg mit dem Irak.

«1978 bot die Botschaft uns an, mit der ganzen Familie auszureisen und uns in der Schweiz niederzulassen, aber mein Mann wollte nicht. Er glaubte, er würde dort keine Arbeit finden. Also sind wir geblieben.» Ein Entscheid, den sie damals nicht weiter hinterfragte und auch heute nicht bereut, wie sie sagt. «Klar, es waren schwierige Jahre, die stetige Unsicherheit, die neuen islamischen Regeln. Wir hatten oft keinen Strom, kein Öl zum Heizen, Geld war notorisch knapp. Man wurde auf der Strasse ganz genau beobachtet, durfte als Frau nur Schwarz, Grau oder Braun tragen und Mäntel bis unter die Knie.»

Harte Zeiten machen stark

Die 81-jährige Bündnerin Trudi Falamaki lebt seit 1969 im Iran.
Die 81-jährige Bündnerin Trudi Falamaki lebt seit 1969 im Iran.

Viele Ausländer verliessen damals das Land, auch ihr älterer Sohn, der seit 1983 in Italien lebt. «Aber zu Hause war ich ja frei. Wir haben nicht aufgegeben, alles Schlimme geht mal vorbei. Zum Glück haben wir im Krieg niemanden verloren. Und harte Zeiten formen einen, machen einen stärker.»

In der Schweiz war Trudi Falamaki Lehrerin, im Iran war sie im Sekretariat eines Transportunternehmens tätig, wo sie selbst heute noch Teilzeit arbeitet. Daneben ist sie leidenschaftliche Flötistin und begleitet mit ihrer Gruppe gelegentlich Gottesdienste an Ostern oder Weihnachten, obwohl sie bei der Hochzeit ihren christlichen Glauben ablegen und zum Islam konvertieren musste. «Aber Religion war weder mir noch meinem Mann wichtig, also war das kein Problem.»

Die Schweiz besucht sie regelmässig, hier lebt noch immer eine Schwester. Dann isst sie gerne «Schwiinigs», insbesondere Würste, die sie im Iran nicht bekommt. Aber eine Rückkehr für immer ist kein Thema. «In den vergangenen Jahren hat sich vieles verbessert und gelockert, und mit dem neuen Atomvertrag besteht nun Hoffnung auf eine weitere Öffnung und auf wirtschaftlichen Aufschwung. Ich habe meine Familie, meine Arbeit und ­meine Freunde hier – der Iran ist mein Zuhause.»

Diese Reise wurde organisiert und unterstützt durch den Iran-Spezialisten Riahi Travel, Zürich

Bilder: Ralf Kaminski, Soheil Sarmedi

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