08. März 2019

Herrin im Backstage-Chaos

Beim Musical «Supermarkt Ladies» findet hinter der Bühne eine dreistündige Kostümschlacht statt. Dafür, dass alles glatt läuft, ist Susanne Ehrenbaum verantwortlich. Mit Nähzeug, Stirnlampe und Wodka-Spray.

Susanne Ehrenbaum hilft einem Schauspieler ins nächste Outfit.
Susanne Ehrenbaum hilft einem Schauspieler ins nächste Outfit. (Bild: Paolo Dutto)
Lesezeit 4 Minuten

Hinter den letzten Zuschauerrängen im Zelt steht die Luft. Das Publikum applaudiert und johlt. Davon, dass sich gleich hinter ihnen jemand bereitmacht, bekommen sie nichts mit. Sie steht still da. Mit Stirnlampe über den kurzen Haaren, einem Hamam-Tuch über der Schulter, einer Brille auf der Nase und einer Perücke in der Hand. Entspannt kaut sie Kaugummi und wippt im Takt eins der Lieder, die sie mittlerweile alle auswendig kennt.

Dann kommt Maskottchen «Sigi» angerannt, schält sich aus dem Plüschkostüm, wirft es auf den Boden, sie reicht ihm Tuch, Brille und Perücke. Auftritt. Mit schnellen Griffen legt sie die abgeworfenen Kostümteile in eine Tasche, stellt den Klappstuhl wieder unter die vollbesetzten Ränge und geht mit langen Schritten zurück hinter die Bühne.

Susanne Ehrenbaum ist Dresserin bei den «Supermarkt Ladies», einem Musical, das gerade durchs Land tourt. Damit ist die 40-Jährige für über 300 Kostümteile von 20 Darstellerinnen und Darstellern verantwortlich. Zweieinhalb Stunden lang zieht sie die Schauspieler an und aus. Sie reisst Klettverschlüsse auf, knöpft Blazer zu, schnürt Rollschuhe, bindet Fliegen und Schürzen, wärmt Halsketten in ihrer Hosentasche an, damit sie beim Anlegen nicht kalt sind.

Schon am Morgen auf Trab
Seit elf Uhr morgens ist sie hinter der Bühne, bereitet Garderobenplätze vor, deponiert Kostüme in allen Ecken, beschriftet, näht, klebt und nimmt jedes einzelne Teil in die Hände. «Susie, kannst du vielleicht», «Würdest du kurz», «Wo ist eigentlich» tönt es, sobald die Darsteller am Nachmittag dazustossen.
Strumpfhosen, die reissen, Socken, die verschwinden – in Ehrenbaums Funduskiste gibt es von allem genug. Darin liegen auch Sprühflaschen, beschriftet mit «Wodka». Und tatsächlich. Alles, was nicht gewaschen werden kann, wie das «Sigi»­Kostüm, wird damit eingesprüht.

Sechs Seiten Excel-Tabellen auf abgegriffenem Papier helfen Susanne Ehrenbaum, ihrem Mitarbeiter und besten Freund Björn B. Bugiel, die Übersicht zu behalten. Immer wieder stecken die beiden die Köpfe zusammen und klopfen Sprüche. Man sieht im Dunkeln die lachenden Münder unter den Stirnlampen.

Vor 15 Jahren zog Susanne Ehrenbaum in die Schweiz, nach Zürich, der Liebe wegen. Ihr Mann ist Klavierstimmer, gemeinsam haben sie eine siebenjährige Tochter. Gelernt hat sie Damenschneiderin, doch sie landete bald in einer Kostümschneiderei. Der zusätzliche Job als Dresserin habe sich spontan ergeben. Eine Ausbildung dafür gibt es nicht: «Learning bei doing.» Man müsse einen Blick dafür haben, wo geholfen, was vorbereitet werden kann, um den Schauspielern das Umziehen zu erleichtern.

Und offensichtlich sind Humor und ein entspanntes Wesen unabdinglich. Zu Hause sei sie ungeduldig, doch hier die Ruhe in Person. Auch wenn in 15 Sekunden aus Fritz Eggenschwiler die böse Königin wird und aus einer Truppe von Cats und Murmeltieren eine vermummte und schwer bewaffnete Polizeieinheit, raucht Ehrenbaum noch eine pantomimische Zigarette mit den Darstellern. «Ich liebe die Aufregung hinter der Bühne», sagt sie. Um ihren Hals liegt eine Perlenkette, um die Hüfte ein Nietengürtel.

«Ich liebe die Aufregung und den Trubel hinter der Bühne.»

Den ganzen Abend sprinten Schauspieler herbei, mehr oder weniger angezogen, greifen sich etwas, werfen etwas ab. Susanne Ehrenbaum dazwischen – weicht aus, liest auf, legt bereit. In ihrer Bauchtasche trägt sie eine Ersatzstirnlampe, Faden, Nadeln, Filzsift und einen Haufen Kaugummi mit sich. Den mag sie eigentlich nicht, aber bei so viel Nähe mit so vielen Menschen, kaut sie ihn fast permanent.

Lauter Irre aber sonst nichts los
Gerade schlingt eine Hexe die Arme um ihre Taille. Aus den Lautsprechern schallt es: «Mike Shiva hat immer recht» und ein Bauarbeiter kommentiert: «Susie hat es streng, mit den Irren hier.» Schon wieder kommen sie angerannt und reissen sich die Kleider vom Leib. «Ständig ist sie da, wenn ich mich ausziehe. Langsam fällt es auf», kommentiert der Märchenprinz. «Und ständig läuft sie mir hinterher», sagt der Verkäufer, dem sie im Vorbeigehen die Krawatte richtet.
Dann Finale, Applaus. Kleider auf die Bügel oder auf den Wäschehaufen. «Bitte», ruft Ehrenbaum einem Schauspieler dramatisch hinterher, «gib das bitte in die Wäsche!» und lacht. Es ist fast Mitternacht, und es gibt nur noch wenig zu tun. Susanne Ehrenbaums Fazit der Vorstellung: Eine kaputte Strumpfhose, ein wiedergefundenes Stirnband. Es war ein äusserst ruhiger Abend.

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