Leser-Beitrag
30. Juni 2017

Drei Wochen an ghanaischer Schule

Die 16-jährige Esrea Camenzind aus Luzern besuchte während drei Wochen ihren Grossvater in Ghana. Ein Erlebnisbericht.

Lesezeit 4 Minuten

Im Sommer 2016 reiste ich mit einer Freundin im Zug nach Holland zu meinen Verwandten. Natürlich besuchte ich auch meinen Grossvater, da er immer interessantes von seinen Projekten in Afrika zu erzählen hatte. Mein Großvater ist 84 Jahre alt und arbeitet seit über 20 Jahren für verschiedene Hilfswerke in Ländern wie Mexico, Brasilien, Namibia, Nigeria, Ghana, und Südafrika. Er hatte früher ein Baugeschäft und sein Wunsch war, nach seiner Pensionierung den Menschen in der dritten Welt zu helfen und ihnen zu zeigen, wie man Schulen und Häuser baut.

Mein Grossvater lehrt einerseits den Einheimischen das Handwerk und organisiert vor Ort mit den Behörden alles Nötige, um die Projekte auch zu verwirklichen. Dafür sammelt er Geld, um bestehende Projekte zu unterstützen oder um Neue ins Leben zu rufen.

Nach seinen mehrmonatigen Aufenthalten kehrt er immer wieder nach Holland zurück. Im Gepäck hatte er meistens schon ein neues Vorhaben, um den Ärmsten dieser Erde zu helfen. All seine Erzählungen und Erlebnisberichte berührten mich so sehr, so dass ich ganz schnell wusste: Da will ich unbedingt hin und auch mithelfen.

Ich erzählte meinem Grossvater, dass ich eine Lehrstelle gefunden sowie die obligatorische Schulzeit abgeschlossen hatte. Und es doch jetzt der richtige Moment wäre, um Ihn 3 Wochen lang in Afrika zu besuchen und ihn zu zu unterstützen.

Zu Hause angekommen, erzählte ich meinen Eltern von der Idee mit Afrika. Sie waren zunächst nicht überzeugt. Trotz Prüfungsstress war ich in Gedanken aber immer bei meinem Grossvater in Ghana und der Druck in der Schule wurde für mich immer unerträglicher. Schlussendlich konnte ich meine Eltern doch überzeugen, so dass sie mich in den Vorbereitungen sogar unterstützten und für mich einen Flug nach Ghana buchten. In der Kantonsschule Reussbühl hatte ich sogar noch die Möglichkeit mein Projekt zu erläutern und mit Kuchenverkauf Geld zu sammeln.

Bald war es soweit. Zum ersten Mal überhaupt betrat ich alleine einen Flieger. Glücklich und ohne Probleme bin ich um 22.30 Uhr Ortszeit in Accra gelandet. Als sich die Türe zum Besucherbereich öffnete konnte ich meinen Grossvater problemlos zwischen all den Menschen und einem bunten Wirrwarr von Unbekanntem auf einem Stuhl sitzend sofort ausmachen. Geradewegs flogen wir uns sozusagen in die Arme. Er war ausser sich vor Freude, dass ich, seine Enkeltochter zu ihm nach Ghana kam. Es war ein unbeschreiblicher Moment.

Mein Grossvater war in Begleitung von zwei Schul- und Kirchenvertretern, die ihn auf der rund 45 minütigen Autofahrt begleitet hatten. Da war also Felix, der Direktor der Schule und Pastor Tom. Auf dem Weg zum Auto kam plötzlich ein Mann auf meinen Grossvater zugelaufen, dem mein Grossvater Geld in die Hand drückte. Ich war natürlich neugierig und fragte ihn für was das denn war, worauf mein Grossvater sagte: Ja weisst du, das war dafür, dass ich im Flughafen auf dem Stuhl sitzen konnte. Aha sagte ich, verstand aber schnell, wie das in solchen Ländern wohl läuft.

Als wir vom Flughafengelände auf die Strasse kamen verschlug es mir gleich nochmals die Sprache. Dieser ganze Verkehr, all die Menschen, all die kaputten Autos, einfach alles ist ungewohnt und anders. Nachdem wir Accra und somit das Verkehrschaos, Stau, Slums und die neugierigen Blicke hinter uns liessen, fühlte ich wieder, wie die Hitzewelle über mich herzog. Die vielen Bilder und Eindrücke schockierten mich leicht.

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Hahn, der um fünf Uhr morgens krähte, geweckt. Bereits um diese Uhrzeit war es taghell und die Sonnenstrahlen durchströmten mit voller Wucht mein Zimmer.Mein Grossvater stellte mich verschiedensten Leuten vor. Viele sind Freunde von ihm, Lehrer oder Leute, die an der Schule arbeiten. Ich bekam nur schon an diesem ersten Tag sehr viele neue, spannende, aber auch traurige Eindrücke.

Die meisten Frauen tragen ihre Kinder in einem Tuch auf dem Rücken. Viele Kinder sieht man auch auf den Strassen im Chaos des Verkehrs, die versuchen etwas zu verkaufen. Beim Anblick der Autos erhält man das Gefühl, dass diese nächstens auseinander fallen. Überall laufen Tiere frei herum. Ziegen, Schafe, Hunde, Katzen und Hühner. Wie wissen die Menschen nur, wem welches Tier gehört? Wehe aber man fährt so ein Tier tot, dann ist der Besitzer schnell gefunden und der verlangt dann Geld dafür.

Am Montag ging es für mich in die Schule. Sie beginnt für rund 350 Schüler/innen mit Singen und Beten. Sie singen die ghanaische und holländische Nationalhymne (die Stiftung Building for Futur kommt aus Holland). Der gesamte Schulkomplex, bestehend aus 9 Schulzimmern, 3 Appartement, 1 Küche, 2 WC Anlagen, 3 Büros, wurde durch dieses Stiftung verwirklicht.

An meinem 4. Tag in Ghana bemerkte ich, dass es nicht immer Strom gibt. Um 19 Uhr fielen fast immer für zwei Stunden das Licht, der Kühlschrank und der Deckventilator aus. Auf einmal sass man in einem unwirklichen, dunklen und stickig heissen Appartement. Mein Opa erzählte mir, dass es vor einem Jahr noch viel schlimmer war.

Den Menschen in Ghana ist es sehr wichtig, dass sie viele Freunde haben. Alle fragten mich: «Do you want to be my friend?» Erwachsene und Kinder. Eines Tages kamen ein paar Kinder zu meinem Appartement und klopften an die Türe. Schlussendlich hatte ich viele neue Freunde.

Mein letzter Tag in Ghana war sehr toll. Da ich an einem Samstag zurückflog, hatte ich genau so wie die Kinder meinen letzten Schultag. An diesem Freitagabend hatte die ganze Schule eine kleine Show für die Eltern einstudiert. Mit Tanzen, Singen, Gedichte aufsagen und kleinen Theatervorführungen. Natürlich musste und wollte ich auch mitmachen. Ich habe mit einer Gruppe von sechs Mädchen mitgetanzt. Sie hatten mit mir drei Tage vorher den Tanz beigebracht, den wir dann bei der Aufführung präsentiert hatten.

Der Abschied war für alle sehr emotional und schmerzhaft – zumal es auch für meinen Grossvater Abschied zu nehmen galt. Ich war froh darüber, dass wir zusammen zum Flughafen fahren konnten und gemeinsam durch den Zoll gehen konnten. Mein Grossvater hatte 1 Stunde vor mir einen Flug nach Amsterdam.

Text und Bilder: Esrea Camenzind

Benutzer-Kommentare