21. September 2017

Donna Leon beschreibt keine Gewalt ...

... weil sie ihr widerstrebt. Die Krimiautorin wird am 28. September 75. Ihre Romanfigur Commissario Brunetti hat sie berühmt gemacht – nur nicht in Italien, wo vieles eigenen Gesetzen gehorcht. Ein Gespräch über italienische Toleranz, amerikanische Ignoranz, Schweizer Gegenentwürfe und ein Leben ohne Handy und Zeitung. Und welche Brunetti-Figuren ihre Lieblingsfiguren sind.

Donna Leon wird 75 Jahre alt
Lesezeit 7 Minuten

Donna Leon, in Ihrem neuesten Krimi «Stille Wasser» ermittelt Brunetti bereits zum 26. Mal. Hat sich Ihre Beziehung zum Commissario über die Jahre gewandelt?

Wir mögen uns noch immer sehr. Ich kenne ihn besser, weil ich ihm 26 Jahre lang zugehört habe.

Kann er Sie noch überraschen?

Immer wieder. Manchmal mag er Leute, die ich nicht ausstehen kann, oder er ärgert sich umgekehrt über Leute, die ich toll finde.

Brunetti kommt in «Stille Wassser» einem Umweltskandal auf die Spur, unternimmt am Ende jedoch nichts. Wird er alt?

Ach, was! Siamo in Italia. Stellen Sie sich vor, Sie als Journalistin würden etwas Brisantes über einen Pharmakonzern entdecken. Wer würde auf Sie hören? In der Schweiz müssten Sie nicht um ihre Sicherheit fürchten, in Italien allenfalls schon. Hinter vielem hier stecken die Herren aus dem Süden.

In vielen Ihrer Krimis kommen die Schurken davon. Haben Sie nicht das Bedürfnis, die Gerechtigkeit siegen zu lassen?

Mein Rechtsempfinden hat gelitten. Ich habe zu lange in Italien gelebt und bin in dieser Hinsicht sehr flexibel geworden. Es gibt Dinge, die mich empören und anwidern, aber das gibt es überall auf der Welt. In Italien kann es passieren, dass man von einer Reise nach Hause kommt und inzwischen Fremde dort eingezogen sind. Da mischt sich die Polizei nicht ein. Will man seine Wohnung wieder nutzen, gibt es nur eine Möglichkeit: Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt. Der kümmert sich – und die Herren aus dem Süden kommen ins Spiel. Nimmt der Staat seine Aufgaben nicht wahr, füllen andere das Vakuum. Die Leute denken an Al Pacino und Marlon Brando, wenn sie das Wort Mafia hören. Sie realisieren nicht, wie sehr sie alles durchdringt.

Und trotzdem leben Sie seit bald 40 Jahren in Venedig. Was gefällt Ihnen an Italien so sehr?

Ich liebe die Wärme und die instinktive Grosszügigkeit der Leute. Ich war mal in Apulien, und es war mörderisch heiss. In jeder Bar, an der ich vorbeiging, bestellte ich ein Glas Wasser. Aber niemand liess mich ­dafür zahlen. «L’aqua non si paga», sagten alle. Die Italiener helfen gern.

Erklärt die regelmässigen Krimipublikationen: Donna Leon

Wie schaffen Sie es, jedes Jahr einen neuen Krimi zu veröffentlichen?

Um schreiben zu können, brauche ich Zeit am Stück. Wenn ich zwei Wochen lang nirgendwohin reise, keine Oper besuche und kein Buch lese, komme ich gut vorwärts. Ich wurde so erzogen, dass man seine Haus­aufgaben immer gewissenhaft ­erledigt – das bleibt. Und ich kann überall über Morde in Venedig schreiben, auch in der Schweiz, wo ich einen grossen Teil des Jahres verbringe und meinen Wohnsitz habe.

Könnte es Brunetti auch einmal in die Schweiz verschlagen?

Nein, höchstens nach Neapel. Über jedes ­andere Land als Italien könnte ich nur Klischees produzieren, auch über die Schweiz – zumal ich kein Schweizerdeutsch spreche. Es wäre ein Schwindel.

Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Ich lese oder höre etwas, was mich inspiriert. Im nächsten Buch geht es um Drogen, die in einem Kiosk vertrieben werden. Die Idee kam, als ich einer Frau zuhörte. Sie beklagte sich über den Kebabladen, der ins Parterre ihres Hauses gezogen war: «Es stinkt nicht nur nach Kebab, die verkaufen Drogen!»

Sie sind eine kultivierte, freundliche Dame, doch Ihre Gedanken kreisen ständig um Morde. Wie passt das zusammen?

Morde gibt es. Aber abgesehen von ein, zwei Ausnahmen beschreibe ich in meinen Krimis keine Gewalt, weil mir das zutiefst widerstrebt. Ich sehe nicht fern, gehe nicht ins Kino und bin somit nie mit Bildern von Gewalt konfrontiert. Vielleicht ertrage ich sie deshalb auch so schlecht.

Aber in Ihren Büchern dreht sich dennoch alles um Mord.

Mich interessiert aber nicht der Mord an sich, ich will wissen, was jemanden dazu treibt. Würde ich die Details der Taten schildern, würde ich mich dabei schrecklich fühlen. Ich möchte nicht über Gewalt schreiben, verkaufe aber Bücher, in denen sich alles darum dreht. Sie sehen: Ich habe hohe Moralvorstellungen (lacht).

Ihre Krimis sind in 34 Sprachen übersetzt worden, jedoch nicht auf Italienisch. Kennt man Sie eigentlich in Venedig?

Nein. Italiener sind keine Leser. Autoren sind für sie keine Berühmtheiten. Solche, die in Fremdsprachen schreiben, sind erst recht Nobodys. Das entspricht mir. Ich bin gern nur die weisshaarige Amerikanerin.

Eine Literaturprofessorin bietet Spaziergänge auf den Spuren von Brunettis Venedig an, und es gibt ein Kochbuch zu Brunettis Lieblingsessen. Freut Sie das?

Das hat sich so ergeben und stört mich nicht. Der Verlag bat mich, ein Kochbuch zu verfassen, da er so oft nach den Rezepten gefragt wird. Ich sagte, ich könne das nicht. Da meine beste Freundin in Venedig auch die beste Köchin ist, die ich kenne, habe ich sie gebeten, das zu übernehmen. Auch die Spaziergänge unternimmt ein Freund, der Reisebuchautor ist.

Schaut genau hin: Donna Leon

Seit 1981 leben Sie mehrheitlich in Venedig. Wie war die Lagunenstadt damals?

Ein ruhiges Provinzstädtchen. Es gab ganz wenige Hotels, und die Touristen kamen fast nur im September. Die meisten Leute auf der Strasse waren Anwohner, sie kauften in den lokalen Läden ein und schwammen gar in den Kanälen.

In Ihren Büchern kommt immer auch eine Kritik gegenüber den Touristenmassen zum Ausdruck; Ihre Protagonisten beklagen den Niedergang der Stadt, die zu einem Disneyland an der Adria werde. Wie ist Ihr Verhältnis zu Venedig heute?

Ich liebe es noch immer. Man hört ja auch nicht auf, seinen Ehemann zu lieben, bloss weil er einen Bierbauch bekommen hat. Früher war Venedig nur schön, über die Jahre hat eben auch die Hässlichkeit in der Stadt Einzug gehalten. Jetzt klinge ich wie eine alte Schachtel! Die Touristenmassen sind ein Problem. Einige Zehntausend Altstadtbewohner müssen mit mehr als 30 Millionen Besuchern jährlich leben. Vor allem die Tagestouristen sind eine Belastung: Sie kommen mit ihren Sandwiches und Wasserflaschen und lassen bloss ihren Abfall zurück.

Wie viel Zeit verbringen Sie in Venedig?

Von April bis August meide ich die Stadt, weil es dann schrecklich ist. Stattdessen verbringe ich viel Zeit im Val Müstair in Graubünden, das ist mein Anti-Venedig. Hier geniesse ich die Weite, die Schönheit der Natur und die Einsamkeit. Ich kann sechs Stunden lang wandern, ohne jemandem zu begegnen. Wunderbar!

Wie erleben Sie die Schweiz?

Ich stamme aus einem Land, das sich nie um seine eigenen Angelegenheiten kümmert. Es ist so sehr damit beschäftigt, sich in die Politik ferner Länder einzumischen oder andere zu beleidigen, dass die Brücken einstürzen und die Infrastruktur in Trümmern liegt. Die Schweiz macht genau das Gegenteil, und das schätze ich sehr: Hier konzentriert man sich auf das, was das Land braucht, und löst die eigenen Probleme.

Leben Sie deshalb seit über 50 Jahren nicht mehr in den USA?

Ich würde ständig in Schwierigkeiten stecken, weil ich meinen Mund nicht halte. Wie kann ein Land jährlich Milliarden in Afghanistan ausgeben, aber über die Gesundheitsfürsorge im eigenen Land streiten?

Qual der Wahl: Donna Leon

Fühlen Sie sich noch als Amerikanerin?

Ich fühle mich sehr angelsächsisch wegen der Sprache, des Humors, der Ethik – es ist eine nördliche Ethik. Die Italiener bewundere ich für ihre Flexibilität und Offenheit.

Jemand hat mal gesagt, Heimat sei dort, wo man sich für die Politik schäme.

(Seufzt) Das bringt es auf den Punkt. Mein Bild von Amerika ist geprägt von den 50er- und 60er-Jahren, als es noch ein grossartiges Land war. Aber es wird nicht mehr grossartig sein. China ist jetzt der grosse Player.

Verfolgen Sie, was Donald Trump so alles von sich gibt?

Am Tag seiner Vereidigung habe ich aufgehört, Zeitung zu lesen. Und ich bleibe wohl dabei. Ich ertrage die Welt besser mit etwas Abstand. Die Art, wie TV und Onlinemedien ständig Updates bringen, ohne wahre News zu bieten, ist ein krimineller Missbrauch meiner Zeit. Ich lese nur noch den «New Yorker» und Magazine, in denen Bücher rezensiert werden. Ich will nicht, dass die Verrücktheit der Welt mich in Beschlag nimmt.

Haben Sie ein Handy?

Zum Glück nicht. Ich checke meine E-Mails regelmässig, das scheint mir genug Erreichbarkeit zu sein.

Sie werden am 28. September 75. Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Ich feiere zusammen mit dem Geschäftsführer und dem künstlerischen Leiter des Barockensembles «Il Pomo d’Oro», das ich fördere. Ich weiss nur so viel: Wir fahren zu dritt nach Neapel.

Was schätzen Sie am Älterwerden?

Man weiss mehr. Man ist weniger impulsiv und gerät weniger in Schwierigkeiten. Und man lässt sich weniger übers Ohr hauen: Man erkennt hinter Charme und Witz auch den Egoismus.

Was plannen Sie für die nächsten 25 Jahre?

Ich habe einen Traum: Ich möchte eine Händel-Klassik-Woche organisieren. Sechs Aufführungen mit drei verschiedenen Orchestern. Ich suche noch jemanden, der eine halbe Million Franken dafür ausgeben möchte. Bitte, schreiben Sie das! Ich bin auf wenige Dinge in meinem Leben stolz. Meine Bücher machen mich nicht stolz, die bereiten mir einfach Freude. Aber auf mein Engagement für die Barockmusik bin ich stolz!

Eigentlich sind Sie zufällig Schriftstellerin geworden ...

... weil der Entwurf meiner Dissertation und alle Notizen während meiner Flucht vor der Islamischen Revolution 1979 – ich war damals im Iran als Lehrerin tätig – verloren gingen. Das war die Hand Gottes.

Maradona?

(Lacht) Nein, Michelangelo! Das war das Beste, was mir passieren konnte. Sonst wäre ich eine Akademikerin geworden, hätte Literatur unterrichtet und wäre dabei nicht ­glücklich geworden. Aber so habe ich unglaublich viel Spass in meinem Leben.

Weltbürgerin Donna Leon

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