17. November 2017

Alles «echte» Schweizer? Ein DNA-Test klärt auf

Wer sind meine Vorfahren? Wo haben sie gelebt? Immer mehr Menschen versuchen, das per Speichelanalyse herauszufinden. Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Migros-Magazins wollten wissen, woher sie stammen. Und sind verblüfft ...

Hans Schneeberger (Chefredaktor), Heidi Bacchilega, Reto Wild und Nicole Thalmann.
Die Wurzeln liegen auch in Irland, Italien, Griechenland: Migros-Magazin-Chefredaktor Hans Schneeberger und die Redaktor(inn)en Heidi Bacchilega, Reto Wild und Nicole Thalmann.
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Der viel zu früh verstorbene Mani Matter erweist sich mal wieder posthum als Trendsetter: Schon vor rund 50 Jahren besang er in seinem Lied «Ahnenforschung» den «Gouner» Bernhard Matter, der – genau wie der Berner Liedermacher selbst – aus dem Kanton Aargau stammte. Mani Matter thematisierte in diesem Chanson seinen Stammbaum. Ein Thema, das auch heute viele Menschen interessiert: Der Videoclip «The DNA Journey» der Reisesuchmaschine «momondo» wurde weltweit über 575 Millionen Mal angeschaut. Hauptbotschaft des Kurzfilms: Reinrassige Menschen gibt es nicht. Wir sind alle gemischt, migriert und irgendwie verwandt. Nationalismus ist Unsinn.

Private und individuelle Ahnenforschung mit einem DNA-Test ist nicht nur ein boomendes, sondern auch ein lukratives Geschäft. Zahlreiche Anbieter wollen damit Geld machen. Und das läuft so: Man bekommt ein Paket mit zwei Plastikröhrchen zugesandt. Diese füllt man mit Speichel und sendet sie ein. Einige Wochen später erfährt man das Ergebnis. Die Kosten variieren, wobei es online Analysen schon ab 65 Franken gibt. Die Probanden der Migros-Medien liessen sich über das Online-Tool «AncestryDNA» testen.

Fragwürdige Ergebnisse, aber es macht Spass
Manche Wissenschafter bezeichnen die Tests als nicht wirklich seriös. Auch Natasha Arora vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich zeigt sich skeptisch: «Firmen, die auf
DNA-Tests spezialisiert sind, versprechen Ergebnisse, die irreführend sind.» Letztlich muss jeder selbst entscheiden, wie wichtig ihm die Forschung über seine eigene Herkunft ist. Spass macht das Forschen aber allemal.

Hans Schneeberger (58), Chefredaktor Migros-Magazin

Hans Schneeberger (58)

«Überraschend: «Welcher Westasiate hat sich hier eingeschlichen? Zweitens: Kein Wunder, habe ich immer zu heiss. Ich stamme ja zu mehr als einem Drittel aus dem Norden.
Interessant: Die meisten mit ähnlichem Stammbaum leben in den USA in den klassischen Milchverwertungsregionen.»

Heidi Bacchilega-Schätti (50), Projektleiterin/Redaktorin

Heidi Bacchilega-Schätti (50)

«Jetzt weiss ich, woher mein Sohn die Sommersprossen und die helle Haut hat. Da hat sich die irische Abstammung eingeschlichen. Ich bin dunkelhaarig wie eine Italienerin (jetzt blond gefärbt), leidenschaftlich wie eine Griechin und trinke gern ein kühles Bier wie die Iren. Meine blauen Augen und meine Grösse (177 cm) habe ich wohl von meinen Ahnen aus Westeuropa.»

Reto E. Wild (49), Reiseredaktor

Reto E. Wild (49)

«Ich bin überrascht vom hohen Anteil Italien/Griechenland, denn ich wusste nicht, dass ich in dieser Region Wurzeln habe. Andererseits ist mein Wert von 68 Prozent Westeuropa im Vergleich zu den Ergebnissen meiner Kolleginnen und Kollegen überdurchschnittlich hoch. Und offenbar bin ich Europäer durch und durch, obwohl ich mich nicht immer so fühle.»

Nicole Thalmann (46), Leiterin Lesermarkt und Aboservice

Nicole Thalmann  (46)

«Dass meine Wurzeln hauptsächlich in Grossbritannien liegen, hat mich sehr erstaunt. Da meine Eltern beide von Zürcher Bauernfamilien abstammen und ich keine Informationen über reisefreudige Vorfahren habe, war ich von Westeuropa ausgegangen. Mein nächstes Reiseziel müsste also Grossbritannien sein. Ich bin gespannt, ob dann ein Heimatgefühl aufkommt.»

Auch sie liessen sich testen: Robert Rossmanith, Laetitia Dürst, Reto Meisser, Gerda Portner, Marianne Hermann und Patrick Rohner.

Robert Rossmanith (58), Chef vom Dienst, geboren in Franken (D)

Robert Rossmanith (58)

«Da schau her! Mein seliger Paps und seine Vorfahren waren gentechnisch derart dominant, dass herkunftsbestimmende DNA-Teilchen von Mama und deren Ahnen keinen Platz mehr fanden. Denn gemäss Ancestry-Analyse liegen meine Wurzeln im heutigen Tschechien (wo das Stammgeschlecht Rossmanith bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich beheimatet war, was durch die Herleitung des Namens belegt ist). Allerdings nur dort! Kaum zu glauben, angesichts der Tatsache, dass mir die Altvorderen der Mutter stets als Ur-Westfalen vorgestellt wurden. Fazit: Mein fränkischer Akzent ist nur Fake. Doch warum nur kann ich überhaupt kein Wort Tschechisch?»

Laetitia Dürst (25), Marketing Manager Online

Laetitia Dürst (25)

«Ich habe meine Eltern gefragt, ob sie mich adoptiert haben (lacht). Denn laut Test soll ich weder aus der Karibik (meine Mutter ist in Haiti geboren) noch aus Westeuropa (mein Vater ist halb Schweizer, halb Deutscher) kommen. Ich erkläre mir den hohen Afrikaanteil damit, dass meine Mutter ursprünglich von Sklaven aus Afrika abstammt. Die 13 Prozent Osteuropa könnten von meiner Grossmutter herkommen, die dort ihre Wurzeln hat.»

Reto Meisser (45), Online-Redaktor

Reto Meisser (45)

«Dass viel Unbekanntes auftaucht, wenn man Tausende von Jahren zurückforscht, hab ich erwartet. Dennoch: Wenn man väterlicherseits 500 Jahre mit Stammbaum
in und um Graubünden zurückverfolgen kann, überrascht es schon, dass dieser Anteil an Genmaterial maximal zwei Prozent beträgt, sobald man drei- oder viermal weiter zurückblickt.»

Gerda Portner (59), Produzentin

Gerda Portner (59)

«Ich bin ja eine richtige Europäerin! Ein Mischmasch von Genen aus Ost und West. Das heisst wohl auch, dass meine Urahnen gereist sind und übers Kreuz geliebt haben. Irgendwie macht es mich stolz zu wissen, dass ich ein Geschöpf der Weltengemeinschaft bin. Einzig einen Spritzer blaues Blut hätt ich noch gern.»

Marianne Hermann (26), Manager Lesermarketing

Marianne Hermann (26)

«Den Test fand ich sehr enttäuschend. Ich hatte ein viel genaueres Ergebnis erwartet. Dass die Skandinavier als Seefahrer und die Römer früher viel unterwegs waren, ist ja allgemein bekannt.»

Patrick Rohner (39), Leiter Media- und Marketingservice

Patrick Rohner (39)

«Es passt: Ich bin in Westeuropa und damit in der Schweiz zu Hause, auf klassisch griechischem Fuss unterwegs und fahre, wenn nötig, für eine gute Pizza bis nach Neapel.
Eine solche Distanz lege ich aber doch lieber mit der Eisenbahn zurück – einer britischen Erfindung. Der Vorname stammt aus Irland und die Haut aus Skandinavien. Im Ernst: Bis jetzt wusste ich eigentlich nur von Verwandten aus der Inner- und Ostschweiz, entsprechend überrascht bin ich von diesem Resultat. Aber wenn man sucht, findet man schon einen Bezug.»

Es ist möglich, dass Brüder verschiedene genetische Varianten aufweisen

Natasha Arora

Natasha Arora (37) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich. Sie befasst sich unter anderem mit Populationsgenetik, also den Mustern genetischer Diversität in biologischen Populationen.

Haben Sie auch schon einen DNA-Test gemacht?
Ja, bei «23andME», einem US-amerikanischen Unternehmen im Bereich «Personal Genomics». Es kam heraus, dass ich meine Wurzeln zu über 87 Prozent in Südasien habe. Das hat mich nicht überrascht. Ich stamme von dort. Und Südasien umfasst ein grosses Gebiet mit Ländern wie Nepal, Sri Lanka, Pakistan und Indien.

Was bringt ein solcher Test?
Gerade die Amerikaner interessieren sich für dieses Thema, weil die USA ein klassisches Einwandererland sind. Auch Afroamerikaner wollen mehr über ihre Herkunft wissen. Wirklich sinnvoll sind solche Tests, weil man damit auch Haar- und Augenfarbe oder Dinge wie Laktoseintoleranz identifizieren kann. Zusätzlich kann man auch das Alter eines Menschen und seine biogeografische Herkunft mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmen. Dies, zusammen mit den äusserlichen Merkmalen, sind die Anknüpfungspunkte für die Arbeit in der Forensischen Genetik.

Wie genau ist ein Test mit dem Ergebnis, eine Person stamme zu 50 Prozent aus Skandinavien?
Das Resultat sagt, dass die Person genetische Varianten mit der heutigen Population in Skandinavien teilt. Dies kann, muss aber nicht auch der Bevölkerung in der Vergangenheit entsprechen. Ausserdem ist es schwierig, Populationen aus nahe liegenden Regionen zu unterscheiden, weil sich genetische Muster kontinuierlich über Distanzen verändern. Einigermassen zuverlässig lässt sich deshalb nur bestimmen, von welchem Kontinent jemand stammt.

Es gibt also keine Familien mit beispielsweise 100 Prozent skandinavischen Wurzeln?
Das kommt darauf an, wie weit man zurückschaut. Die Eltern und Grosseltern stammen vielleicht zu 100 Prozent aus Skandinavien. Aber vorher sind Vorfahren aus verschiedenen Regionen nach Skandinavien eingewandert. Die Wissenschaft weiss ja, dass sich der anatomisch moderne Mensch vor 100 000 bis 50 000 Jahren von Afrika aus ausgebreitet hat und anschliessend auf verschiedenen Wegen und in mehreren Wellen nach Europa eingewandert ist.

Sind die verschiedenen Länder der Welt unterschiedlich durchmischt?
Es gibt in allen Regionen auf der Welt eine Durchmischung. Das ist das Ergebnis vieler Migrationsbewegungen im Laufe der Jahrtausende. Nationale Grenzen sind ein modernes Phänomen und widerspiegeln nicht unbedingt die Genetik. Es gibt Ausnahmen wie die Aborigines in Australien. Sie blieben mehrheitlich unter sich, bis Ende des 18. Jahrhunderts Europäer einwanderten.

Was bedeutet es, wenn ein Gentest ein Prozent Südasien aufweist?
Wir haben durch die Migrationsbewegungen Anteile von vielen verschiedenen Populationen. Diese Aussage hat also überhaupt keine Relevanz. Beispielsweise kann es sein, dass der Bruder denselben Test macht und keinen asiatischen Anteil aufweist.

Wie ist das möglich?
Man erhält seine DNA je zur Hälfte von der Mutter und vom Vater. Deshalb können Brüder verschiedene genetische Varianten aufweisen. Sie können sich ähneln oder gar nicht gleichen. Aber wenn beim Gentest zum Beispiel 95 Prozent Kontinentaleuropa herauskommt, müsste das unter Geschwistern in etwa übereinstimmen, sofern sie die gleichen biologischen Eltern haben.

Die Genauigkeit der Analyse der geografischen Herkunft einer Person hängt offenbar von der Referenzdatenbank ab.
Hauptsächlich davon, wie viele und welche Regionen in der Datenbank berücksichtigt werden. Datenbanken und Algorithmen können von Unternehmen zu Unternehmen variieren. Es kann also sein, dass verschiedene Firmen, die DNA-Tests anbieten, zu unterschiedlichen Resultaten kommen.

Einige Firmen versprechen, eine Verwandtschaft mit historischen Figuren herausfinden zu können – etwa mit Dschingis Khan. Ist das seriös?
Es ist irreführend. Dschingis Khan kann mit vielen von uns verwandt sein. Genaueres verrät die DNA von Müttern und Vätern. So konnte beispielsweise anhand von drei lebenden Nachfahren das Skelett des Bündner Freiheitskämpfers Jörg Jenatsch identifiziert werden.

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