28. November 2017

Digitales Erbe verwalten

Verstorbene leben in sozialen Netzwerken, Partnerbörsen und E-Mail-Programmen virtuell weiter. Auf immer und ewig. Deshalb sollten sich User zu Lebzeiten um ihr digitales Erbe kümmern.

Illu einer Beerdigung zwischen der Computertastatur
Kann ganz schön belasten: Die Verwaltung der Onlinekonten eines Verstorbenen.

Vor ein paar Jahren verunglückte ein Freund von Tobias Christen in den Bergen tödlich. Die makaberen Nachwirkungen spürt der 50-jährige Unternehmer bis heute: Noch immer fordert ihn Facebook am Geburtstag des verstorbenen Freundes auf, diesem zu gratulieren. Diese Erfahrung macht ein wachsender Kreis von Usern. Eine amerikanische Statistik sagt, dass bis zum Jahr 2098 die Zahl der toten Facebook-Mitglieder die der Lebenden übersteigen wird.

Der Grund: Vor lauter Onlinebanking, Internetshopping und virtuellen Netzwerken verlieren viele Menschen den Überblick über ihre Konten. Bei einem Todesfall stehen Angehörige vor einer kaum zu lösenden Aufgabe: Sie müssen sich um Festplatten, Internetaccounts und online abgeschlossene Verträge kümmern. Denn der digitale Nachlass gehört zur Erbschaft.

Der Zugriff ist sehr schwierig

Früher fanden Angehörige Hinweise über Zahlungsverpflichtungen des Verstorbenen auf Papier. «Heute können sie oft nicht mal auf dessen Computer zugreifen, weil sie das Passwort nicht kennen», sagt Markus Näf, Anwalt und Lehrbeauftragter für Informatikrecht. Dann beginnt die Detektivarbeit. Und die muss schnell gehen, denn Verträge laufen nach dem Tod weiter und müssen gekündigt werden.

Fast noch belastender sind für Angehörige Profile in sozialen Netzwerken, die weiterhin durchs Internet geistern. Ohne Kenntnis des jeweiligen Passwortes ist Löschen nämlich schwierig (siehe unten). Rechtlich hätten Erben zwar Zugriff auf Konten von E-Mails und sozialen Netzwerken. Praktisch verwehren ihnen das viele Anbieter, und berufen sich dabei auf das Fernmeldegeheimnis. «Das greift in diesem Fall zwar nicht», sagt Näf. Dennoch ist es schwierig, dagegen vorzugehen, zumal viele der betreffenden Firmen ihren Gerichtsstand im Ausland haben und Dokumente wie der Totenschein und die Erbenbescheinigung in der entsprechenden Sprache verlangen. Fotos, Mails und andere Daten, die bei Onlinediensten gespeichert sind, bleiben für Hinterbliebene oft unerreichbar.

Digitaler Safe für die Erben

«Hier gibt es noch viel zu regeln», sagt Näf. Aber auch Konsumenten sieht er in der Pflicht: Bei einigen Anbietern können diese hinterlegen, was mit ihren Daten passieren soll, oder einen Bevollmächtigten bestimmen. Nutzer sollten diese Möglichkeit unbedingt wahrnehmen oder zumindest Verträge mit Benutzernamen aufbewahren, damit Erben wissen, wo sie nachfragen können.

Tobias Christen, der seinen Freund in den Bergen verloren hat, kennt eine weitere Lösung: Er ist CEO der Zürcher Firma DSwiss, die digitale Schliessfächer anbietet. «Unser Cloudspeicher schützt Dokumente und Passwörter», erklärt er. Der Inhalt des digitalen Schliessfachs lässt sich vererben. Denn jedes eingelagerte Dokument wird so codiert, dass es verschiedenen Erben zugänglich gemacht werden kann. Der Inhaber des Schliessfachs erhält einen 36-stelligen Aktivierungscode, den er etwa beim Notar hinterlegt. Dieser kann damit im Notfall die Vererbungsfolge auslösen.

«Der Online-Datenspeicher ist kein Testament, sondern lediglich ein Tool, das Angehörigen hilft», sagt Christen. Es gehe darum, im digitalen Leben Ordnung zu schaffen. Was allerdings nicht besonders populär ist. So nutzt bisher nur ein Viertel von Christens Kunden dieses Angebot. «Die meisten Menschen wollen sich nicht mit ihrem Ableben befassen», so Christen, «wer aber einmal das Chaos nach dem Tod eines Angehörigen erlebt hat, denkt anders darüber.» 

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