28. Mai 2018

Digitale Plattformen sind ideal für Freiwillige

Jakub Samochowiec, Trendforscher am Gottlieb-Duttweiler-Institut, ist Mitautor der Studie «Die neuen Freiwilligen». Er weiss, dass Helfende in Zukunft mitentscheiden wollen.

Studienverfasser Jakub Samochowiec
Jakub Samochowiec (39) ist Mitautor der Studie «Die neuen Freiwilligen. Die Zukunft zivilgesellschaftlicher Partizipation».
Lesezeit 3 Minuten

Sie sprechen in Ihrer Studie von den «neuen Freiwilligen». Wen meinen Sie?

Das sind Menschen, die nicht einfach gratis Aufgaben erledigen, die man ihnen auferlegt. Sie sind eher durch ihre Potenziale als durch Missstände motiviert. Sie organisieren etwa einen Quartierflohmarkt. Dabei existiert die klassische Rollenverteilung zwischen Helfenden und Hilfsbedürftigen nicht, dennoch nützt der Mark vielen Menschen, weil eine nachbarschaftliche Vernetzung viele positive Nebeneffekte hat. Die Teilnehmenden wollen aber vor allem etwas lernen, mitentscheiden und auch Spass haben.

Partizipation anstatt Freiwilligenarbeit?

Genau. Das Mitentscheiden existiert bei der klassischen Freiwilligenarbeit oft nicht. Da heisst es etwa: Bringen Sie das Essen von einem Altersheim ins andere. Früher war es in Dorfgemeinschaften klar, dass das jemand einfach machte – auch weil der soziale Druck da war.

Solche Arbeiten blieben und bleiben oft an Frauen hängen.

Ja, die klassische Freiwilligenarbeit ist weiblich geprägt. Und oft war dieses Engagement gar nicht so freiwillig. Wollte eine Frau nicht sozialen Selbstmord begehen, musste sie dies oder das übernehmen; auch wenn sie dazu gar keine Lust hatte.

Und wer kümmert sich künftig um alte, arme oder benachteiligte Menschen?

Institutionen, die Freiwillige suchen, müssen sich noch besser überlegen, wie sie die Menschen motivieren können. Und sie sollten sich fragen: Suchen wir eigentlich einen Roboter? Wenn ja, muss man sich nicht wundern, wenn man keine Freiwilligen findet.

Bei der Rekrutierung von Freiwilligen setzen Sie grosse Hoffnungen in digitale Tools. Welche Vorteile sehen Sie?

Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind immens. Ich glaube, dass sehr viele Leute bereit wären, sich für Projekte zu engagieren, aber sie wissen nicht, wo und wie. Dafür sind digitale Plattformen ideal. Ein gutes Beispiel ist Benevol-Jobs, eine Börse für Freiwilligenarbeit. Wie auf einer Stellenplattform kann man Projekte nach Einsatzart und -ort filtern. Da findet jeder etwas. Andere Plattformen wie 2324.ch oder fuerenand.ch funktionieren wie ein Dorfplatz, einfach online. Dort können sich Einzelpersonen über das Internet finden und miteinander vernetzen, auch spontan und temporär. Das Potenzial für digitale Vernetzung von Engagements ist bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Entstehen auch Nachteile?

Die gibt es immer. Je einfacher man abrechnen kann, desto grösser ist die Gefahr, dass alles übers Geld läuft. Ein Beispiel: Bei Airbnb klappt die Geldüberweisung mit einem Klick. Früher ging das nicht. Wer sein Zimmer über die Plattform vermietet, zögert wohl selbst bei Freunden, eine kostenlose Übernachtung anzubieten. Sogar für das Türaufhalten könnte man anderen künftig einen Mikrobetrag überweisen. So werden freiwillige Handlungen unterwandert.

Hat sich Ihr Menschenbild durch die Studie verändert?

Ja, ich habe eine positivere Sicht auf unsere individualistische Gesellschaft gewonnen. Individualisierung wird gern mit Egoismus gleichgesetzt. Wir haben jedoch festgestellt, dass sich Menschen in individualistischen Gesellschaften mehr für Fremde einsetzen als in solchen, die um Kernfamilien organisiert sind.

Wie kommt das?

Das klassische «Wir» und «Die anderen» wird in der individualistischen Gesellschaft aufgelöst. Um sich vom eigenen Clan zu lösen, muss man darauf vertrauen, dass auch fremde Menschen sich um einen kümmern werden. Vertrauen ist im Zusammenhang mit Engagement sehr wichtig: Gesellschaften, in denen sich Menschen stärker vertrauen, engagieren sich auch mehr für das Allgemeinwohl.

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Bagno Popolare

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