01. Juni 2020

Dieser Mann bremst die grössten Brocken

Andreas Lanter ist der Schutzengel der Bergstrassen. Der Ingenieur konstruiert raffinierte Steinschlagbarrieren, die sogar mächtige Felsbrocken aufhalten.

Andreas Lanter kontrolliert Steinschlagbarriere
Schwindelfrei: Andreas Lanter kontrolliert ein letztes Mal das Schutznetz, das bei einem Test einen Acht-Tonnen-Brocken aufhalten soll.
Lesezeit 4 Minuten

Der weisse Opel ist kaum noch als Auto zu erkennen: Nur ein bizarres Durcheinander aus zerknülltem Blech, geborstenem Plastik, zerfetzten Sitzpolstern und Glassplittern ist vom Kleinwagen geblieben. Er sieht aus, als habe ihn ein Monster ­zerkaut und wieder ausgespuckt.

In Wahrheit ist der bemitleidenswerte Opel einem Experiment zum Opfer gefallen: Ein Kran liess einen 1,4 Tonnen schweren Felsbrocken aus 36 Metern Höhe auf das Auto krachen. Nun steht das Wrack am Rand des früheren Steinbruchs Lochezen oberhalb des Walensees – ein Mahnmal dafür, was auf Bergstrassen passieren kann, wenn nicht mit armierten Betonverbauungen, Erdwällen und Schutznetzen vorgesorgt wird.

Steinschlag­Versuchsanlage Lochezen
Die Steinschlag-Versuchsanlage Lochezen über dem Walensee

Auf dem zerklüfteten Gelände befindet sich die einzige Steinschlag-Versuchsanlage der Schweiz. Als sie 2001 ihren Betrieb aufnahm, galt sie sogar in ganz Europa als einmalig. Inzwischen existieren etwa in den italienischen Alpen ähnliche Anlagen. Auf dem Lochezen-Areal testen Ingenieure, Monteure und Messtechniker robuste Schutznetze, die weltweit in Felswänden oberhalb von Strassen und Bahnlinien verankert werden.

Wo es Steine regnet

Das Prüfgelände auf einem Plateau unterhalb einer lotrechten Kalksteinwand ist nur schwer zugänglich. Erreichen lässt es sich über eine bewilligungspflichtige Waldstrasse und anschliessend mit einer Standseilbahn. Ein ganzes Arsenal von Warntafeln soll ungebetene Besucher fernhalten.

Betrieben wird die Anlage von der Romanshorner Firma Geobrugg, der europäischen Marktführerin für Steinschlag-Schutznetze. An einem trübkalten Maitag will hier einer ihrer Spezialisten ein neuartiges Netz testen: Andreas Lanter ist ein durchtrainierter Mann, der sich zwischen Felsbrocken und grobschlächtigen Baumaschinen sichtlich wohlfühlt.

Prüfend blickt der 30-jährige Ingenieur zur oberen Kante der Kalksteinwand empor. Dort steht ein Kran, dessen Konturen im wabernden Nebel fast verschwinden. An seinem Ausleger hängt ein Betonklotz mit Stahlkern – ein normierter Brocken, der acht Tonnen auf die Waage bringt. Bald soll er aus 41,5 Metern Höhe in das Schutznetz stürzen und zuverlässig aufgehalten werden.

Monteure mit Betonklotz in der Steinschlag­Versuchsanlage Lochezen
Zwei Monteure prüfen noch einmal den Betonklotz, der bald darauf in die Tiefe fallen wird.

«Das Netz ist nur zehn Meter breit», erklärt Lanter. «Das ist eine Herausforderung, weil eine grössere Barriere den Einschlag besser abfedern könnte. Es gibt aber Situationen, in denen über einer Bergstrasse nur Platz für ein schmales Netz bleibt – darum ist dieser Test wichtig.» Dann klettert der Experte über eine Metallstiege an der Wand hoch. Er klinkt seinen Klettergurt mit einem Karabinerhaken in ein waagrecht verlaufendes Drahtseil ein und geht über einen schmalen Steg zum Schutznetz, das mit massiven Stahlträgern im Kalkfels verankert ist.

Sorgfältig kontrolliert Lanter noch einmal alle Einzelteile der Steinschlagbarriere: Sie besteht vor allem aus Drahtseilen und einem Flechtwerk aus Stahldrahtringen. Hinzu kommen sogenannte Bremselemente – Metallplatten, die sich beim Aufprall kontrolliert verbiegen und so Energie abbauen.

Später gibt Lanter aus sicherer Distanz den Befehl zum Abwurf des Brockens. Spezialkameras laufen, um den Einschlag in Superzeitlupe festzuhalten. Messtechniker haben einen 3-D­Laserscanner installiert, der danach ein räumliches Bild des verformten Netzes machen soll.

Unheil von oben

Einen Augenblick ist es auf der Testanlage völlig still; niemand sagt ein Wort. Dann stürzt der Betonbrocken wie ein Meteorit aus dem grauen Dunst und knallt in die Barriere. Das Netzwerk gleicht danach einem ausgeleierten Strumpf. Doch es hat den Betonklotz etwa fünf Meter über dem Boden aufgehalten.

«Rund zehn solcher Tests sind nötig, bis die Barriere nach einer zweijährigen Entwicklungszeit reif für die Zertifizierung ist», sagt der Ingenieur. «Keine noch so exakte Computersimulation kann die Versuche im Feld ersetzen.»

Die Geduld verliert Lanter bei dieser langwierigen Arbeit nie. Denn er weiss, welche Verantwortung er trägt: Seine Netze schützen nicht nur die Axenstrasse am Vierwaldstättersee, sondern beispielsweise auch die legendäre Küstenstrasse Chapman’s Peak Drive südlich von Kapstadt oder Bahnstrecken in Japan, über die Hochgeschwindigkeitszüge rasen.

Erfolgreicher Test in der Steinschlag­Versuchsanlage Lochezen
Test erfolgreich: Das Netz konnte den aus 41,5 Metern Höhe abstürzenden Betonklotz stoppen.

Der Spezialist ist sich sicher, dass ihm die Arbeit in den kommenden Jahren nicht ausgehen wird: «Durch den Klimawandel weicht der Permafrost zurück, und Felswände werden instabil. Hinzu kommt die Zersiedelung der Alpen: Heute baut man Häuser an Orte, die unsere Vorfahren aus Angst vor Steinschlag noch gemieden hätten.»

Berge mit Verfallsdatum

Wie verändert es einen Menschen, wenn er sich beruflich dauernd mit Naturgefahren befasst? Macht Lanter in der Freizeit einen weiten Bogen um die Berge? «Im Gegenteil», sagt er mit Nachdruck. Er sei ein passionierter Bergsteiger, der gerne die Schafbergwand am Alpstein erklimme. Doch seinen Profiblick kann er nie ganz abschalten. Er achtet beim Wandern und Klettern auf Bruchlinien in Felswänden oder auf Narben, die frühere Steinschläge in Baumstämmen hinterlassen haben.

«Ich finde die Berge wunderschön», versichert er. «Doch ich sehe sie nicht als ewige Naturmonumente. Sie wurden einst aufgefaltet, und unendlich langsam vergehen sie auch wieder. Darum bröckeln Felswände und fallen Brocken in die Tiefe, die es aufzuhalten gilt.»

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