15. März 2018

Diese Uhren ticken anders

Sie fertigen Zifferblätter aus Tierknochen oder russischem Weltraumschrott und feiern Erfolge mit unkonventionellen Ideen. Eine Begegnung mit drei Gründern neuer Uhrenmarken.

Patrick Hohmann
Patrick Hohmann verarbeitet russische Raketentrümmer zu Uhren.

Das Zifferblatt ist stark zerkratzt und mit winzigen Brandbläschen übersät. Durch eine kleine Lupe begutachtet Patrick Hohmann (45) Gehäuse, Metallband und andere Einzelteile, aus denen eine neue Uhr entstehen soll, besonders genau aber mustert er das kreisrunde Metallplättchen. Soll dieses schadhafte Ding wirklich in einen edlen Zeitmesser der Marke Werenbach eingebaut werden? Immerhin kosten die Chronometer 1200 bis 8500 Franken.

«Die Schrammen im Zifferblatt sind kein Makel, gerade sie machen die Uhr einmalig», betont Hohmann, «denn sie sind durch eine spektakuläre Reise entstanden.» Das Metall stammt aus einer russischen Sojus-Weltraumrakete, genauer gesagt: aus der Aussenhaut einer Brennstufe. Das Raketenteil hat mitgeholfen, eine Kapsel mit Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS zu tragen. Unterwegs wurde die Stufe abgestossen, danach stürzte sie aus einer Höhe von etwa 85 Kilometern ungebremst auf die Erde zurück und zerschellte irgendwo in den Weiten der kasachischen Steppe. «Manche Hersteller verkaufen teure Chronometer, die im Design an Astronautenuhren erinnern», sagt Hohmann. «Ich hingegen baue Zeitmesser, deren Einzelteile tatsächlich an der Grenze zum Weltall waren.» Er hofft, dass das den Besitzern von Werenbach-Uhren ab und zu das Gefühl gibt, über den Problemen des Alltags zu stehen.

Der Zürcher hat die ungewöhnliche Marke 2012 gegründet. Er beschäftigt nur gerade zwei Mitarbeiter, konnte aber allein im vergangenen Jahr 2000 Uhren produzieren. Möglich ist das unter anderem, weil er die Uhrwerke nicht selbst entwickelt und zusammensetzt, sondern beim Schweizer Produzenten Eta einkauft.

Vor seiner Zeit als selbständiger Unternehmer war der studierte Betriebswirtschaftler als Markenspezialist unter anderem für die Swisscom tätig. Warum verliess er eine gut bezahlte Position, um sich auf das Abenteuer eines Start-ups einzulassen? «Es war meine Begeisterung für Zeitmesser und für die Raumfahrt. Vor allem aber hatte ich den unbändigen Wunsch, etwas Unmögliches möglich zu machen.»

Patrick Hohmann mit den Überresten einer Sojus-Rakete
Mutig: Patrick Hohmann im kasachischen Sperrgebiet neben den Überresten einer Sojus-Rakete.

Tatsächlich erwies es sich als schier unlösbare Aufgabe, Überreste russischer Sojus-Raketen zu kaufen. Schliesslich liegen die Trümmerteile in Kasachstan in einem militärischen Sperrgebiet. Unermüdlich reiste Hohmann an den Rand der verbotenen Zone, knüpfte Kontakte zu Wachmannschaften und zu einem lizensierten Metallhändler, der Zutritt zum Absturzgebiet hatte. Dank seiner Geduld und grosszügiger Geschenke durfte Hohmann den Händler schliesslich zu den Haufen aus Weltraumschrott begleiten. Anschliessend gelangten ausgewählte Trümmerteile per Lastwagen in die Schweiz.

Nach dem erfolgreichen Start wäre Hohmanns Traum 2016 allerdings beinahe geplatzt: Vor allem wegen des Frankenschocks geriet die Schweizer Uhrenindustrie damals in eine Krise - die Exporte brachen ein. Zwar überstanden die grossen Uhrenmarken die Durststrecke, aber einige kleine Manufakturen verschwanden. Hohmann entging diesem Schicksal mithilfe eines Crowdfundings: Viele Fans seiner Raketenuhr waren bereit, kleine Beträge zu investieren, um die Marke Werenbach zu retten. Inzwischen hat sich das Geschäft erholt. «Unsere Flugbahn ist wieder stabil», sagt Hohmann voller Stolz.

Skulptu(h)ren am Handgelenk

Die Zeitmesser des Bielers Daniel Strom (57), Gründer der Marke Stromwatch, sind nichts für zarte Handgelenke. Dafür bieten die wuchtigen Gehäuse viel fürs Auge: Sie sind aufwendig verziert, von Hand poliert und teilweise geschwärzt. «Ich brauche Platz für meine Ornamente», erklärt Strom. «Darum müssen die Uhren gross sein.» Er nennt seine prunkvollen Chronometer denn auch «Skulptuhren».

Wer sich die ausladenden Gehäuse genauer ansieht, kann in Gruselstimmung geraten: Einzelne Modelle sind regelrecht übersät mit winzigen Totenköpfen. Selbst die Aufzugskronen gleichen Schädeln. Möchte Daniel Strom seinen Kunden etwa Angst machen? «Nein, es geht mir nicht um Gruseleffekte», versichert der Markengründer. «Ich möchte den Träger der Uhr daran erinnern, dass sein Leben endlich ist und dass er darum jede Minute geniessen sollte.»

Daniel Strom und Sohn Loris in ihrer Uhrmacherwerkstatt
Mögen düsteres Design: Daniel Strom (rechts) und sein Sohn Loris in ihrer Bieler Werkstatt.

Zu dieser Philosophie passt, dass einzelne Zifferblätter aus Tierknochen gefertigt sind. Überhaupt verwendet Strom gern ungewöhnliche Werkstoffe. Sein Sohn Loris (25), ein gelernter Schreiner, unterstützt ihn dabei. Er experimentiert gerade mit einem Stücklein tausendjährigem Eichenholz, das in Morast konserviert wurde. Auch daraus soll ein Zifferblatt entstehen, das dann eine ganz spezielle Maserung und Farbe aufweist.

Die zeitaufwendige Herstellung hat ihren Preis: Zwar gibt es eine Einsteiger-Stromwatch für 790 Franken, doch die prunkvollsten Modelle aus Edelmetall kosten bis zu 79 000 Franken. Im vergangenen Jahr hat die Bieler Marke, die nur drei Mitarbeiter beschäftigt, 600 Zeitmesser produziert. Absatzprobleme hatte die Minifirma bisher nie - auch nicht im Krisenjahr 2016. Daniel Strom präsentiert seine Zeitmesser in Luxushotels und auf speziellen Motorradmessen, wo massgeschneiderte Bikes ausgestellt werden. Dort findet er kaufkräftige Liebhaber, die sein luxuriöses und bisweilen düsteres Design zu schätzen wissen.

Bevor er sich mit Stromwatch 2004 selbständig machte, hatte Daniel Strom für die grosse Marke Omega gearbeitet. Er war dort Produktmanager und stieg bis zum Direktor für die Schweiz auf. Gegen Ende seiner Karriere fürchtete er, der Altersguillotine zum Opfer zu fallen. Zugleich verstärkte sich der Wunsch, etwas völlig Eigenes und Unverwechselbares zu erschaffen. «Jede schöne Uhr zeigt nicht bloss die Zeit an, sondern erzählt auch eine Geschichte», sagt er. Dank Stromwatch gibt es jetzt Uhren, die Daniel Stroms ganz persönliche Geschichte erzählen.

Marke ohne Grenzen

Der Zürcher Daniel Niederer (48) hält wenig von Heimatkult. Der Gründer der Marke Sevenfriday will gar nicht erst den Eindruck erwecken, seine Uhren seien rein schweizerische Produkte. Auf der Rückseite der Gehäuse ist darum eine Weltkarte eingeprägt, und Pfeile markieren die Orte, an denen die Chronometer entstanden sind: Das Design stammt aus der Schweiz, das Werk aus Japan, und zusammengesetzt wird die Uhr in China. «Manche Unternehmen machen ein grosses Brimborium um ihre lange Tradition», sagt Niederer mit breitem Grinsen. «Ich bin richtig stolz, dass meine Marke erst seit 2012 existiert. Das erleichtert es, etwas Neues auszuprobieren.»

Uhrenunternehmer Daniel Niederer
Globalisierter Unternehmer: Daniel Niederer lässt seine Uhren in China zusammensetzen.

Tatsächlich sehen die Sevenfriday-Uhren völlig ungewohnt aus: Das quadratische Gehäuse mit den abgerundeten Ecken erinnert zwar an die 50er-Jahre, aber die Zifferblätter wirken futuristisch und verspielt. Bei manchen Modellen wird die Zeit mit rotierenden Zahlenscheiben angezeigt. Die Chronometer kosten zwischen 1000 und 1500 Franken.

Sevenfriday hat 25 Mitarbeiter; im vergangenen Jahr liess die junge Marke in Fernost 25 000 Zeitmesser herstellen. In China liegt auch der wichtigste Absatzmarkt; besonders junge Leute aus der neuen Mittelschicht mögen das unkonventionelle Design. Niederer kennt sich in Asien bestens aus: Jahrelang arbeitete der studierte Jurist dort für ein Schweizer Handelshaus, organisierte zum Beispiel in Japan und Singapur den Vertrieb teurer Schweizer Uhrenmarken wie Audemars Piguet.

Wie ist er auf die Idee gekommen, Sevenfriday zu gründen? «Es war wohl die Midlife-Crisis und auch die pure Lust am Risiko», bekennt Niederer. Dass sein Mut sich ausgezahlt hat und das Start-up ein Erfolg geworden ist, verdankt er nicht zuletzt den guten Kontakten in Asien. Ehemalige Geschäftspartner in China gewährten ihm günstige Konditionen: Sie stellten die Sevenfriday-Uhren in ihren Betrieben her, und verlangten erst eine Bezahlung, nachdem die Zeitmesser verkauft waren. Als globalisierter Unternehmer war Niederer denn auch nicht stark von der Krise der Schweizer Uhrenindustrie betroffen.

Bleibt die Frage, was der rätselhafte Name Sevenfriday eigentlich bedeutet. «Viele Leute mögen den Freitag am liebsten, weil sie dann voller Vorfreude aufs Wochenende sind», sagt er. «Ich wünsche den Besitzern meiner Uhren, dass sie an jedem der sieben Wochentage in so guter Stimmung sind.» Dem gut gelaunten Unternehmer ist anzusehen, dass es ihm selbst so ergeht: Seine Arbeit scheint ihm rund um die Uhr Spass zu bereiten.

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