30. April 2019

Diese Italiener kamen, um zu bleiben

Unsere liebste Feriendestination, unsere bevorzugte ausländische Küche, unsere grösste Einwanderergruppe, mit der wir eine Landessprache teilen: Noch italienischer als die Schweiz ist eigentlich nur Italien selbst.

Italiener
Lesezeit 6 Minuten

Die Ersten kamen Ende des 19. Jahrhunderts, um den Gotthard zu durchbohren. In den 1960er-Jahren erreichte die Einwanderung aus Italien ihren ersten Höhepunkt. Als Spätfolge der Finanzkrise von 2008 steigt die Zahl der Zuwanderer aus Bel paese wieder kontinuierlich an: 2002 kamen rund 6000, 2008 mehr als 10 000, 2012 um die 14 000, und 2016 knapp 19 000. Die heute 320 000 italienischen Staatsangehörigen machen 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus – die grösste Ausländerpopulation im Land.

Heute kommen sie nicht mehr aus dem Süden der Halbinsel. Sie stammen aus der nördlichen Hälfte, ein Drittel von ihnen hat mindestens einen Hochschulabschluss. Sie sind eher Ingenieure, Architekten und Forscher als Bauarbeiter, Handwerker und Pizzaioli. In Italien spricht man wegen fehlender beruflicher Perspektiven von der «500 Euro Generation». Diese möchte in der Schweiz Karriere machen, nicht nur ein finanzielles Polster aufbauen und heimkehren.

Fünf Einwanderer sprechen über ihre Beweggründe, die Heimat zu verlassen und in der Schweiz eine neue Existenz aufzubauen.

Alessandra Spada (47), Architektin, lebt in Morges VD: «In Mailand stehen wir am Bug der ‹Titanic›»

«Mein Mann, ein italienischer Architekt, hat schon immer im Ausland unterrichtet. Ich bin in Mailand geblieben, habe mich um die drei Kinder gekümmert, das gemeinsame Architekturbüro geführt und gleichzeitig Kurse an der Universität gegeben. Doch auf ewig konnten wir es uns nicht leisten, in der Schweiz zu arbeiten und in Italien Steuern zu bezahlen, ohne die Reisekosten abziehen zu können.

Im Juni 2015 zogen wir von Mailand als erstes nach Lonay VD. Die Lage in Italien wurde immer schlimmer. Wir hatten nie eine Garantie, bezahlt zu werden, und einer unserer Kunden ist pleitegegangen. Die Wirtschaftslage in Italien ist beunruhigend. In Mailand stehen wir gewissermassen am Bug der ‹Titanic›: Wir sehen nur die Luxusvitrinen und die vollen Terrassen. Aber wenn man die baufälligen Spitäler und Schulen sieht … Und es gibt keine Garantie auf eine Rente.

Natürlich fühlen wir uns ein wenig schuldig, weil wir unser Land verlassen haben. Aber ich bin mir sicher, dass es auch für die Kinder richtig ist. Jetzt, wo ich die Qualität des Bildungswesens hier kenne, möchte ich nicht zurück in italienische Hörsäle mit 300 Studierenden. Als mein ältester Sohn zum ersten Mal in Lonay in die Schule ging, hielt er sie für eine private Einrichtung. In Mailand mussten wir den Kindern Toilettenpapier und Seife in die Schule mitgeben!»

Lorenzo Garofano (42), Ingenieur, lebt in Küsnacht ZH: «An Zürich habe ich nicht gedacht»

Als Lorenzo Garofano 2009 zum ersten Mal in die Schweiz kam, tat er das nicht ganz freiwillig. Sein damaliger Arbeitgeber verlegte seinen Arbeitsplatz von London (GB) nach Zürich. «Ich hatte mich für eine internationale Karriere entschieden», sagt der studierte Ingenieur und Absolvent der französischen Elite­Universität Insead. Mit «international» meinte er nicht Zürich. «Hier angekommen, war ich aber überrascht, wie abwechslungsreich es ist.»

Auf Zürich folgte Tokio (JP), wo er seine Frau kennenlernte. Vor zwei Jahren kehrten die beiden in die Schweiz zurück – wieder für den Job. «Für Paare ist es hier noch besser als für Singles», sagt der gebürtige Neapolitaner. Alles sei gut organisiert und trotzdem nicht überreguliert, wie teilweise in Japan. Zudem seien die Institutionen und die Leute vertrauenswürdig. «Das Wort zählt. Wir müssen nicht alles Gesagte überprüfen.»

Ihr Bekanntenkreis sei sehr international. Sie haben auch hiesige Freunde, obwohl es schwierig sei, Schweizer kennenzulernen. «Die Sprache ist ein Hindernis.» Garafono büffelt fleissig Deutsch – auch mit Blick auf die Zukunft: «Ich könnte zurück nach Japan, ins Heimatland meiner Frau, nach Neapel, wo meine Eltern wohnen, oder nach London, wo meine Schwester lebt.» Möglich aber auch, dass die Schweiz doch noch zu Garofanos Wahlheimat wird.

Valeria Ciocan (36), Restauratorin, lebt in Yverdon VD: «Ein herber Verlust für Italien»

«Ich habe an der Universität Perugia in Umbrien mein Masterdiplom in Konservierungswissenschaft erworben – 2008, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Infolge der Finanzkrise haben die Museen ihre Budgets gekürzt, nicht nur in Italien. Ich war als Erasmus-Studentin in Oxford. Nach meinem Abschluss konnte ich Praktika in Museen wie dem British Museum in London und dem Centre de recherche et de restauration des musées de France in Paris absolvieren.

Eines Tages hatte ich ein Stellenangebot eines privaten Labors in der Schweiz gesehen und mich online für den Job beworben. Dank meiner Ausbildung und der Praktikumserfahrung bekam ich Ende 2010 die Stelle. Es dauerte lange, bis mein Mann, ein Lebensmittelingenieur, in der Schweiz eine Stelle in seinem Berufsbereich fand. Einige Jahre lang führten wir eine Fernbeziehung und sahen uns nur am Wochenende nach Reisen von bis zu neun Stunden im Auto, Zug oder Flugzeug.

In der Zwischenzeit haben wir uns hier ein Leben aufgebaut, haben uns integriert, Bekanntschaften geknüpft und ein Netzwerk geschaffen. Obwohl uns die Familie, das Essen, die Wärme der Menschen fehlen, fühlen wir uns wohl. All die Leute mit Uniabschluss, die das Land verlassen, ihm aber von Nutzen sein und Dinge verändern könnten, sind ein herber Verlust für Italien.»

Sabrina De Russi (45), Buchhalterin, lebt in Adliswil ZH: «Die Schweiz ist nicht nur ein Ferienland»

Noch vor zwei Jahren fühlte sich Sabrina De Russi wie eine Touristin in der Schweiz. Sie war mit den Kindern eben erst nach Zürich gezogen, wo ihr Mann bereits für eine Grossbank arbeitete. «Als er vor fünf Jahren die Stelle antrat, blieb ich mit Tochter und Sohn in Vicenza», erzählt die Norditalienerin. Hier hatte sie ihre Familie, Freunde, Haus und einen Job als Buchhalterin. Doch die 500 Kilometer Distanz waren belastend: «Auch für die Kinder war es nicht ideal, ihren Vater oft nur über Skype zu sprechen.»

Trotz guter Ausbildung im Rechnungswesen war die Jobsuche in der Schweiz schwierig. «Ich habe Dutzende von Bewerbungen geschrieben», sagt De Russi. Bis sie eine Stelle auf Abruf und eine als Reinigungskraft fand. Inzwischen arbeitet sie wieder als Buchhalterin. Nach einem Sprachkurs erhielt sie die Möglichkeit, bei einer Anbieterin von Integrations- und Sprachkursen an einem IT-Projekt für Migrantinnen teilzunehmen. Daraus wurde eine Festanstellung.

«Jetzt bin ich richtig angekommen in der Schweiz und habe wieder Alltagsstrukturen», sagt De Russi. Bei ihren Kindern ging das schneller. In der Schule lernten diese im Nu Deutsch und fanden Freunde. Die Familie hat auch Kontakt zu Italienern, die schon lange hier leben. «Von deren Erfahrung können wir lernen», sagt De Russi. Für sie ist klar: «Die Schweiz ist nicht nur ein Ferienland, wir werden bleiben.»

Rinaldo Capuano (35), IT-Spezialist, lebt in Schwyz: «Viele haben eine verblendete Vorstellung vom Auswandern.»

Rinaldo Capuano ist der Liebe in die Schweiz gefolgt. «Für mich war klar, dass ich zu meiner Freundin ziehe, nicht umgekehrt», sagt er. Der Elektroingenieur hatte zwar einen guten Informatikjob und viele Freunde in Bologna. «Aber in Italien sind die Berufsperspektiven schlecht», sagt er. Das Land sei wirtschaftlich am Boden, auf viele staatliche Einrichtungen und deren Dienstleistungen sei kein Verlass.

Die ersten Monate in der Schweiz waren schwierig. Englischkenntnisse alleine reichten nicht aus, um einen IT-Job zu finden. Nach sechs Monaten Suche nahm er eine Stelle bei Burger King in der Küche an. Daneben lernte er im Selbststudium Deutsch. «Die Sprache war der Türöffner», sagt Capuano. Heute arbeitet er als Informatikspezialist bei der Migros.

«Der Weg war steinig, für meine Integration war das aber gut.» Er habe viele Italiener getroffen, die kein Deutsch sprechen, auch solche, die nach wenigen Jahren in die Heimat zurückgekehrt sind. «Viele haben eine verblendete Vorstellung vom Auswandern.» Dass es nicht immer rosig läuft, werde oft ausgeblendet. Auch die Motivation der Auswanderer werde verkannt. «Viele meinen, es gehe ums Geld.» Ja, er verdiene hier mehr. «Aber ich fühle mich auch wohler und sicherer als in Italien.» Das liege an der guten Organisation des Staates und der Zuverlässigkeit der Menschen. Capuano plant seine Zukunft in der Schweiz.

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