16. Mai 2018

Die Zukunft der Elektroautos wird spannend

Noch tun sich Käufer schwer mit reinen Elektroautos – meist der relativ geringen Reichweite wegen. Die Vergleichsfahrt mit dem Hyundai Ioniq Electric und dem VW e-Golf zeigt, dass besonders Kälte den Akkus zu schaffen macht.

Andreas Engel (l.) vor dem Hyundai Ioniq Electric, daneben Raoul Schwinnen vor dem VW e-Golf
Andreas Engel (l.) vor dem Hyundai Ioniq Electric mit Normreichweite 280 km, daneben Raoul Schwinnen vor dem VW e-Golf mit Normreichweite 300 km.
Lesezeit 1 Minute

Dass sich Akkus bei kalten Temperaturen viel schneller entladen, soll alle elektrischen Geräte betreffen – auch die immer beliebter werdenden Elektroautos. Das wollten mein Kollege Raoul Schwinnen und ich genauer wissen und machten uns auf zur Elektro-Vergleichsfahrt.

Die Ausgangslage: Als Testfahrzeuge stehen uns zwei E-Autos der neuesten Generation zur Verfügung. Kollege Schwinnen greift auf den VW e-Golf mit 300 Kilometern angegebener Normreichweite zurück. Ich bin im Hyundai Ioniq unterwegs, der neben Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Version auch als rein mit Strom betriebener Electric zu haben ist. Seine Reichweite gibt Hyundai mit 280 Kilometern an.

DIE ROUTE: Tagelswangen ZH - Luzern - Altdorf UR - Axenstrasse - Sattelpass - Rapperswil SG - Zürcher Oberland - Tagelswangen ZH

Doch sowohl Tests in Fachzeitschriften als auch unsere eigenen Erfahrungen im Redaktionsalltag haben uns gelehrt, dass die versprochenen Reichweiten selten mit der Realität übereinstimmen. Wieso auch sollten die Hersteller punkto Verbrauchsangaben bei ihren E-Autos ehrlicher sein als bei den konventionell mit Verbrennungsmotor betriebenen Fahrzeugen?

Fahrt 1: SOMMERTEST

Unsere ausgesuchte Testroute, die wir einerseits unter optimalen Bedingungen bei 20 Grad Aussentemperatur und andererseits bei winterlichen Verhältnissen absolvieren wollen, soll die Fahrzeuge denn auch nicht an ihre absoluten Kapazitätsgrenzen bringen. Die Tour führt vom Redaktionsstandort in Tagelswangen ZH bei Winterthur über Luzern nach Altdorf UR zum Telldenkmal. Danach gehts weiter über die Axenstrasse und den Sattelpass via Rapperswil SG und das Zürcher Oberland zurück an unseren Ausgangsort. Die Strecke von 233,5 Kilometer setzt sich aus einem Mix von Autobahn-, Landstrassen- und Innerortsabschnitten zusammen.

Und so machen wir uns an einem spätsommerlichen Vormittag bei 21 Grad am Ausgangsort auf die Reise. Etwas Komfort, auf den im Alltag niemand verzichten mag, wollen wir nicht missen. Wir stellen die Klimaautomatik auf 21 Grad, zur Unterhaltung läuft das Radio. Und schon zu Beginn die erste Unsicherheit: Statt der bei VW versprochenen 300 Kilometer zeigt das Fahrerdisplay lediglich 272 Kilometer an – beim Hyundai sinds gar nur 220 Kilometer. Beruhigend ist einzig, dass sich die Angaben im Display auf die Fahrweise der vorherigen Fahrten beziehen.

Möglichst im Rekuperationsmodus
Mit einem etwas mulmigen Gefühl rollen wir die ersten Kilometer über Land zur Autobahn-Auffahrt. Sowohl Kollege Schwinnen als auch ich bewegen die Fahrzeuge dabei im Rekuperationsmodus. Das bedeutet, dass wir mit vorausschauender Fahrweise kaum das Bremspedal betätigen müssen und parallel dazu die Reichweite verlängern.
Im Gegensatz zum Golf mit nur je einer Rekuperations- und Gleitstufe kann ich im Ioniq über die Schaltpaddels am Lenkrad zwischen drei verschiedenen Rekuperationsstärken und einer Gleitstufe wählen. Letztere wird insbesondere auf Autobahnen eingesetzt, um weniger Rollwiderstand zu erzeugen.

Raoul Schwinnen und Andreas Engel machen eine Kaffeepause
Raoul Schwinnen und Andreas Engel machen eine Kaffeepause, während ihre Testfahrzeuge Strom tanken.

Auf der Autobahn fädeln wir uns in den rollenden Verkehr Richtung Gubrist und Innerschweiz ein und versuchen dabei, die maximal erlaubte Höchstgeschwindigkeit auszunutzen. Nach der für E-Autos eher kräftezehrenden Autobahnetappe nehmen wir bei Rotkreuz ZG die Ausfahrt, um fortan über Land zu fahren. Erfreut stellen wir fest, dass die Reichweite in unseren E-Autos nicht proportional zur zurückgelegten Distanz schmilzt.

Steigungen kosten viel Strom
Wir rechnen im Kopf bereits überschlagsmässig, dass wir die Route nun mit der angezeigten Restreichweite eigentlich knapp schaffen sollten. Nach rund der Hälfte der Strecke können wir einen entspannten Zwischenstopp in Altdorf einlegen, um anschliessend via Axenstrasse entlang des Vierwaldstättersees über Brunnen SZ Richtung Sattelpass den Rückweg anzutreten.

An der Steigung büssen die E-Autos zwar stark an Restreichweite ein – einen Grossteil der verbrauchten Energie rekuperieren die Stromer auf dem Weg hinab nach Rothenthurm SZ aber wieder.
Und so ist es für uns letztlich ein leichtes, nach Überqueren des Rapperswiler Damms und der letzten Autobahnetappe durchs Zürcher Oberland mit genügend Restreserven am Ausgangsort einzutreffen.

Unsere Bilanz nach 233,5 gefahrenen Kilometern: Der Hyundai Ioniq Electric weist im Display noch eine Restreichweite von 31 Kilometern, der VW e-Golf 55 Kilometer aus. Addieren wir, schafft der Hyundai im Alltag 265 und der VW 289 Kilometer.
Das bedeutet: Die Abweichung zur Normangabe beträgt im Hyundai 15 Kilometer bzw. 5,7 Prozent und bei VW gar nur 11 Kilometer bzw. 3,8 Prozent.

Fahrt 2: WINTERTEST

Rund vier Monate nach der ersten Vergleichsfahrt könnten die Bedingungen nicht unterschiedlicher sein. Statt der angenehmen 21 Grad zeigt das Thermometer im Infodisplay frostige Minus 5 Grad – und die Temperaturen werden an diesem kalten Februartag kaum über die Nullgradgrenze steigen.
Dieser Unterschied von mehr als 20 Grad scheint auch den E-Autos nicht wohlzutun. Lediglich 227 Kilometer – 45 weniger als im ersten Test – zeigt der e-Golf vor Beginn der Fahrt an. Geringer sind die Abweichungen im Vergleich zur Sommerfahrt im Hyundai, der jetzt 218 Kilometer anzeigt.

Den bitterkalten Temperaturen treten wir mit dem Aufheizen des Inneraums auf kuschelige 23 Grad entgegen und machen uns auf in Richtung Autobahn-Zubringer. Schon nach 75 Kilometern bis zum Luzerner Verkehrshaus – und noch fast 160 bis zum Ziel – merken wir, dass eine erfolgreiche Wiederholung unseres Unterfangens heute schwierig werden könnte. 125 Kilometer zeigen die Digital-Armaturen des Hyundai, immerhin 140 sinds noch beim VW.

Die grosse Angst vor dem Ende
Weitere 45 Kilometer später schlage ich in Altdorf bei Kollege Schwinnen Alarm: 70 Kilometer Restreichweite, und das bei noch ausstehender Passstrasse – das wird eng. Statt auf die Suche nach einer Ladestation via Smartphone-App (z.B. LEMnet) oder das Fahrzeug-Infotainmentsystem zu gehen, riskieren wir die Fahrt über den Sattel und versuchen, es wenigstens ins urbanere Rapperswil zu schaffen, wo die Chancen auf Lademöglichkeiten besser stehen.

Auf dem Sattel legt mir nun auch der Ioniq mit noch 17 Kilometern im Display nahe, eine E-Zapfsäule anzusteuern – statt die restlichen 25 Kilometer nach Rapperswil anzutreten. Die Rekuperationsfähigkeit der Fahrzeuge rettet Kollege Schwinnen und mich schliesslich aber doch in die Stadt am Obersee – der Golf hat jetzt wieder 39, der Ioniq 14 Kilometer Restreichweite.

eine Ladesäule in der Nähe
Zum Glück war eine Ladesäule in der Nähe! Die beiden Testpiloten erreichten mit knapper Not die rettende Stromzapfsäule. Die Winterfahrt hat viel Energie gekostet.

Nach 189 absolvierten Kilometern ziehen wir Zwischenbilanz unserer Winterfahrt: Zusammengezählt wäre ich im Hyundai 203 Kilometer weit gekommen, Kollege Schwinnen im e-Golf 228. Macht eine Abweichung von 27,5 Prozent (Hyundai) bzw. 24 Prozent (VW) zur angegebenen Normreichweite – oder je rund 60 Kilometer weniger weit als unter sommerlicheren Bedingungen.

Noch sind wir allerdings nicht zurück an unserem Ausgangsort – eine Lademöglichkeit muss zumindest für den Ioniq dringend her. Ich nutze die im System verfügbare Suche nach Stationen – und mir werden binnen Sekunden dutzende Stationen in Rapperswil angezeigt. Mitten im Zentrum auf dem Parkplatz Teuchelweiherwiese versuchen wir unser Glück – und treffen zu unserem Erstaunen auf zwei leer stehende Parkplätze mit kostenloser Lademöglichkeit. Mit dem mitgebrachten, standardmässigen Typ-2-Kabel schliessen wir die Fahrzeuge an und gönnen uns in einem nahen Café nach dem nervenaufreibenden Trip eine Verschnaufpause.

Theoretisch wäre es besser
45 Minuten später folgt bei mir die grosse Ernüchterung: Während der VW Golf bereits 11 kWh an Strom bezogen hat, was für insgesamt über 100 Kilometer Reichweite sorgt, lädt mein Ioniq nur mit halber Kapazität. Hyundai sagt später, dass dies der akkuschonenden Ladeeinstellung geschuldet ist – theoretisch wäre mein Testwagen wieder schneller voll gewesen.
Weitere fast 45 Minuten später gehen wir endlich die letzten 45 Kilometer der Teststrecke an. Kollege Schwinnen fährt tiefenentspannt ins Büro zurück, während ich im Ioniq zittere. Bei acht Kilometern Restreichweite und verbleibenden fünf bis ans Ziel wechselt der Hyundai plötzlich in den Notmodus – gekennzeichnet mit einem Schildkröten-Symbol im Display. Mit eingeschränkter Leistung und einem Kilometer Restreichweite auf dem Display erreiche schliesslich auch ich die rettende Tiefgarage. Nicht nur der Hyundai muss nun seine Batterien über mehrere Stunden aufladen – auch ich habe mir den Feierabend nach dieser spannenden Tour redlich verdient.

Fazit: Fast geglückt

Unser Experiment hat gezeigt: Noch reist es sich in einem Auto mit konventionellem Antrieb deutlich entspannter – der unzähligen Tankmöglichkeiten sei dank. Doch mit den immer weiter steigenden Reichweiten und der wachsenden Infrastruktur an Ladesäulen nimmt die E-Mobilität allmählich Fahrt auf und hat das Potenzial, die Verbrenner früher oder später als Antriebsform Nummer 1 im Individualverkehr abzulösen.
So oder so – die Zukunft wird spannend!

Die beiden Elektroautos auf der herausfordernden Winterroute.
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