11. Juni 2018

Momente für die Ewigkeit

Von Sevi und Trello über Jacky und Seppe zu Chappi und Zubi: Wir feiern die 10 grössten Schweizer WM-Legenden und ihre unvergesslichen Heldentaten.

Schweizer Fussball-Nationalmannschaft WM 1938
Die vielleicht beste Nati aller Zeiten: Kapitän Severino Minelli (Mitte, mit Ball) führte die Schweiz 1938 zum Sieg gegen Nazi-Deutschland. (Bild: Sport Archive)

1934 Italien

Severino Minelli 1934
Die Nati vor dem Spiel gegen die Niederlande am 27. Mai 1934. Kapitän Sevi Minelli (1. v. r.) hat den Ball.

Severino «Sevi» Minelli (1909-1994)

WELTKLASSEVERTEIDIGER UND TEIL DES RIEGELS

1934 nimmt die Schweiz erstmals an einer WM-Endrunde teil, die praktischerweise im Nachbarland Italien stattfindet. Vier Jahre zuvor haben die meisten europäischen Teams die dreiwöchige Schiffsreise (Flugverbindungen gibt es noch nicht) nach Uruguay gescheut. Die Schweiz hat ihre Qualifikationsgruppe gegen Rumänien und Jugoslawien gewonnen und trifft in der Vorrunde im Mailänder Stadio San Siro auf die Niederlande. Die Nati setzt sich mit 3:2 durch und erreicht den Viertelfinal. Dort unterliegt sie knapp mit 2:3 gegen die Tschechoslowakei. Dennoch: Die erste WM-Teilnahme ist gelungen.

Einer der Schlüsselspieler der erfolgreichen Qualifikation und Viertelfinalteilnahme ist ein Secondo: Severino «Sevi» Minelli, Sohn italienischer Einwanderer und einer der besten Verteidiger der Welt. «Der Beste, hat man uns immer gesagt», lacht seine Grossnichte und Schriftstelerin Michèle Minelli (49, im August erscheint ihr Roman «Der Garten der anderen»). Zwei Legenden erzähle man sich in der Familie über Sevi, wovon eine gesichert ist: «Er hatte diesen unbändigen Drang, Fussballer zu werden. Also stieg er eines Tages aufs Velo, radelte nach Genf (300 Kilometer!) und heuerte bei Servette an.» Nicht belegt ist hingegen folgende Begebenheit: Bereits als fünfjähriger Knirps soll er auf der Dorfstrasse von Küsnacht, wo seine Eltern ein italienisches Restaurant betrieben, mit einer leeren Konservendose Fussball gespielt haben. Se non è vero, è ben trovato.

Grossnichte Michèle Minelli
«Er stieg aufs Velo, radelte nach Genf und heuerte einfach bei Servette an», beschreibt Grossnichte Michèle Minelli den Start von «Sevis» Karriere.

Seinen Zenit erreicht Sevi in den späten 1930er-Jahren, als die Schweiz mit den ganz Grossen mithält. Der neue Nati-Trainer Karl Rappan führt ein neues Abwehrsystem ein, den berühmten «Schweizer Riegel» (und Vorläufer des Catenaccio), der gegnerischen Mannschaften grosse Mühe bereitet. Das Trio aus Torhüter Willy Huber und den beiden Innenverteidigern August Lehmann und Severino Minelli geniesst Heldenstatus und wird noch Jahre später in der Presse als «Synonym für Bollwerk, Wucht, Härte und glänzendes Zusammenspiel» bezeichnet.
1938 führt Sevi die Mannschaft als Kapitän an die WM in Frankreich, wo die Schweiz den vielleicht grössten Sieg in ihrer Geschichte erringt.

1938 Frankreich

Trello Abegglen 1938
Trello Abegglen (l.) schiesst an der WM 1938 in zwei Begegnungen gegen Deutschland drei Tore. (Bild: Keystone)

André «Trello» Abegglen (1909-1944)

NATI BEZWINGT NAZIS

Zur WM 1938 in Frankreich, der letzten vor dem Zweiten Weltkrieg (1942 und 1946 findet keine WM statt), tritt vielleicht die beste Nati aller Zeiten an. Gespielt wird im K. O.-System und der Gegner im Achtelfinal ist kein geringerer als Nazi-Deutschland. Die Schweiz gerät im Pariser Prinzenparkstadion in der 29. Minute in Rückstand, gleicht aber noch vor der Pause aus. Der torgefährliche Servette-Spielertrainer André «Trello» Abegglen köpft nach einer Flanke unhaltbar ins linke Lattenkreuz. Es bleibt beim Unentschieden, so kommt es am 8. Juni 1938 zum Rückspiel, das über den Einzug ins Viertelfinal entscheidet.

Die Schweiz startet denkbar schlecht und kassiert schon in der 8. Minute den ersten Treffer. In der 22. Minute verursacht Ernest Lörtscher das erste Eigentor der WM-Geschichte. 0:2, die Sache scheint gelaufen. Doch Eugène «Genia» Walaschek schafft kurz vor der Pause das psychologisch wichtige Anschlusstor. In der zweiten Hälfte spielt nur noch eine Mannschaft: 64. Minute, Ausgleich durch Fredy Bickel. Und dann in der 75. und 78. Minute das Doppelpack von Trello Abegglen. Die kleine Schweiz gewinnt gegen «Grossdeutschland», das auch fünf Österreicher auf dem Platz hat, hochverdient mit 4:2.

Jahrhundertspiel in Paris: Die deutschen Spieler recken den Arm
Vor dem Jahrhundertspiel in Paris: Die deutschen Spieler recken den Arm zum Hitlergruss. (Bild: Sport Archive)

Trello Abegglen, der 1944 tragisch an den Folgen eines Zugunglücks verstirbt, entstammt einer äusserst erfolgreichen Fussballerfamilie. Seine Brüder Jean und Max haben ebenfalls in der Nati gespielt. Letzterer trifft 32-mal für die Schweiz und belegt in der ewigen Torschützenliste Platz 3, gefolgt von Trello mit 30. Max, Spitzname «Xam», ist auch Mitbegründer und Namensgeber von Neuchâtel Xamax. Ihr Vater Johann Abegglen stammte aus Iseltwald am Brienzersee, wo sein Bruder Ulrich das berühmte Hotel Chalet du Lac führte, in dem die drei Burschen mehrmals Ferien machten.

Fritz Abegglen ist über viele Ecken mit Trello verwandt
Fritz Abegglen ist über viele Ecken mit Trello verwandt: Sein Urgrossvater Ulrich Abegglen war Trellos Onkel.

Das Hotel wird noch heute und in der fünften Generation von den Abegglens geführt. «Mein Vater erzählte mir noch von den berühmten Verwandten, die er aber leider nie persönlich kennenlernte», sagt Fritz Abegglen (70), der das Chalet du Lac bis 2004 leitete und dann das Szepter seinem Sohn Sascha übergab. Ein kleines Detail erinnert noch an die Fussballer: «Als ich 1997 zum 100-jährigen Jubiläum des Hotels eine Familienchronik herausgab, schickte ich Neuchâtel Xamax eine Kopie, worauf ich postwendend einen Wimpel erhielt, den wir an der Rezeption aufhängten.»

1950 Brasilien

Mit seinen beiden Treffern rang Jacky Fatton Brasilien ein Unentschieden ab
Mit seinen beiden Treffern rang Jacky Fatton Brasilien ein Unentschieden ab. (Bild: Sport Archive)

Jacques «Jacky» Fatton (1925-2011)

HELD VON SAO PAULO

Sich für eine WM in Brasilien qualifizieren und dort gegen den Gastgeber Unentschieden spielen – besser geht es kaum, oder? Dem Schweizer Nationalspieler Jacky Fatton gelingt 1950 all dies, zudem schiesst er beide Tore für die Schweiz! Ein Spiel für die Ewigkeit, von dem er sicher sein Leben lang erzählt haben muss. «Nicht doch, dazu war er ein viel zu schüchterner Mensch», verneint sein Sohn Michel Fatton (70), der wie sein Vater für Servette stürmte. Glücklicherweise gelang es dem Westschweizer Sportjournalisten Gérald A. Piaget, Fatton für ein Buch mehrmals zu interviewen. Lassen wir also Jacky im O-Ton von dem legendären WM-Gruppenspiel zwischen Brasilien und der Schweiz erzählen:

Die Schweiz hat ihr Auftaktspiel gegen Jugoslawien 0:3 verloren und ist damit bereits so gut wie ausgeschieden. Brasilien ist haushoher Favorit und kontrollierte das Spiel entsprechend. «Ehrlich gesagt, die Mittellinie haben wir nicht mehr als zehnmal überquert», so Fatton. Der Gastgeber geht bereits in der dritten Minute in Führung, wenn auch unter Protest der Schweiz, die den Ball zuvor hinter der Torauslinie gesehen hat. Aber das Schützenfest, das die brasilianischen Fans erwartet hatten, bleibt aus: «Die Brasilianer sind zwar die ganze Zeit in unserer Hälfte, kommen aber mit unserem Riegel überhaupt nicht zurecht.»

Michel Fatton über seinen Vater Jacques
«Er war ein sehr schüchterner Mensch»: Michel Fatton über seinen Vater Jacques «Jacky» Fatton, der 29 Mal für die Nati traf und auf Platz 5 ihrer ewigen Torschützenliste steht.

Dann in der 18. Spielminute, die Flanke von Kapitän Fredy Bickel vors Tor der Brasilianer, Jean Tamini verpasst zunächst, der Ball landet zwischen den Beinen eines Verteidigers, von wo ihn der heranstürmende Fatton mit der Fussspitze ins Netz schiebt. Ausgleich für die Schweiz, Todesstille im Estadio do Pacaembu! Das kann doch nicht sein, gegen diese «Schweizer Kuhhirten», wie die Lokalpresse sie verhöhnt. Der Schock lässt etwas nach, als in der 32. Minute Kopfball-Spezialist Baltazar die Seleçao nach einem Eckball wieder in Führung bringt. Trotzdem, so hat sich Brasilien das nicht vorgestellt.

In der zweiten Halbzeit hält Torhüter Georges Stuber die Schweiz mit mehreren Glanzparaden im Spiel, bis Fatton zwei Minuten vor Schluss erneut zuschlägt: «Ich nehme den Ball direkt aus der Luft, wenn auch schlecht, aber er rollt Richtung brasilianisches Tor. Und der Torhüter, will er den Fotografen oder dem Publikum gefallen? Sein Hechtsprung ist ebenso langsam wie vergeblich, denn als er am Boden landet, ist der Ball längst im Netz.» Hans-Peter Friedländer hat wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff sogar noch den Sieg auf dem Fuss, als er alleine vor Torhüter Barbosa steht, trifft aber nur den Pfosten. So bleibt es beim - immer noch sensationellen - 2:2-Unentschieden. Brasilien, das mit vier Reservisten angetreten ist, hat die Schweiz sträflich unterschätzt und sich vor heimischem Publikum blamiert.

Die Schweiz gewinnt ihr drittes Gruppenspiel gegen Mexiko mit 2:1 und scheidet mit drei Punkten aus.

1954 Schweiz

Josef «Seppe» Hügi (1930-1995)

TRAGISCHER HELD DER HITZESCHLACHT IN LAUSANNE

Dass die Schweiz jemals wieder eine Fussball-WM austragen wird, ist äusserst unwahrscheinlich. Schon nur die Auflage, für den Final ein Stadion mit mindestens 80’000 Plätzen bereitzustellen, dürfte sie auf absehbare Zeit disqualifizieren. So wird es bei der Heim-WM von 1954 bleiben, die durch das «Wunder von Bern» bis in die Gegenwart nachklingt: Deutschland schlägt das hochfavorisierte Ungarn im Final 3:2 und «ist wieder wer».

Seppe Hügi (rechts) erzielte an der Heim-WM 1954 sechs Treffer
Seppe Hügi (rechts) erzielte an der Heim-WM 1954 sechs Treffer und wurde Vize-Torschützenkönig. (Bild: APP)

Auch die Schweiz schafft damals vor heimischem Publikum unvergessliche WM-Momente. Die Mannschaft von Trainer Karl Rappan besiegt in der Vorrunde zweimal Italien, überragender Spieler ist Josef «Seppe» Hügi, der drei Tore erzielt. Im Viertelfinal trifft die Schweiz auf Österreich, damals alles andere als ein Fussballleichtgewicht. Die Partie vom 26. Juni in Lausanne geht als eine der verrücktesten in die Geschichte des Fussballs ein: 40 Grad im Schatten und eine Luftfeuchtigkeit von 81 Prozent bringen mehrere Spieler an den Rand des Zusammenbruchs. Österreichs Torhüter Kurt Schmied erleidet einen Sonnenstich und torkelt wie ein Betrunkener zwischen den Torpfosten hin und her. Der Schweizer Abwehrchef Roger Bocquet kollabiert in der Schlussphase, später finden Ärzte einen Gehirntumor.

Enkelin Caroline Hügi
Als unglaublich frustrierend und unfair habe Seppe Hügi die Partie in Lausanne empfunden, so seine Enkelin Caroline Hügi.

Aus heutiger Sicht unglaublich: Auswechseln ist nicht erlaubt. «Mein Grossvater empfand das als unglaublich frustrierend und unfair», sagt Enkelin Caroline Hügi (38). Die «Hitzeschlacht von Lausanne» ist aber auch fussballerisch verrückt. Nach 19 Minuten führt die Schweiz 3:0, doch Österreich gleicht innert weniger Minuten aus. Am Schluss unterliegt der Gastgeber mit 5:7 – bis heute das torreichste Spiel an einer WM.

Und Seppe «Goldfiessli» Hügi ist einer von nur zwei WM-Spielern, dem ein Hattrick gelingt und der das Spiel trotzdem verliert. «Ich habe ihn leider nie live spielen sehen, aber er muss unglaublich gewesen sein», schwärmt Caroline Hügi. Stimmt: Seine Torquote für die Nati ist unerreicht. 23 Treffer in 34 Spielen oder eine Trefferquote von 0.68.

Seppe Hügi 1954
Seppe Hügi 1954 (Bild: Keystone)

1962 Chile

Schneiters sehenswertes Tor ab Position 38:05.

Heinz Schneiter (1935-2017)

TRAUMTORSCHÜTZE

Lospech, Todesgruppe? Anders kann man die Ausgangslage der Schweiz an der WM 1962 nicht beschreiben: In der Vorrunde warten Gastgeber Chile und die beiden Fussballgrossmächte Deutschland und Italien. Trainer Karl Rappan – in seiner vierten und letzten WM für die Schweiz – bemüht im Flugzeug noch den Aussenseiterbonus, der sich aber nicht einstellt. Die Schweiz verliert alle drei Gruppenspiele und scheidet aus. Vor allem in der zweiten Partie gegen Deutschland wäre vielleicht mehr möglich gewesen. Charly Elsener, später zum besten Torhüter des Turniers gewählt, erwischt einen Supertag und reiht Parade an Parade. Erst in der zweiten Halbzeit geht Deutschland durch Treffer von Albert Brülls und Uwe Seeler mit 2:0 in Führung.

Lustiger Beitrag aus dem Archiv des Schweizer Fernsehens über die Vorbereitungen der Nati auf Chile.

In der 73. Minute kommt die Schweiz zu einem Eckball, den Kapitän Kiki Antenen flach auf André Grobéty spielt. Der passt hoch in den Strafraum auf Roger Vonlanthen, doch der deutsche Schlussmann Wolfgang Fahrian klärt mit der Faust. Allerdings genau nicht sehr weit und genau vor die Füsse des nachgerückten Heinz Schneiter, der den Ball aus der Luft in hohem Bogen zurück aufs Tor schiesst. Der deutsche Verteidiger Karl-Heinz Schnellinger versucht noch auf der Linie zu rette, doch der Ball passt perfekt unter die Latte. Die Schweiz verkürzt auf 1:2. Leider bleibt es dabei.

Daniel Schneiter durfte seinen Vater zu Treffen mit Uwe Seeler und Franz Beckenbauer begleiten
Daniel Schneiter durfte seinen Vater zu Treffen mit Uwe Seeler und Franz Beckenbauer begleiten.

An mangelndem Kampfgeist hat es diesmal nicht gelegen. «Weisst du, Uwe, ich habe schon ganz andere fertiggemacht als dich», hatte der gross gewachsene Schneiter vor dem Anpfiff gegenüber dem leicht untersetzten Uwe Seeler geätzt. Dessen ungeachtet tauschen sie nach dem Spiel Trikots und lachen in den Jahren danach über die Anekdote. «Mein Vater blieb mit Uwe Seeler und auch Franz Beckenbauer freundschaftlich verbunden. Er schätzte diese Kontakte sehr und nahm mich zu den Treffen mit», erinnert sich Sohn Daniel Schneiter (58), Direktor der Bank Spar- und Leihkasse Frutigen. Schneiter führt die Schweiz vier Jahre später als Kapitän an die WM in England, wo dann allerdings zwei andere Schweizer für Schlagzeilen sorgen.

1966 England

Godi Dienst vor dem Anpfiff des Endspiels
Godi Dienst vor dem Anpfiff des Endspiels mit Uwe Seeler und Bobby Moore. Ganz links: Linienrichter Tofik Bachramow. (Bild: Keystone)

Gottfried «Godi» Dienst (1919-1998)

WEMBLEY-TOR-GEBER

Von der WM 1966 in England gibt es sportlich aus schweizerischer Sicht leider wenig Gutes zu berichten. In der Todesgruppe mit Deutschland, Spanien und Argentinien geht sie mit 1:9 Toren und 0 Punkten sang- und klanglos unter. Wobei, Missklänge gibt es durchaus: Gegen Deutschland sitzt Köbi Kuhn auf der Bank, weil ihn Trainer Alfredo Foni wegen Missachtung der Nachtruhe gesperrt hat. Die berüchtigte «Nacht von Sheffield» weitet sich in den Monaten danach zum regelrechten Skandal aus, der sogar die Schweizer Justiz beschäftigt.

So ist es an einem anderen Schweizer, für sein Land zu glänzen: Der Basler Schiedsrichter Gottfried «Godi» Dienst, einer der besten seiner Generation, wird mit der Leitung des Finals zwischen Gastgeber England und Deutschland beauftragt. Dort gibt er in der 101. Minute das berühmte Wembley-Tor, durch das England das Spiel entscheidet und Weltmeister wird: Geoff Hursts Schuss prallt von der Unterkante der Latte fadengerade nach unten. Hat der Ball die Linie vollständig überquert? Godi Dienst hat es nicht gesehen und fragt seinen sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow. Der sagt ja. Das Tor zählt.

«Mein Grossvater erhielt sogar Morddrohungen», sagt Sacha Kunz
«Mein Grossvater erhielt sogar Morddrohungen», sagt Sacha Kunz über die Zeit nach dem umstrittenen Torentscheid.

«Die Zeit danach war nicht nur einfach, mein Grossvater erhielt sogar Morddrohungen», sagt Sacha Kunz (49), Enkel von Godi Dienst. Trotzdem habe er interessierten Leuten gerne die Geschichte des Wembley-Tors erzählt. Er war oft Gast im deutschen Fernsehen und kehrte auch mehrmals an den Ort des Geschehens zurück. Aufgrund von Video-Analysen ist heute klar, dass Godi Dienst damals falsch entschied.

Doch in einem Punkt hat er wohl recht gehabt: «Sascha, die werden noch in 100 Jahren über dieses Tor diskutieren», sagte er seinem Enkel auf dem Sterbebett.

+++Ein WM-loses Tal der Tränen, 28 Jahre lang+++

1994 USA

Stürmer Stéphane Chapuisat
«Wir spielten den perfekten Match»: Stürmer Stéphane Chapuisat über eins der besten Spiele der Schweizer Nati.

Stéphane «Chappi» Chapuisat

TORJÄGER

26 lange Jahre mussten die Schweizer Fans warten, bis es wieder eine Nati an eine WM schaffte. Und in den USA fegten die Schweizer in der Vorrunde die spielstarken Rumänen gleich mit 4:1 vom Platz. Es gilt als eins der besten Spiele einer Schweizer Nati überhaupt. Oder wie es Stéphane Chapuisat (48), einer der ersten Schweizer Stars in der deutschen Bundesliga, sagt: «Wir wussten, mit einem Sieg können wir uns für die Achtelfinals qualifizieren und spielten den perfekten Match.» Dem Stürmer gelingt das Tor zur 2:1-Führung.

«Es war ein wunderschönes Erlebnis. Dank den vielen Schweizer Fans kamen wir uns vor wie bei einem Heimspiel», erinnert sich der heutige Chefscout und Stürmertrainer beim Schweizer Meister Young Boys. Das Erlebnis war auch deshalb speziell, weil die Durststrecke für die Nati besonders lang andauerte. «Chappi» sagt: «Wir fühlten uns wie in einem Abenteuer, im Gegensatz zu heute hatte kein Spieler Erfahrung mit einer WM.»

Als «Schlüssel des Erfolgs» bezeichnet er den damaligen Trainer Roy Hodgson. «Unser Team war gut organisiert, diszipliniert, und jeder Spieler wusste genau, was seine Aufgabe war.» Ein Jahr nach dem Turnier sorgt die Schweizer Mannschaft gleich nochmals für Aufsehen: Sie rollt ein Laken aus und protestiert gegen die Atombombentests der Franzosen in der Südsee. Nicht dabei ist Chapuisat: Er muss verletzungsbedingt pausieren.

2006 Deutschland

Pascal Zuberbühler kam nach dem Aus gegen die Ukraine
In seinem Kopf spielten sich ganze Filme vor- und rückwärts ab: Pascal Zuberbühler kam nach dem Aus gegen die Ukraine ins Grübeln.

Pascal «Zubi» Zuberbühler

PENALTY-KILLER

Wird Pascal Zuberbühler (47), langjähriger Goalie der Schweizer Nati, auf die WM in Deutschland angesprochen, kommt er ins Schwärmen: «Die Weltmeisterschaft im Nachbarland war ein riesiges Erlebnis. Wir hatten einen super Teamgeist und waren eine grosse Mannschaft. Wir konnten unsere Gruppenspiele alle souverän und ohne Gegentore beenden, was zum Gruppensieg führte.» Doch dann kam das, wie er sagt, «glorreiche Spiel» im Achtelfinal gegen die Ukraine. Nach 120 Minuten immer noch kein Tor, das Penaltyschiessen muss entscheiden. Und weil die Schweizer keinen einzigen Elfmeter versenken, scheiden sie letztlich mit 0:3 nach Verlängerung aus.

«Zubi» erhält in der regulären Spielzeit als einziger Torhüter des Turniers kein Goal und pariert den ersten Penalty der Ukrainer, getreten von ihrem damaligen Star Schewtschenko. «Als wir abreisen mussten, kam ich ins Grübeln. Weshalb bist du zu Hause, ohne ein Tor erhalten zu haben, fragte ich mich.» Das musste er mental verarbeiten. In seinem Kopf spielten sich ganze Filme vor- und rückwärts ab. Es sei schon gewaltig, dass er nun wegen dieser Bilanz in den Fifa-Büchern verewigt sei. Doch er hätte lieber einen Fehler gemacht, und die Schweiz hätte dafür 3:2 gewonnen, wünscht sich der baumlange Ostschweizer. Dennoch ist ihm die WM der Ausgabe 2006 in bester Erinnerung: «Beim Spiel gegen Togo in Dortmund füllte sich das Stadion schon eine Stunde vor Beginn mit 60'000 Zuschauern. Wow, das war das Grösste, was ich vor eigenen Fans erlebte.»

Heute ist «Zubi» beim Teleclub als Experte und bei der Fifa als Spezialist für die weltweite Goalieausbildung angestellt und «extrem viel unterwegs, weil ich Goalietrainerkurse gebe». Am 12. Juni 2018 wird er nach Russland fliegen und verschiedene Spiele verfolgen. «Ich bewerte Torhüter auf einem Tablet und leite Spielsequenzen an ein Analyseteam weiter. Ich könnte mir vorstellen, dass es eine wunderbare WM wird.»

2010 Südafrika

Mittelfeldspieler Gelson Fernandez
Mittelfeldspieler Gelson Fernandez (Bild: Keystone)

Gelson Fernandez

SPANIEN-BEZWINGER

Eine einzige Mannschaft schaffte es, gegen den späteren Fussball-Weltmeister Spanien zu gewinnen: die Schweizer Nati. Gelson Fernandes (31) gelang das historische Tor zum 1:0-Sieg in der Vorrunde. «Wir hatten Mühe gegen die technisch starken Spanier, den damaligen Europameister. Als ich in der zweiten Halbzeit das Goal erzielte, war das für mich ein so geiles Gefühl, wow, einfach unglaublich», sagt der Mittelfeldspieler mit kapverdischen Wurzeln. Er habe allen gezeigt, dass er in wichtigen Momenten ein Tor schiessen kann. Seine Karriere habe dies jedoch nicht beeinflusst.

Fernandes ist zum ersten Mal überhaupt in Südafrika und von den freundlichen Menschen, aber auch von den Sicherheitsvorkehrungen beeindruckt. «2018 wird nun meine letzte WM-Endrunde sein. Das ist schon sehr speziell und wie eine Belohnung für meine ganze Karriere. Vielleicht», fügt er an, «schaffe ich es danach noch an eine Europameisterschaft.»

2014 Brasilien

Stephan Lichtsteiner, Captain des Schweizer Teams an der WM 2014
Stephan Lichtsteiner, Captain des Schweizer Teams an der WM 2014 in Brasilien. (Bild: Keystone)

Stephan Lichtsteiner

KAPITÄN

118. Minute im Achtelfinale zwischen der Schweiz und Argentinien: Angel Di Maria zerstört mit seinem Treffer die Träume der Schweizer. Der Aussenverteidiger und heutige Nati-Kapitän Stephan Lichtsteiner (34) erinnert sich: «Die Stimmung im Stadion Corinthians in Sāo Paulo war super, die brasilianischen Fans haben uns mit jeder Ballberührung lauthals singend unterstützt.» Weniger, weil die fussballbegeisterten Brasilianer die Schweizer besonders mögen. Vielmehr verbindet Argentinien und Brasilien eine Art Hassliebe. In letzter Sekunde trifft Dzemaili – nur den Pfosten. «In grossen Spielen entscheiden solche Details», sagt Lichtsteiner rückblickend. «Von der WM 2014 blieb mir dieses Achtelfinale am meisten in Erinnerung.»

Der langjährige Leistungsträger beim italienischen Serienmeister Juventus Turin wechselt nach zehn Jahren Italien zu Arsenal. Er hat sich auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber bewusst viel Zeit genommen. «Es wird wohl mein letzter Vertrag als Fussballer sein. Deshalb ist es besonders wichtig, dass ich für meine Familie und mich richtig entschieden habe.»

Mit freundlicher Unterstützung des Fifa-Museums in Zürich, das Leihgaben und Fotomaterial zur Verfügung gestellt hat.

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