22. Juni 2018

Die wütende Prinzessin

Slam-Poetin Lisa Christ bringt mit ihren Texten die Themen ihrer Generation auf die Bühne – und macht aus ihrer Wut keinen Hehl. Am 30. Juni feuert die Oltnerin ihre Wortsalven am Open Air St. Gallen ins Publikum.

Lisa Christ
Vor jedem Auftritt geht Lisa Christ noch kurz auf die Toilette. Und wehe, das WC-Papier fehlt!
Lesezeit 1 Minute

Regt sich Lisa Christ über etwas auf, bekommt das zuerst Detlef zu spüren. So heisst ihr Laptop. Auf Detlef macht sie ihrem Ärger Luft über Ernährungsfanatiker, die ihr vorschreiben wollen, was sie zu essen hat («Ein Hoch auf Cola und Zuckerwatte!»). Oder über Eltern, die ihren Kindern vermitteln, dass sie alles werden können («Ein Eichhörnchen wirst du niemals sein!»). Oder über Schubladen («Sie sind zwar gut für Kleider, aber zu eng für Menschen!»).

Ist Detlef zugeklappt und Lisa Christ auf der Bühne, erntet das Getippte grossen Applaus. «Sich aufregen ist ein Element, das vor dem Publikum gut funktioniert, denn es trägt viel Energie in sich», sagt die Künstlerin.

Zuletzt aufgeregt hat sie sich diesen Morgen. Sie hat verschlafen. «Stress am Morgen nervt!» Die 27-Jährige trägt ihr Haar schulterlang und blond, hat das Leopardenjäckchen zur farbigen Bluse kombiniert. Jetzt ist sie wieder entspannt.

Draussen regnet es auf Olten herab. Eines der Lieblingswörter von Lisa Christ ist «Petrichor». Es bezeichnet den Duft, der entsteht, wenn Regen auf den warmen Boden trifft. «Diesen Geruch mag ich sehr gerne. Und das Wort ist toll, oder?» Ein weiteres Lieblingswort ist «Onomatopoesie». So nennt sich, was klingt wie seine Bedeutung; etwa «summen» oder «zirpen». «Meine Liebe zu Worten war irgendwie schon immer da», sagt die junge Frau. In Olten besuchte Lisa Christ die Kantonsschule. Mit 16 Jahren kam sie im örtlichen Kulturzentrum zum ersten Mal in Kontakt mit Poetry Slam, dem Wettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Literatur in Rekordtempo den Zuhörern vorgetragen wird.

«Ein Eichhörnchen wirst du niemals sein!»: Mit ihren witzigen Texten machte sich Lisa Christ über die Grenze hinweg einen Namen. (Bild: Jakob Kilgass)

Es war ein Mittwochabend, als sich Lisa Christ im Rahmen einer offenen Bühne mit eigenen Texten vors Publikum wagte. Die Reaktionen waren so gut, dass sie am Freitag drauf an ihrem ersten Poetry Slam teilnahm. «Ich war total fasziniert», sagt sie. Wenn sie auf der Bühne steht, kann sie alles hinter sich lassen. In dem Moment geht es nur darum, den Leuten etwas zu erzählen.

«Nieder mit den Bodytoning-Gurus!»

Die Wortakrobatin beschäftigt sich mit Alltagsthemen, dem Leben als Frau, Selbsterkenntnissen – immer mit viel Humor, immer mit der nötigen Wut. Das klingt dann so: «Man muss mittlerweile darum kämpfen, den Appetit nicht zu verlieren. Diese Gesundheitsnazis reden so lange auf einen ein, bis man auch in der geilsten Pommes Frites nur noch eine hässliche Fettwurst auf den Hüften sieht. Aber ich, ich weigere mich, diesen Wahnsinn mitzumachen! Nieder mit all diesen Bodytoning-Gurus!»

Die ersten drei Jahre trat sie praktisch nur in Olten auf. Dann sind die Auftritte immer mehr geworden. Auch ausserhalb des Städtchens, ausserhalb des Landes. Bevor sie auf die Bühne geht, macht sie jeweils zwei Dinge. Erstens: Sie geht, wenn möglich, noch kurz aufs Klo. Zweitens: Sie bewegt ihren Körper, hüpft herum, nimmt Anlauf für den Auftritt.

Der Erfolg hat sie selber überrascht. Sie gewann den U20-Schweizermeistertitel, den Kulturförderpreis für Literatur des Kantons Solothurn, schaffte den Finaleinzug bei der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft. Vor kurzem hat sie ein Buch mit ihren gesammelten Texten veröffentlicht, es heisst «Im wilden Fruchtfleisch der Orange». Momentan arbeitet sie an einem abendfüllenden Bühnenprogramm.

«Lange war das Slammen einfach ein Hobby. Erst vor drei, vier Jahren habe ich gemerkt, dass ich genug Geld damit verdiene», sagt Lisa Christ. Sie lebt indes nicht nur vom Poetry Slam. Gerade schreibt sie an einer unkonventionellen Museumsführung und gibt Poetry-Slam-Workshops an Schulen. Letztes Jahr hat sie ihr Studium in Vermittlung von Kunst und Design abgeschlossen.

Poetry Slam weiblicher machen


Ziemlich eindrucksvoll, wenn man erfährt, dass Lisa Christ als Kind Prinzessin werden wollte. Sie grinst. Irgendwie kann man sie sich auch gut mit Krönchen vorstellen. Dass Frauen zu mehr fähig sind, als nur schön auszusehen, wusste Lisa Christ schon früh. «Wenn man in der heutigen Zeit eine Frau ist und ein bisschen die Augen offen hat, merkt man, dass es Ungleichheiten gibt. Und diese sind meist nicht gerechtfertigt.»

Wenn ich zuhause bin, mache ich ganz normalen Basic-Shit

So sei das auch in der Poetry-Slam-Szene. Darum setzt sie sich im Vorstand des Vereins «Slam Alphas» ein. Dessen Ziel besteht darin, Frauen und Mädchen im Poetry Slam sichtbar und erreichbar für die Veranstaltenden zu machen. Früher sei es ganz normal gewesen, dass sie als «einzige Frau des Abends» vorgestellt wurde. Heute trage die Arbeit ihres Vereines bereits Früchte, sagt sie stolz. Dank einer interaktiven Karte finden Veranstalter Slam-Poetinnen in ihrer Region.

Wenn Lisa Christ nicht gerade schreibt oder slammt, unterrichtet oder unterwegs ist, macht sie «ganz normalen Basic-Shit». Es erdet sie, alltägliche Dinge zu tun, wie zum Beispiel ihr Zimmer aufzuräumen. Mit zwei WG-Mitbewohnern lebt sie in einem Haus mit Garten, mitten in Olten. «Ich liebe es, mit meinen Katzen Findus und Louis zu kuscheln. Oder ich mache mit meinem Freund oder mit meinen Freundinnen ab.»

Weil sie sehr aktiv auf Facebook und Instagram ist, gönnt sie sich von Zeit zu Zeit eine Smartphone-Pause. Dann legt sie das Handy während der ganzen Ferien zur Seite. Es heisst übrigens Luna.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

QueenKong bemalen eine Wand

QueenKongs Galerie ist die Welt

Pipilotti Rist blickt in die Kamera

Pipilotti Rist sorgt für Furore

Donald Trump im Wahlkampf

Ein Referendum über Donald Trump

Christine Pappert glaubt an die Institution Ehe

Anwältin Christine Pappert sagt, warum eine faire Scheidung beiden weh tut