31. August 2017

Die Wildhüterin aus dem Val Lumnezia

Pirmina Caminada betreibt am Anfang der Greinaebene im fast unberührten Val Lumnezia ein Jurten-Café. Sie ist auch die erste Wildhüterin in Graubünden, gibt Kräuterkurse und schreibt Bücher.

Pirmina Caminada Val Lumnezia
Pirminia Caminada ist als Wildhüterin für das Val Lumnezia verantwortlich. Ihre Jurte (im Hintergrund links unten) befindet sich im selben Gebiet.

Ein rauschender Bach, saftig-grüne Bergketten, eine Quelle mit glasklarem Wasser, von fern Kuhglockenklänge: In dieser Umgebung beim Sommerweiler Puzzatsch oberhalb von Vrin GR steht seit Ende Juni eine Jurte, die sich Café Greina nennt. Pirmina Caminada (48) ist Initiantin, Wirtin und Chefin dieses Cafés am Anfang des Wanderwegs zur Greinaebene.

«Die Idee kam an einem Silvesterabend vor vielen Jahren», erzählt Caminada. «Zusammen mit meinem damaligen Lebenspartner und einem guten Freund verbrachte ich ein paar Tage im Maiensäss. Wir fanden, wir könnten doch im Sommer zuhinterst im Val Lumnezia eine Jurte betreiben, zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur.»

Die Jurte befindet sich am Anfang des Wanderwegs zur Greinaebene.

Als sie sich später zur Natur- und Umweltfachfrau weiterbildete, machte sie aus der Idee eine Projektarbeit. 2015 liessen sich erstmals Gäste auf der Terrasse der Jurte mit Käseplatten verwöhnen, mit luftgetrockneten Fleischspezialitäten, hausgemachten Suppen, Desserts oder Heidelbeeren, die in diesen Tagen direkt vor der Jurte wachsen.

«Die Kunden schätzen die besondere Atmosphäre mitten in der Alpenlandschaft», sagt Caminada. «Aber finanziell lohnt sich unser Betrieb nicht. Wir haben ja auch nur von Ende Juni bis Mitte September geöffnet.» Die Projektleiterin ist auf Sponsoren angewiesen und hat deshalb ein Crowdfunding über 15 000 Franken gestartet. Sie möchte das Jurten-­Café auch im nächsten Jahr wieder betreiben. «Für mich ist das ein schönes Hobby.» Tochter Angela (21), die die Häppchen zubereitet und serviert, hilft ihr zusammen mit rund einem halben Dutzend Angestellten, die entweder aus purer Freude mitziehen oder im Stundenlohn angestellt sind.

Das Team der Jurte besteht aus Frauen, die aus purer Freude mithelfen oder im Stundenlohn angestellt sind.

Pirmina Caminada kann sich das leisten, weil sie seit Juni 2016 nebenbei als Wildhüterin für Graubünden ar­beitet – als erste Frau im Kanton überhaupt. Ihre Jagdprüfung absolvierte sie schon vor gut 25 Jahren. Sie mag den vielseitigen Beruf: «Meine Aufgaben reichen von Wildtierbeobachtungen über die Kontrolle der Hochjagd im September bis zur Überwachung von Schutzzonen. Ich achte etwa darauf, dass Jäger, Pilzsammler und Fischer die Vorschriften einhalten.»

Bartgeier im Tal des Lichts

Das Val Lumnezia sei auch wegen der Vogelarten interessant, schwärmt Caminada. «Bei uns leben Wachtelkönige, Wiedehopfe und Steinadler. Gestern konnte ich in der Greinahochebene sogar einen imposanten Bartgeier im Suchflug nach Knochen beobachten. Das sind Momente, in denen man alles rundum vergisst.»

Tiere und Pflanzen begleiten sie seit ihrer Kindheit. Das Tal des Lichts – so die Übersetzung von Val Lumnezia – bewohnen auch Wölfe und Luchse. Die Bündnerin hat diesen Flecken Erde als Co-Autorin im Buch «Orte der Magie – Wanderungen zu kraftvollen Plätzen» thematisiert.

Hier hatte sie viele unvergessliche Begegnungen. Einmal erlebte sie, wie Murmeltiere – gerade mal ein paar Wochen alt – erst aus dem Bau und dann auf ihre Hand krochen. «Da spürt man die Verbundenheit mit der Natur besonders stark auf der Herzensebene.»

Das Val Lumnezia ist Arbeits- und Wohnort der zweifachen Mutter. Sie lebt mit ihrem schwarzen Labrador, der jungen Jagdhündin Leila, in einem umgebauten Schulhaus im 100-Seelen-Dorf Surcasti, rund 25 Kilometer vom Jurten-Café entfernt. Im Winter gibt sie in einem grossen Saal im Parterre ihres Zuhauses Kurse, zuletzt ein Räucherseminar. Das Räuchern sei eine uralte Heilmethode, um Krankheiten zu heilen und das Wohlbefinden zu fördern. Dabei werden Häuser ausgeräuchert, «um sie vor schlechten Energien zu befreien». Caminada hat die Kräuterakademie in Salez SG absolviert. So lernen die Kursteilnehmer auch viel über einheimische Kräuter und Substanzen wie Baumharze, Meisterwurz oder die Alpenrose.

Ursprünglich hat die Bündnerin wie schon ihre Grossmutter und ihre Tante Damenschneiderin gelernt, aber auch mal in der Metzgerei der Migros in Ilanz GR ausgeholfen. Sie habe in ihrem Leben immer das gemacht, was ihr Spass bereite. «Einer meiner Slogans lautet ‹Vielfalt statt Einfalt›.» Das Leben biete so viele Möglichkeiten, einzutauchen und die Kreativität auszuleben. In den Ferien reist sie meist ins Ausland und begegnet dort gerne anderen Kulturen.

Das Wasser ist allerdings nicht Caminadas Element. «Dafür war ich in der Schule im Weitsprung die Beste», sagt sie, «weil ich als Kind oft Bäche überqueren musste.»

Blick in die Jurte: Das Angebot an frischen Speisen hat sich herumgesprochen. Dennoch lohnt sich der Betrieb finanziell (noch) nicht.

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