22. Juli 2019

Die verlorene Zeit

Bänz Friedli (54) schwelgt dank eines Dufts in Erinnerungen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser*innen austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Duschgel im Bad
Das Duschgel, dessen Geruch Bänz Friedli in die Vergangenheit zurückversetzt.

Meine Liebste hat mir ein Duschgel geschenkt. Nicht irgendeins – dasjenige, das ich in unserer Anfangszeit benutzte, vor vielen, vielen Jahren. Ein Naturprodukt aus der Drogerie, cremig, süsslich, aus Weizenkeimlingen hergestellt. Schon damals konnte man es nachfüllen lassen und dadurch Plastikabfall vermeiden; der Hersteller war der Zeit voraus. Ohne viel zu überlegen, schmiere ich mich nach weiss nicht wie vielen Jahren damit ein, und zack! ist alles wieder da: die enge Duschkabine, der Gasdurchlauferhitzer, das Fensterchen zum Lüftungsschacht, überhaupt die erste gemeinsame Wohnung, das LP-Gestell aus Harassen, die gerahmte Fotografie an der Wand: Kuba! Ich höre sogar die Musik, die wir hörten. Crowded House, Neneh Cherry, The Chemical Brothers. Und all dies wegen eines Dufts.

Gerüche wecken Erinnerungen, die Wissenschaft spricht vom Proust-Effekt. Weil der französische Romancier Marcel Proust beschreibt, wie ihn der Geruch eines Gebäcks, das er in eine Tasse Tee getunkt hat, an die Zeit erinnert, da seine Tante ihm jeweils eine Madeleine reichte, die sie zuvor mit ihrem Tee benetzt hatte. Schon ist er in die Kindheit zurückversetzt: «In diesem Augenblick sind alle Blumen unseres Gartens, desgleichen die ganzen Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuschen und die Kirche und ganz Combray und Umgebung, Form und Festigkeit annehmend, Stadt wie Gärten, aus meiner Tasse Tee entstanden.»

Gerüche wecken einst durchlebte Emotionen, weil die Nervenpfade des Geruchssinns von der Nase direkt zur Gedächtnisschaltzentrale unseres Gehirns führen. Wir alle kennen das: Popcorn riecht nach Kino, Bratwurst nach Grümpelturnier, das Parfum L’Eau d’Issey nach … Nein, das behalte ich für mich. «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit», hiess Prousts Buch. Und wenn Sommerregen auf Asphalt fällt und es staubig herb in die Nase steigt, bin ich sogleich zurückversetzt auf ein bestimmtes Wegstück zwischen Heggbühl und Runihubel. Ich sitze auf meinem roten Cilo-Halbrenner, es ist Sonntag.

Nur dem einen Geruch, meinem allerliebsten, bin ich noch nicht auf die Spur gekommen. Wann immer er mich anspringt, könnte ich auf der Stelle zerfliessen. Ein zärtlicher, verführerischer Pflanzenduft, den ich immer nur im Vorbeigehen wahrnehme. Lange dachte ich, es sei Flieder. Oder Magnolie, Lorbeerkirsche? Ich weiss es nicht. Liesse der Duft sich einfangen, in Flaschen abfüllen, ich würde ihn kaufen. Und doch bin ich froh, dass man das nicht kann. Weil es gut ist, neben all den Erinnerungen auch noch Sehnsüchte zu haben. Ungestillte.

Bänz Friedli live: 2.8. Unterwasser SG; 3.8. Steinhausen ZG, Waldstock Open Air; 4.8. Grindelwald BE

Die Hörkolumne (MP3)

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